Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

07.04.2015

20:13 Uhr

Professor Tacheles

Die Islamische Welt – im Dreißigjährigen Krieg?

VonMichael Wolffsohn

Irak, Syrien, Jemen: Der Flächenbrand in der Islamischen Welt wird schon mal als Dreißigjähriger Krieg abgestempelt. Doch das führt in die Irre. Denn zwischen Sunniten und Schiiten geht es nur scheinbar um Religion.

Selbst Kinder tragen in den Krisenländern Waffen – und werden teils sogar als Kindersoldaten missbraucht. dpa

Krieg überall

Selbst Kinder tragen in den Krisenländern Waffen – und werden teils sogar als Kindersoldaten missbraucht.

Griffig ist die Floskel vom Dreißigjährigen Krieg. Krieg ist schon schrecklich genug, und jeder Krieg ist zu lang. Aber ein Dreißigjähriger Krieg ist der Horror schlechthin. Der Dreißigjährige Krieg wurde vor allem auf deutschem Boden zwischen 1618 und 1648 ausgefochten. Noch heute ist die berechtigte Gedankenverbindung: Schlimmer geht es eigentlich nicht.

Meistens wird der Dreißigjährige Krieg als Religionskrieg zwischen Katholiken und Protestanten dargestellt. Das ist grob vereinfacht. Man denke nur daran, dass damals das urkatholische Frankreich und das protestantische Schweden gemeinsam gegen das katholische Habsburger Reich kämpften. Frankreich hatte zudem schon lange keine Scheu, auch mit den islamischen Osmanen (Türken) gegen das katholische Habsburger Reich zu zündeln.

Die jetzt so moderne Floskel vom Dreißigjährigen Krieg zwischen Sunniten und Schiiten in der Islamischen Welt führt ebenfalls in die Irre. Dieser Konflikt – oft kriegerisch ausgetragen – zwischen den beiden Hauptrichtungen im Islam ist so alt wie der Islam selbst. Den herkömmlichen Zeitangaben zufolge wären das knapp 1400 Jahre.

Der Historiker Prof. Dr. Michael Wolffsohn schreibt für das Handelsblatt Gastbeiträge als Professor Tacheles.

Professor Tacheles

Der Historiker Prof. Dr. Michael Wolffsohn schreibt für das Handelsblatt Gastbeiträge als Professor Tacheles.

Warum wird besonders jetzt in den Medien trotzdem vom Dreißigjährigen Krieg zwischen Sunniten und Schiiten gesprochen? Weil man auf diese Weise Aufmerksamkeit gewinnt. So weit, so banal.

Kommen wir zum Konflikt selbst. Wie in dem Dreißigjährigen Krieg zwischen Katholiken und Protestanten geht es bei Sunniten und Schiiten nur scheinbar um Religion. Tatsächlich geht es, wie eh und je in der Menschheitsgeschichte, um die Vormacht einzelner Staaten. Religion wird als Argument vorgeschoben. Das ist besonders wirksam, weil jeder Seite für sich beanspruchen kann, nicht nur fürs irdisch, sondern fürs ewig, überirdisch Richtige zu kämpfen. Das motiviert nach innen und außen und bedarf keiner zusätzlichen Rechtfertigung – bei denen, die glauben. An ihren Weg glauben, versteht sich.

Dass die religiöse Motivation mehr Schein als Sein ist, beweist ein Blick auf die Partner beider Seiten. Hauptpartner der sunnitischen Führungsmacht, Saudi Arabien, sind die USA, auch wenn sie derzeit noch nicht oder nicht gleich wieder direkt militärisch in Nahost eingreifen.

Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten

Die große Mehrheit...

... nämlich etwa 80 bis 90 Prozent der Muslime weltweit sind Sunniten, nur in wenigen Ländern stellen Schiiten die Mehrheit. Dazu zählen der Iran, der Irak und Bahrain. Der Konflikt im Jemen droht sich zu einem Stellvertreterkrieg zwischen Sunniten und Schiiten und damit zwischen deren Schutzmächten Saudi-Arabien und dem Iran zu entwickeln. Die Auseinandersetzung lenkt das Augenmerk auf diese beide größten Glaubensrichtungen des Islam.

Eine Frage des Propheten...

... ist die Entstehung der beiden Glaubensrichtungen Sunniten und Schiiten. Die muslimische Gemeinschaft spaltete sich im Streit über die Nachfolge des Propheten Mohammed im siebten Jahrhundert. Die Mehrheit der Muslime wollte damals einen geeigneten Kandidaten frei bestimmen. Die Minderheit dagegen verlangte, dass der Nachfolger aus Mohammeds Familie stammen müsse, und legte sich auf seinen Vetter Ali fest. Die Anhänger dieser Minderheit wurden "Schiat Ali", Partei Alis, genannt, woraus sich die Bezeichnung Schiiten entwickelte. Der Begriff Sunniten leitet sich von der Sunna ab, den Überlieferungen des Propheten.

Konfliktlinien...

... ergeben sich entsprechend. Die Sunniten lehnen die Heiligenverehrung und den Märtyrerkult der Schiiten strikt ab. Die Schiiten wiederum fühlen sich oft als Opfer der Sunniten. Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der beiden Konfessionen gibt es nicht nur im Nahen Osten, sondern auch in Ländern wie Pakistan.

Als Schutzmacht...

... der Sunniten sieht sich das Königreich Saudi-Arabien. Der Iran betrachtet sich als Interessenvertreter der Schiiten. Beide Staaten konkurrieren um die Vorherrschaft im Nahen Osten. Kenner der Region gehen davon aus, dass der Iran durch die aktuellen Umwälzungen und die Aussichten auf eine Einigung im Atomstreit nach jahrzehntelanger Isolation an Stärke gewinnen dürfte. Die mit den USA verbündeten saudischen Ölscheichs dagegen dürften an Einfluss verlieren.

Im Jemen...

... ist der Islam ist Staatsreligion. Im Süden leben vor allem sunnitische Schafeiten, im Norden schiitische Zaiditen und eine ismailitische Minderheit. Viele Sunniten im Jemen befürchten, dass die Huthi-Rebellen die Revolution von 1962 rückgängig machen und das saiditische Imamat wiederaufbauen wollen, das das jemenitische Hochland 1000 Jahre lang beherrschte.

Die Huthis hatten sich ursprünglich zusammengefunden, um die Interessen der Zaiditen zu verteidigen. Ihre Anhänger fühlten sich unter der jahrzehntelangen Herrschaft des ehemaligen Präsidenten Ali Abdullah Saleh bedroht, obwohl dieser selbst den Zaiditen angehört.

Auf die Wiederkehr...

... des im neunten Jahrhundert in Samarra verschwundenen zwölften Imans, der als „Mahdi“ (Erlöser) die Welt retten soll, wartet die große Mehrheit der Schiiten. Sie werden daher Zwölfer-Schiiten genannt. Ajatollah Ruhollah Chomeini machte die Glaubensrichtung 1979 zur Grundlage der Islamischen Republik Iran. Zwölfer-Schiiten leben heute vor allem im Iran, im Irak und im Libanon.

Weitere Strömungen des Schiismus...

... sind die Ismailiten, die Drusen, die Alawiten. Die Ismailiten werden auch als Siebener-Schiiten bezeichnet. Das Oberhaupt einer Ismailiten-Gruppierung ist der Aga Khan, der mit seiner gleichnamigen Stiftung Entwicklungshilfe-Projekte vor allem in Asien und Afrika fördert. Von den Ismailiten leiten die Drusen ihre Geheimreligion ab. Sie leben vor allem im Libanon. Die Alawiten, zu denen der syrische Staatschef Bashar al-Assad zählt, werden ebenfalls dem vielfältigen Spektrum des schiitischen Islam zugerechnet. Auch der alawitische Glaube gilt als Geheimreligion, über die nicht viel bekannt ist. Zudem werden die Alewiten zu den Schiiten gezählt. Die meisten Anhänger dieser Glaubensgemeinschaft leben in der Türkei, wo die Mehrheit der Muslime allerdings sunnitisch ist.

Konservative Strömungen...

... gibt es vor allem bei den Sunniten. Anhänger des Salafismus etwa streben die Rückkehr zu einem fundamentalistisch interpretierten Ur-Islam an. Ihr Name leitet sich von den arabischen Worten für „die rechtschaffenen Altvorderen“ ab. Ziel der Salafisten ist die Errichtung eines Gottesstaates. Die Bewegung gilt als Durchlauferhitzer für die Radikalisierung von Attentätern.

In Deutschland...

... und vielen anderen Ländern ist der Salafismus die am schnellsten wachsende islamistische Bewegung. Auch die Mitglieder der sogenannten Sauerland-Gruppe, die Anschläge in Deutschland vorbereitet hatten und 2007 verhaftet wurden, gehörten zu den Salafisten. Der Wahhabismus ist die wichtigste ideologische Strömung im Salafismus. Er geht auf den Gelehrten Muhammad Ibn Abdalwahhab zurück und ist Staatsreligion in Saudi-Arabien. Das Königreich fördert mit Spenden die Ausbreitung der konservativen Lehre weltweit.

Islamistenorganisationen...

... sind häufig im sunnitischen Islam zu finden. Die 1928 von Hassan al-Banna in Ägypten gegründete Muslimbruderschaft gilt als älteste sunnitische Islamistenbewegung. Sie ist in unterschiedlicher Ausprägung in vielen Ländern vertreten. Aus der Muslimbruderschaft ging unter anderem die palästinensische Hamas hervor.

Bekannter...

... ist die Mitte der 80er-Jahre gegründete Extremistenorganisation al-Qaida (Die Basis), die unter ihrem inzwischen getöteten Anführer Osama bin Laden für die Anschläge vom 11. September 2001 verantwortlich ist. Ihr syrischer Ableger heißt Dschabhat al-Nusra (Nusra-Front). Im Jemen hat al-Qaida auf der arabischen Halbinsel (AKAP), die als aggressivster Arm der Organisation gilt, ihren Sitz. Die radikale Gruppe bekannte sich zuletzt zu dem Anschlag auf die französische Satire-Zeitung „Charlie Hebdo“ und betrachtet alle Schiiten als ihre Feinde.

Die Miliz Islamischer Staat...

... ist besonders im Irak und Syrien aktiv und sorgt dort seit über einem Jahr für Terror. Sie wurde 2003 unter dem Namen al-Qaida im Irak von dem Jordanier Abu Mussab al-Sarkaui gegründet und wird inzwischen von Abu Bakr al-Baghdadi geführt. Er liegt mit der ursprünglichen al-Qaida die von Aiman al-Sawahiri von Pakistan aus gesteuert wird, im Clinch. Der IS gilt als derzeit radikalste Islamistengruppe.

Die bekannteste schiitische Extremisten-Organisation...

.. ist die libanesische Hisbollah. Sie wurde 1982 gegründet. Unterstützung erhält die Schiiten-Organisation vom Iran und Syrien. Einheiten der Hisbollah kämpfen in Syrien auf Seiten von Assads Truppen.

Vergessen wir nicht, dass auch Deutschland schon lange und gerne den Saudis teure Waffen liefert. Als im November 1979 saudische Islamisten die Große Moschee von Mekka stürmten und besetzten, wurden sie von französischen Spezialkräften vertrieben. Die sunnitisch-(nenn) christliche Allianz besteht also nicht erst seit heute.

Als Vertreter der reinen Schiiten-Lehre präsentiert sich der Iran. Er unterstützt im Irak die schiitisch geführte Regierung gegen den sunnitisch-fundamentalistischen Islamischen Staat (IS). In diesem Krieg gegen den IS genießt der Iran auch die Unterstützung der USA und Deutschlands.

Kommentare (6)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Lenny Bronstein

07.04.2015, 21:03 Uhr

Seltsam, dass der Artikel trotz hochtrabender Überschrift erst recht wieder nur von Schiiten und Sunniten berichtet und ihrem angeblich 1400 Jahre alten Konflikt, aber mit keinem Wort auf den noch älteren Konflikt zwischen Iranern (Persern) und Arabern eingeht. So lange diese uralte Rivalität von den deutschsprachigen Medien ignoriert wird, wird man im deutschsprachigen Raum auch nichts vom Nahost-Konflikt verstehen.

Herr peter Spirat

08.04.2015, 09:47 Uhr

IRAN ist eben auf dem besten Weg sich von der feindlichen Übernahme durch die Araber zu befreien. Araber sind dor so massiv verhasst, dass sich fast jeder Iraner den (arabischen) Nasenhöcker weg operieren läßt. wenn er eben das Geld für so eine Schönheits-OP.

IRANER sind eben Arier und wollen nichts mit den verhassten Arabern zu tun haben.

Herr Alexander Wildenhoff

08.04.2015, 09:48 Uhr

So richtig Tacheles ist das, was Herr Wolffsohn hier schreibt ja nicht. Wenn er der Meinung ist, dass es in der islamischen Welt derzeit nicht nur um Religion, sondern auch um Macht geht (welche eine Erkenntnis!), hätte er nicht das Wort „scheinbar“ benutzen sollen, sondern „anscheinend“. Soviel Zeit muss bei Tacheles sein.
In der Zivilgesellschaft in den betroffenen islamischen Ländern wird sehr wohl ein Vergleich mit „unserem“ 30-jährigen Krieg gesehen. Im deutschen 30-jährigen Krieg gab es eine Zivilgesellschaft in der heutigen Definition nicht, die Zivil“bevölkerung“ musste allerdings – vor allem in Süddeutschland – Verluste von mehr als 90% in Kauf nehmen. Zynische Machthaber und eine verrohte Soldateska verwandelten die blühenden Landschaften in etwas, was schlimmer war als die katholische Hölle.
Was lernen wir daraus? Wäre das nicht auch Tacheles gewesen? Irgendwie bleibt Herr Wolffsohn hier im politischen Neusprech gefangen. Wer, wenn nicht Leute wie er, könnten die Ebene der politischen Lösungsattrappen verlassen?
Der Westfälische Frieden von Münster, Osnabrück und Nürnberg hat nach gängigem Verständnis „unseren“ Krieg beendet. Cuius regio, eius religio - Augsburger Parität – sind Schlagworte, die bei der der nachhaltigen Friedenssicherung seinerzeit geholfen haben. Würden sie, übertragen auf den heutigen Islam, auch heute helfen? Und wenn nicht, warum nicht?
Mister Tacheles – übernehmen Sie!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×