Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.06.2014

13:58 Uhr

Propaganda

Der erste totale Krieg

VonHans-Peter Siebenhaar

Als vor 100 Jahren der Erste Weltkrieg ausbrach, begann der ungeahnte Kampf der Propaganda mit modernen Kommunikationsmitteln. Wir glauben, dass so etwas in unserer Gesellschaft heute unmöglich wäre. Aber stimmt das?

Feldmarschall Herbert Kitchener wirbt im Jahr 1914 für Freiwillige. ap

Feldmarschall Herbert Kitchener wirbt im Jahr 1914 für Freiwillige.

WienDie Faszination Krieg hat für Reporter auch 100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg nie an Faszination verloren. „Ich wollte teilhaben, wenn Geschichte geschrieben wird“, sagt der langjährige Kriegsberichterstatter Lutz Klevemann, der viele militärische Auseinandersetzungen rund um den Globus mit verfolgt hat. 

Auch die „Vaterlandsliebe“ mancher Journalisten geht noch immer weit. „Im Irak-Krieg sagte mir die Kollegen, zuerst bin ich Amerikaner, dann erst Journalist“, berichtet der Niederländer Klevemann bei einem Besuch in Wien. „Ich glaube nicht, dass sich die Mentalität seit 100 Jahren so sehr geändert hat“, resümiert der Autor, der aus der Kriegsberichterstattung mittlerweile ausgestiegen ist.

Erstaunlich, aber wahr: Die Muster sind noch immer durchaus ähnlich wie vor 100 Jahren, als am 28. Juni 1914 die tödlichen Schüsse auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo fielen und die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts mit Millionen von Toten auslöste.

Propaganda: Kriegs-Kinderbücher für den Soldaten von morgen

Propaganda

Kriegs-Kinderbücher für den Soldaten von morgen

Millionen Kinder wurden im Ersten Weltkrieg geprägt, auch weil ihnen die Grausamkeiten der Front nicht vorenthalten wurden. Der Horror wurde in Kinderbüchern nahegebracht. Auch, um die Kinder zu instrumentalisieren.

Der Erste Weltkrieg war der erste totale Krieg der Medien. Über die Presse, über die Literatur, über die Kunst, über die Musik und erstmals über Film und Fotografie wurde die Orgie der Gewalt propagiert, gefördert und geschönt. „Das heutige Ringen wird nicht alleine auf dem Schlachtfeld entschieden“, hieß es in einem Ausstellungskatalog des österreichischen Kriegspressequartiers bereits 1915 in Wien.

Von Anfang an überfluteten Extraausgaben Berlin, Wien und Paris. Mit ihrer Kriegspropaganda betäubten die von Zensur kontrollierten Verlage die Sinne und die Herzen der Bürger. Zensoren spitzten den Rotstift und eliminierten noch zu kleine Anflüge von Friedfertigkeit in Artikeln.  Die Presse befand sich überall in Europa im Kampfeinsatz.

Im Feldkino im hinteren Hof des malerischen Palais Porcia im Wiener Zentrum laufen die von der Kriegspropaganda inszenierten Bilder des „Völkerringens“. Die scheinbare Harmlosigkeit von Angriff und Verteidigung funktioniert auch rund 100 Jahren nach der Herstellung der Bilder.

Das Feldkino mit seinen einfachen Holzbänken ist Teil der Ausstellung „Extraausgabe - ! Die Medien und der Krieg 1914-1918“ im geschichtsträchtigen Palais Porcia (Herrengasse 23, Ausstellung bis 31. Oktober, werktags 9-18 Uhr, Eintritt gratis). Die vom österreichischen Bundeskanzleramt organisierte Exposition gibt einen Einblick in die fatale Verführung der Massen.

Chronologie: Von Sarajevo bis zum Kriegsausbruch

In 37 Tagen bis zum Krieg

Ein regionaler Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien führte zu einem Weltkrieg, der alle Kontinente erfasste. Eine Chronologie vom Attentat in Sarajevo bis zum Kriegsbeginn ...

28. Juni 1914

Der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau werden in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo vom Gymnasiasten Gavrilo Princip im Auftrag der serbischen Geheimorganisation «Schwarze Hand» erschossen.

5. Juli

Alexander Graf Hoyos, Mitarbeiter im Außenministerium der Donaumonarchie, reist mit einem Memorandum zur Balkanpolitik und einem Schreiben von Kaiser Franz Joseph nach Berlin. Der Monarch bittet Kaiser Wilhelm II. um Unterstützung im Kriegsfall mit Serbien.

6. Juli

Wilhelm II. versichert Österreich-Ungarn offiziell mit einer «Blankovollmacht» seiner unbedingten Bündnistreue.

20. - 23. Juli

Beim Besuch des französischen Präsidenten Raymond Poincaré in Russland sichern sich beide Staaten Unterstützung im Bündnisfall zu.

23. Juli

Wien stellt ein 48-Stunden-Ultimatum an Serbien. Die gegen Österreich-Ungarn gerichteten Umtriebe sollen unter österreichischer Beteiligung bekämpft und die Schuldigen bestraft werden.

25. Juli

Serbien akzeptiert alle Forderungen, soweit sie nicht seine Souveränität einschränken. Wien hält die Antwort für unbefriedigend, bricht die diplomatischen Beziehungen ab und ordnet Teilmobilmachung an. Da Russland Hilfe zusichert, macht auch Serbien teilmobil.

28. Juli

Englische und deutsche Vermittlungsversuche scheitern. Vorgeschlagen war, eine Botschafterkonferenz einzuberufen und direkte Verhandlungen zwischen Russland und Österreich-Ungarn aufzunehmen. Doch Österreich-Ungarn erklärt Serbien den Krieg.

30. Juli

Zar Nikolaus II. ordnet die Generalmobilmachung an.

1. August

Da Russland das deutsche Ultimatum, die Mobilmachung rückgängig zu machen, verstreichen lässt, erklärt Berlin Russland den Krieg. Zwei Tage später folgt die Kriegserklärung an Frankreich.

4. August

Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Luxemburg und Belgien erklärt Großbritannien dem Reich den Krieg.

Es waren keineswegs nur namenlose Opportunisten, die sich in den Dienst der Kriegspropaganda stellten, sondern auch zahlreiche Intellektuelle. Noch im ersten Kriegsjahr wurde einen „Literarische Gruppe“ aus der Taufe gehoben, die der „vaterländischen Erziehungsarbeit“ dienen sollte. Unter denjenigen, die das „Heldenlob“ anstimmte, gehörten beispielsweise Rainer Maria Rilke und Stefan Zweig. Selbst der weltberühmte Reporter Egon Erwin Kisch diente als Kriegsberichterstatter dem Kriegspressequartier, das systematisch das kulturelle Leben im Dienst des Krieges stellte.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×