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19.02.2013

16:49 Uhr

Prognose gesenkt

Frankreich erwartet kaum noch Wachstum

Die düsteren Wachstums- und Defizitprognosen der EU-Kommission Lügen strafen: Das war bis vor kurzem das erklärte Ziel der französischen Regierung. Nun muss sie einräumen, dass nicht Brüssel, sondern Paris daneben lag.

Präsident François Hollande hat das Verfehlen des BIP-Ziels bestätigt. AFP

Präsident François Hollande hat das Verfehlen des BIP-Ziels bestätigt.

ParisFrankreich wird nach den Worten von Außenminister Laurent Fabius seine Wachstumsprognose für das laufende Jahr drastisch absenken. Fabius ging am Dienstag im Radiosender RTL von einem Wachstum von rund 0,2 bis 0,3 Prozent statt der bisher erwarteten 0,8 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) aus. Präsident François Hollande bestätigte das Verfehlen des BIP-Ziels am Rande einer Athen-Reise. Er wollte sich allerdings nicht zu konkreten Zahlen äußern. Paris wird laut Hollande im März eine neue Prognose präsentieren, die diesmal unanfechtbar sein werde, weil sie auf Prognosen der EU basieren werde, sagte der Staatschef. Neue EU-Zahlen werden am Freitag dieser Woche in Brüssel präsentiert.

Bis vor kurzem hatte die Regierung in Paris noch betont, dass sie die düsteren Wachstums- und Defizitprognosen der EU-Kommission Lügen strafen werde. Nach deren Herbstgutachten wird die zweitgrößte Volkswirtschaft der EU 2013 beim Defizit auf 3,5 Prozent kommen und damit ihr Ziel um 0,5 Prozentpunkte verfehlen. Beim Wirtschaftswachstum ging Brüssel zuletzt von 0,4 Prozent aus.

Neuverschuldung: Frankreich patzt beim Haushalt

Neuverschuldung

Frankreich patzt beim Haushalt

Die Neuverschuldung wird in Frankreich auch 2013 über drei Prozent liegen, sagt Premierminister Jean-Marc Ayrault. Trotzdem will das Land sein Ziel erreichen, ab 2017 gar keine Schulden mehr aufzunehmen.

Bereits in der Vorwoche hatte Premierminister Jean-Marc Ayrault eingeräumt, dass Frankreich wegen der schwachen Konjunktur auch 2013 die Maastrichter Defizitmarke von drei Prozent der Wirtschaftsleistung verfehlen werde. Die EU wies darauf hin, dass bei unvorhergesehener Konjunkturschwäche eine Fristverlängerung beim Defizitabbau möglich sei. Die betroffenen Länder müssen dafür allerdings beweisen, dass sie die erforderlichen Sparanstrengungen unternommen haben. Neue drastische Einschnitte schloss Ayrault am Dienstag aus.

Ihren Optimismus hatte die französische Regierung zuletzt unter anderem mit den Brüsseler Fehleinschätzungen in der Vergangenheit begründet. Die Kommission habe die Krise 2008 nicht kommen sehen, vielleicht sehe sie deswegen auch den Aufschwung nicht, sagte Budgetminister Jérôme Cahuzac Ende vergangenen Jahres. Bereits beschlossene Reformen würden bei den Prognosen nicht ausreichend berücksichtigt.

Vergleich: Deutschland vs. Frankreich

Wachstum

Frankreich: Die Wirtschaft wächst viel langsamer. Die EU-Kommission traut der zweitgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone in diesem Jahr lediglich ein Plus von 0,2 Prozent zu, das 2013 mit 0,4 Prozent nur einen Tick größer ausfallen soll. Grund dafür ist der maue Konsum: Er dürfte sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr angesichts der hohen Arbeitslosigkeit stagnieren.
Deutschland: Jeweils 0,8 Prozent Wachstum sagt die EU-Kommission für 2012 und 2013 voraus. Garant dafür ist der private Konsum. Er wird nach der Prognose in beiden Jahren um jeweils ein Prozent zulegen. Dafür sollen die Rekordbeschäftigung und spürbare Lohnzuwächse sorgen.

Schulden

Frankreich: Frühestens 2015 wird die EU-Grenze für die Neuverschuldung von drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes wieder eingehalten. Das erwartet zumindest die EU-Kommission. Demnach wird das Defizit in diesem Jahr bei 4,5 Prozent liegen, 2013 und 2014 bei jeweils 3,5 Prozent. Der Schuldenberg soll im kommenden Jahr auf 93,8 Prozent der Wirtschaftsleistung anschwellen.
Deutschland: Das Ziel eines ausgeglichenen Haushalts rückt in greifbare Nähe. 2012 und 2013 soll das Defizit angesichts rekordhoher Steuereinnahmen jeweils 0,2 Prozent betragen, ehe 2014 ein Haushalt ohne neue Schulden stehen soll. Der Schuldenstand soll bis dahin auf 78,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes fallen.

Wettbewerbsfähigkeit

Frankreich: In Sachen Wettbewerbsfähigkeit rutschte Frankreich in diesem Jahr um drei Ränge auf den 21. Platz ab, wie das World Economic Forum bei seinem weltweiten Standortvergleich befand. Die kleineren Nachbarn Niederlande (5.) und Belgien (17.) liegen noch vor der "Grande Nation". Zwar gehört die Infrastruktur in Frankreich weiter zu den besten der Welt. Aber der Arbeitsmarkt wird als zu starr empfunden, das Steuersystem als zu wirtschaftsfeindlich: Hier belegt Frankreich nur die Ränge 111 und 128.
Deutschland: Trotz der Euro-Krise hat Deutschland im globalen Standortvergleich des World Economic Forum seinen sechsten Platz behauptet und damit erstmals die USA überholt. Als Pluspunkte gelten die ausgezeichnete Infrastruktur und innovative Unternehmen, die alle Stufen der Wertschöpfung leisten können - von der Produktion bis hin zu Marketing und Vertrieb. Minus-Punkte gab es dagegen für den Arbeitsmarkt, der als zu starr gilt. Kritisiert wird vor allem die mangelnde "Flexibilität der Lohnfindung": Hier landet Deutschland auf Platz 139 von 144.

Industrie

Frankreich: Zwar kann unser Nachbarland mit großen Unternehmen wie den Autobauern Renault und Peugeot Citroen oder der Atomkonzern Areva aufwarten. Allerdings fehlt es an einem breiten und exportstarken Mittelstand, der die Absatzkrise im Euro-Raum durch wachsende Geschäfte in Asien und anderen Boomregionen ausgleichen kann. Die Industrie ist deshalb auf dem Rückzug: Nur noch 12,6 Prozent trägt sie zur Bruttowertschöpfung bei.

Deutschland: Hierzulande haben viele "hidden champions" ihre Heimat - also unbekannte mittelständische Unternehmen, die Nischen besetzt haben und mit ihren Produkten zu den Weltmarktführern gehören. Die Industrie erlebt in Deutschland eine Renaissance, weil diese Firmen in den Boomregionen aktiv sind. Ihr Anteil an der Bruttowertschöpfung kletterte 2011 auf 26,2 Prozent, während er zwischen 2000 und 2010 im Schnitt nur 25,1 Prozent betrug.

Arbeitskosten

Frankreich: 34,20 Euro kostet eine Arbeitsstunde in der französischen Privatwirtschaft im Schnitt. In der EU ist Arbeit nur in Belgien, Schweden und Dänemark noch teurer. In der Industrie sind es sogar 35,91 Euro.

Deutschland: Im Schnitt kostet eine Stunde Arbeit in der deutschen Privatwirtschaft 30,10 Euro - das ist der siebthöchste Wert der 27 EU-Mitglieder. Der Euro-Zonen-Schnitt liegt bei 27,70 Euro. In der im internationalen Wettbewerb stehenden Industrie liegen die Arbeitskosten bei 35,66 Euro pro Stunde.

Alle Minister sind am Mittwoch beim Regierungschef eingeladen; bei dem Treffen soll es unter anderem um künftige Sparanstrengungen für das Jahr 2014 in den Ressorts gehen. Bei einem Treffen mit sozialistischen Parlamentsabgeordneten versicherte Premierminister Jean-Marc Ayrault aber: „Ich bin nicht hier, um einen neuen Sparplan für 2013 anzukündigen.“

Bisher ist das erwartete Wirtschaftswachstum von 0,8 Prozent die Grundlage für den Haushalt der Regierung. Bei einer drastischen Absenkung der Prognose müsste Paris zusätzliche Einsparungen vornehmen oder weitere Steuererhöhungen beschließen, um in die Nähe der EU-Defizitgrenze von drei Prozent des BIP zu kommen. Ayrault hatte erst vor wenigen Tagen eingeräumt, dass infolge des schwächeren Wachstums auch das Defizitziel von drei Prozent in diesem Jahr „nicht exakt“ erreicht werde.

Die Sozialisten haben für dieses Jahr bereits Einsparungen und Steuererhöhungen im Umfang von rund 38 Milliarden Euro beschlossen. Im Jahr 2012 lag das Defizit nach vorläufigen Berechnungen bei 4,5 Prozent. In der französischen Unternehmerschaft wurde die von Fabius genannte Wachstumserwartung als „optimistisch“ eingestuft. Die Chefin des Unternehmerverbandes Medef, Laurence Parisot, ging am Dienstag eher von einem Null-Wachstum für dieses Jahr aus. „In vielen Branchen sind wir bei weniger“, sagte sie. Auch der Vorsitzende der liberalen Partei MoDem, François Bayrou, sagte in den Sendern BFMTV und RMC ein „Null-Wachstum im besten Falle“ voraus.

Von

dpa

Kommentare (4)

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Sarina

19.02.2013, 18:05 Uhr

Frankreich erwartet kaum noch Wachstum
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Macht doch nichts, wir haben's doch - nicht wahr Herr Schäublich?

Account gelöscht!

19.02.2013, 18:58 Uhr

Wie lange kann Europa sich den TEURO noch leisten?

WFriedrich

20.02.2013, 10:00 Uhr

Für Frankreich ist der Euro zurzeit zu teuer. Jeder, der den Nachbarn besucht, ist erstaunt über das vergleichsweise hohe Konsumpreisniveau. Es resultiert aus den Produktionskosten. Im Inland kompensiert sich beides. Dagegen verliert der Export an Wettbewerbsfähigkeit. Die unausweichlichen Rückkopplungen zum Arbeitsmarkt machen das Übel sichtbar. Vor der Euro-Einführung waren die "inneren Verhältnisse" für die Bevölkerung weitgehend bedeutungslos, weil sich der Export mittels Änderung der Währungsparitäten problemlos auf die Märkte einstellen konnte. Nun muss Frankreich ein Problem bewältigen, mit dem sich bereits die südlichen Euro-Länder sehr schwer tun. Löst Frankreich sein Problem nicht, wird der Euro wohl seinen verlässlichsten Fürsprecher verlieren. Dann muss die EZB Staatsanleihen aufkaufen, noch bevor diese emittiert worden sind. Angesichts des Übergreifens der Folgeprobleme aus der überbewerteten Währung auf Frankreich erachte ich Entwarnungen als verfrüht. Deshalb schaden uns Claqueure, weil sie den Lösungswillen schwächen.

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