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19.08.2013

19:40 Uhr

Propaganda bei Twitter

Die Medien-Mujaheddin

VonJonas Jansen

Moderne Islamisten bilden längst nicht mehr nur in Terrorcamps aus, sondern rekrutieren und motivieren potenzielle Attentäter über Facebook, Twitter und Co. Die US-Regierung fürchtet sogar, dass die Terroristen künftig über diese Kanäle auch an Spendengelder kommen könnten.

Drohvideos und Aufrufe zur Gewalt im Netz: Via Twitter verbreiten die Islamisten sie weiter. dpa

Drohvideos und Aufrufe zur Gewalt im Netz: Via Twitter verbreiten die Islamisten sie weiter.

Abu Qasura al-Gharib war sein Kampfname, das iPad seine Waffe. Der 19-jährige Libyer kämpfte für die Al-Qaida-nahe Terrorgruppe Jabhat al-Nusra in Syrien. Er informierte sich über Social Media, verfolgte Facebook-Propagandabotschaften und schaute Youtube-Videos, die zum Heiligen Krieg aufriefen. Auch er selbst stellte ähnliche Botschaften dort ein. Wann immer Zeit war, beim Waffenputzen oder bei Schießübungen, erzählte er seinen Waffenbrüdern von den Neuigkeiten aus dem Netz.

Im vergangenen Jahr wurde der junge Mann bei einem Feuergefecht mit den Truppen des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad getötet. Doch seine Kampfbrüder verbreiten seine Geschichte in einschlägigen Foren, wie dem Shumuk-al-Islam-Forum. Im Netz lebt er als „Märtyrer“ weiter. Al-Gharib steht für eine neue Generation von militanten Islamisten – die der Medien-Mujaheddin. Die Zeit der Terrorausbildungscamps ist weitgehend vorüber, die meisten Anschläge und Anschlagsversuche kamen in den vergangenen Jahren von Einzeltätern und Kleingruppen mit deutlicher Affinität zum Netz.

Die Terrorismusforscher Ali Fisher und Nico Prucha haben nun zum ersten Mal in einer empirischen Studie die Twitter-Aktivität von Islamisten gemessen. Dabei untersuchten sie mehr als 76.000 Tweets. Eines ihrer Ergebnisse: Mehr als 20.000 Twitter-Accounts verbreiteten im Messzeitraum von Januar bis März 2013 mehr als 34.000 Links zu islamistischen Quellen, die meisten zu Youtube-Videos.

Die führenden Köpfe der Terrornetzwerke sehen schon lange großes Potenzial in den sozialen Medien. „Die Rolle der ‚Medien-Mujaheddin‘ ist anerkannt, genehmigt und wird sogar gefördert bei der Einführung einer neuen Strategie der Dschihadisten“, schreiben die beiden Autoren.

Islamismus im Netz

Mehr als 20.000 Accounts

Die Twitter-Studie der Dschihadismusforscher Ali Fisher und Nico Prucha

Netznutzung der Islamisten

In der Studie der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), die unter anderem die Bundesregierung in außenpolitischen Fragen berät, befassen sich mehrere Autoren damit, wie sich die Netznutzung ,moderner Dschihadisten' entwickelt.

Radikale Ansichten

Der Arabist, Buchautor und Journalist Yassin Musharbash bloggt in deutscher Sprache über Islamismus, Islamophobie und Nahostpolitik.

Der weltweite Dschihad

Jihadica, ein Blog des Center for Strategic Studies der John Hopkins Universität, dokumentiert regelmäßig und fundiert die Entwicklung des Dschihadismus.

Früher kursierten in meist geschlossenen Foren vor allem Textbotschaften der Extremisten. Die Reichweite war gering. Heute erreichen die Propagandavideos über Twitter und Facebook eine viel größere Gruppe von Sympathisanten und Unterstützern. Durch persönliche Ansprache versuchen die Terrororganisationen junge Sympathisanten zu überzeugen, selbst gewaltsam aktiv zu werden. Attentäter-Rekrutierung übers Netz.

In „Inspire“, dem islamistischen Hochglanzmagazin von Al-Qaida, das sich in erster Linie an westliche Sympathisanten wendet und das der amerikanische Terrorismusexperte Bruce Hoffman einst die „Vanity Fair der Jihadi-Publikationen“ nannte, wurden früher Bomben-Bastelanleitungen für die heimische Küche oder Tipps für den Umgang mit Ak-47-Gewehren abgedruckt.

Jetzt finden sich darin Hilfestellungen für den Kampf im Netz: In der jüngsten Ausgabe von „Inspire“ vom Mai hebt Al-Qaida nun die Wichtigkeit von Twitter für den Dschihad hervor. In einigen Foren kursieren Anleitungen zu den wichtigsten extremistischen Twitter-Nutzern und Unterstützungsaccounts für den Krieg gegen den Westen und die Ungläubigen. Wem sollen die Gleichgesinnten folgen? Welche Accounts sind echt? Im Netz gibt es Hilfe.

Dabei funktionierte Twitter für die Islamisten lange Zeit noch nicht: Bis 2010 experimentierten einige bloß herum, ohne das Netzwerk wirklich zu nutzen. Das änderte sich nach dem Tod Bin Ladens. Nicht allein Sprengstoffgürtel und Gewehre sind jetzt die Waffen der Militanten, sondern auch die sozialen Medien.

Der Aufruf darüber zum bewaffneten Krieg wurde für die Bewegungen so wichtig wie der Kampf selbst. „In den vergangenen Jahren hat sich eine regelrechte Prediger-Kaste entwickelt, die sich mittels Medienarbeit Muslime weltweit erreichen und zum Kampf anspornen will“, sagt Terrorismusforscher Prucha, der am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg forscht.

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