Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

13.12.2011

09:45 Uhr

Prochorow-Kandidatur

Russische Zeitungen wittern Strategie des Kreml

Die Kandidatur von Michail Prochorow bei der russischen Präsidentschaftswahl könnte Medienberichten zufolge auf einem Plan des Kreml beruhen. Der Milliardär könnte demnach zum Abfangen von Protestwählern dienen

Der russische Milliardär Michail Prochorow. dpa

Der russische Milliardär Michail Prochorow.

MoskauDie Kandidatur des russischen Milliardärs Michail Prochorow bei der Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr könnte Medienberichten zufolge eine Strategie des Kremls sein. Nachdem Prochorow am Montag überraschend seine Kandidatur angekündigt hatte, äußerten mehrere russische Zeitungen am Dienstag den Verdacht, dass der Kreml mit der Aufstellung des Milliardärs erreichen wolle, Protestwähler gegen den Ex-Präsidenten und derzeitigen Ministerpräsidenten Wladimir Putin abzufangen, der 2012 wieder Präsident werden will. Prochorows Ankündigung kam zu einem Zeitpunkt, zu dem Russland von Massenprotesten der Opposition gegen das umstrittene Ergebnis der Parlamentswahl vom 4. Dezember erschüttert wird.

Welche Gruppen den Protest in Russland organisieren

Extrem links Gerichtete

„Das andere Russland“ bezeichnet sich selbst als Partei, wurde aber nicht zur Duma-Wahl am Wochenende zugelassen. Sie wird von dem umstrittenen Schriftsteller Eduard Limonow geleitet. In ihrem Gedankengut mischen sich Ideen der extrem Rechten und der Kommunisten. Ihre Anhänger sind häufig in Auseinandersetzungen mit der Polizei verwickelt. Die Gruppe „Linke Front“ ist eine radikale Bewegung, die den Sozialismus in Russland umsetzen will. Ihr gehören überwiegend junge Menschen an. Auch sie sind häufig in Zusammenstöße mit den Sicherheitskräften involviert.

Liberale

Zu den liberalen Gruppen gehört die 2007 gegründete Bewegung Solidarnost. Sie wird unter anderem von Boris Nemzow angeführt, der unter dem Präsidenten Boris Jelzin Vize-Regierungschef war. Auch Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow gehört zum Führungskreis. Die Partei der Freiheit des Volkes (Parnas) wird vom ehemaligen Ministerpräsidenten Michail Kasjanow geführt. Parnas wurde nicht zur Parlamentswahl zugelassen.

Menschen- und Bürgerrechtsgruppen

Die Organisation Memorial setzt sich gegen Menschenrechtsverletzungen im Kaukasus ein und leistet Aufklärungsarbeit zur Unterdrückung in der Zeit der Sowjetunion. Auch die Helsinki-Gruppe unter der Führung der sowjetischen Dissidentin Ljudmila Alexejewa setzt sich für die Menschenrechte ein. Die Anti-Korruptions-Bewegung vereint Oppositionelle vor allem in sozialen Netzwerken im Internet. Zu ihr gehören Blogger wie zum Beispiel der am Montag festgenommene und zu 15 Tagen Haft verurteilte Alexej Nawalny. Eine Gruppe von Autofahrern nennt sich die „Blauen Eimer“. Sie setzen sich gegen die unrechtmäßige Begünstigung ranghoher Beamter ein, die mit aufgesetzten Blaulichtern gegen die Verkehrsregeln verstoßen und dadurch häufig schwere Unfälle verursachen. Eine andere Gruppe setzt sich aus Kreditnehmern zusammen, die Häuser mit Hilfe von Krediten gekauft hatten. Die Gebäude wurden indes nie gebaut. Die „Verteidiger des Chimki-Waldes“ engagieren sich gegen den Bau einer Autobahn im Großraum Moskau. Für das Projekt müsste eine Wald abgeholzt werden.

Prochorows Kandidatur komme für Putin nicht unerwartet, zitierte die Zeitung „Wedomosti“ eine Quelle im Kreml. Der Geschäftsmann habe den Kontakt zu Putin und dessen Führungszirkel gehalten. Prochorows Kandidatur sei eine „taktische Entscheidung“, die darauf abziele, nach den Protesten der vergangenen Woche Spannungen in der Gesellschaft abzubauen. Experten zufolge versuchten die Behörden, die Proteststimmung im Land zu schwächen.

Die Online-Zeitung Gaseta.ru wies darauf hin, dass Prochorows Ankündigung nur wenige Wochen nach einem öffentlichen Bruch mit dem Kreml kam. Experten seien überzeugt, dass Prochorow wegen der Proteste entweder vom Kreml vorgeschoben wurde, oder dass seine Kandidatur nicht registriert werde. Die Zeitung „Kommersant“ schrieb, dass einige froh seien, dass es einen Kandidaten für Protestwähler gebe, andere aber sicher seien, dass es sich um einen Kreml-Plan handele. Prochorow schaffte es mit der Schlagzeile „Der Milliardär geht in die Politik“ sogar auf die erste Seite der Kreml-freundlichen „Komsomolskaja Prawda“ - eine seltene Ehre für einen Herausforderer Putins.

 

Von

afp

Kommentare (4)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

13.12.2011, 10:29 Uhr

"Die Kandidatur von Michail Prochorow bei der russischen Präsidentschaftswahl könnte Medienberichten zufolge auf einem Plan des Kreml beruhen. Der Milliardär könnte demnach zum Abfangen von Protestwählern dienen".

RICHTIG.
Putin und die Oligarchen sind doch nichts anderes als eine kriminelle Vereinigung.

eandr

13.12.2011, 11:03 Uhr

Wie können russische Zeitungen etwas wittern ? Ich dachte in Russland gibt es keine freie Presse ?? Mein Weltbild bricht zusammen...

Aha

22.12.2011, 16:14 Uhr

Naaaa... Russland ist doch reich genug um mehr Machtfiguren füttern zu können als an einem Tisch friedlich sitzen können. Die schubsen sich halt gegenseitig andauernd... Ist doch überall so oder?

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×