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23.01.2006

20:48 Uhr

Problem Überalterung

Die Folgen der Vergreisung

VonNicole Bastian

Im vergangenen Jahr ist Japans Bevölkerung erstmals geschrumpft. Inzwischen gibt es dort ein Ministerium, das eigens für die Ankurbelung der Geburtenrate zuständig ist. Deutschland plagen ähnliche Sorgen mit der Überalterung.

Blick in die Zukunft: Altersstruktur 2050. Grafik: Handelsblatt

Blick in die Zukunft: Altersstruktur 2050. Grafik: Handelsblatt

TOKIO. Der Brief des Gouverneurs ging an 20 000 Menschen. „Kehren Sie heim“, bat Nobuyoshi Sumita frühere Bewohner der Präfektur Shimane, die es in die Großstädte gezogen hatte. Informationen über Job- und Wohnungsförderung und eine Broschüre über das Rentnerleben in der Präfektur, die an Japans Nordküste liegt, dienten als Köder.

Nicht nur Shimane, auch andere Präfekturen kämpfen um Bewohner. Denn nach den jüngsten Statistiken von Ende Dezember ist Japans Bevölkerung 2005 erstmals geschrumpft. Die Zahl der Todesfälle lag um 10 000 über der der Geburten – das hat es in Friedenszeiten bisher nicht gegeben. In weniger als vierzig Jahren könnte die Bevölkerung in der weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft nach Schätzungen des Nationalinstituts für Bevölkerungs- und Sozialversicherungsforschung von jetzt knapp 128 Millionen auf unter 100 Millionen Menschen fallen.

Weil die Talfahrt zwei Jahre eher beginnt als erwartet, läuft die politische Diskussion heiß: Noch in diesem Monat soll eine Spitzenrunde aus Koalitionsparteien und Ministern erstmals über Abhilfe beraten: „Wir wussten es seit 30 Jahren, aber wir haben es nicht geschafft, effektive Schritte dagegen zu unternehmen“, meint Innenminister Heizo Takenaka.

Mit Kuniko Inoguchi hat Japan bereits eine Ministerin, die eigens für die Ankurbelung der Geburtenrate zuständig ist. Alle Anläufe des früher zuständigen Innenministeriums waren zuvor gescheitert. 2004 lag die Geburtenrate mit 1,29 Kindern pro Frau so niedrig wie noch nie. Für 2005 wird sogar mit einem weiteren Rückgang auf 1,26 oder 1,27 gerechnet. Damit liegt Japan noch hinter Deutschland, wo die Frauen im Schnitt rund 1,3 Kinder gebären. Erst allmählich dämmerten Politik und Wirtschaft, dass sich eine schrumpfende Bevölkerung langfristig auch negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirke, sagt Familienpolitikerin Seiko Noda – von den Sozialkassen ganz zu schweigen.

Experten hoffen, der sinkenden Zahl von Arbeitskräften durch längere Arbeitszeiten, Kapitalinvestitionen und eine höhere Produktivität begegnen zu können. Japans Wirtschaft werde trotz der demographischen Entwicklung zwischen 2006 und 2010 um 1,5 bis 2,3 Prozent pro Jahr wachsen, prognostiziert der Ökonom Peter Morgan von der Investmentbank HSBC Securities. Doch während den Unternehmen der Rückgang der Arbeitsbevölkerung in den Jahren der Sanierung noch gelegen kam, bereitet ihnen inzwischen der drohende Fachkräftemangel Sorge. Wegen der ungewöhnlich starken Nachkriegsjahrgänge erreichen zwischen 2007 und 2009 rund sieben Millionen Japaner das Zwangsrentenalter, das in den meisten Firmen noch bei 60 Jahren liegt.

Um die Arbeitsbevölkerung dennoch zu steigern, will die Regierung den Anteil berufstätiger Frauen und älterer Menschen erhöhen. So wird der Beginn der Rentenauszahlung durch ein neues Gesetz schrittweise auf 65 Jahre angehoben. Mit einer verstärkten Immigration auf den noch recht abgeschlossenen Arbeitsmarkt tun sich Gewerkschaften und Politiker hingegen noch schwer.

Allerdings kann die zunehmende Vergreisung der japanischen Bevölkerung auch Wachstumsimpulse setzen: So hat die Stadt Sendai im Nordosten mit zwei örtlichen Universitäten und der finnischen Regierung 2005 das „Sendai-Finnland-Wohlfühlzentrum“ eröffnet. Firmen aus Sendai und Finnland sollen hier neue Pflegekonzepte und Produkte für Senioren entwickeln – in einem Forschungszentrum gleich neben dem Altenheim.

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