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26.09.2015

08:09 Uhr

Propaganda des Islamischen Staates

Wie sich der IS die Flüchtlingskrise zunutze macht

VonPierre Heumann

Die Massenflucht aus Syrien ist für den IS ein Problem: Er fürchtet, qualifizierte Arbeitskräfte und damit Steuereinnahmen zu verlieren. Doch die Extremisten-Miliz macht aus der Not eine propagandistische Tugend.

Dem Islamischen Staat gehen die Steuerzahler aus. Deswegen wollen die Terroristen Flüchtlinge nun mit Propaganda-Videos von der Reise nach Europa abhalten. ap

IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi

Dem Islamischen Staat gehen die Steuerzahler aus. Deswegen wollen die Terroristen Flüchtlinge nun mit Propaganda-Videos von der Reise nach Europa abhalten.

Tel AvivGeht nicht nach Europa: Dort warten nur Erniedrigung und Demütigung auf Euch. So und ähnlich lauten die Botschaften, die PR-Strategen des Islamischen Staates (IS) derzeit verbreiten. Innerhalb weniger Stunden veröffentlichten sie zuletzt zehn Video-Clips, auf denen sie vor einer Emigration in den Westen warnen.

Die IS-Werber bezeichnen die Flüchtlinge als „Verräter“. In einem Clip berufen sie sich auf den Koran, wo es heißt: „Und wenn ihr (Ihm) den Rücken kehrt, so wird Er ein anderes Volk an eure Stelle setzen; und sie werden nicht so sein wie ihr.“ (Sure 47:38).

Die syrischen Flüchtlinge und die Nachbarstaaten

Fast vier Millionen Flüchtlinge

Der syrische Bürgerkrieg hat sich zu einer humanitären Katastrophe entwickelt. Mehr als 3,8 Millionen Syrer sind ins Ausland geflohen, seit vor vier Jahren der Aufstand gegen Präsident Baschar al-Assad begann. Die meisten von ihnen sind in den Nachbarländern untergekommen und haben diese damit vor erhebliche Schwierigkeiten gestellt. Viele von ihnen sind nirgendwo registriert. Hier ein Überblick über die Situation. (Quelle: AP)

Libanon

1,2 Millionen Flüchtlinge sind registriert. In den oft spontan errichteten Notunterkünften werden jedoch noch zahlreiche weitere Vertriebene vermutet. Mit einer ursprünglichen Einwohnerzahl von 4,5 Millionen ist der Libanon damit nach Angaben der Vereinten Nationen das Land mit der höchsten Flüchtlingsquote der Welt. Die Regierung in Beirut hat aus Furcht um die innere Stabilität des Landes eine Reihe von Beschränkungen für Syrer verhängt. Eine der wichtigsten ist die Visumpflicht.

Jordanien

Nach offiziellen Angaben sind 625 000 Syrer nach Jordanien geflohen. Viele Flüchtlingslager stehen direkt an der Grenze zu Syrien, andere in der Nähe von Großstädten. Im größten Lager, Sataari, leben etwa 84 000 Flüchtlinge unter direkter Verwaltung der Regierung und der Vereinten Nationen.

Türkei

Der nördliche Nachbar Syriens hat 1,6 Millionen Bürgerkriegsflüchtlinge registriert. Die Regierung hat 21 Flüchtlingslager errichtet, zu denen auch Schulen und medizinische Einrichtungen gehören.

Irak

Der Irak wird selbst von einem Bürgerkrieg erschüttert. Trotzdem hat er 245 000 Flüchtlinge aufgenommen. Die meisten von ihnen sind Kurden, die in die von ihren Stammesverwandten bewohnten Gegenden im Nordirak gezogen sind. Zehntausende hausen in Zeltstädten oder eilig aus dem Boden gestampften Baracken. Die Regierung der weitgehend autonomen Kurdenregion im Irak erlaubt den Flüchtlingen eine große Freizügigkeit. Einige haben Arbeit und Wohnungen in Städten gefunden.

Ägypten

Die Regierung in Kairo geht nach eigenen Angaben von 136 000 Bürgerkriegsflüchtlingen aus. Doch selbst Beamte schätzen, dass hunderttausende Syrer im Land leben, die nicht registriert sind.

Wer sich in den Westen absetzt, wird als Sünder hingestellt. Er gefährde seine Kinder, weil er in Kauf nehme, dass sie den Islam gegen das Christentum, gegen den Atheismus oder gegen den Liberalismus austauschen würden. Er riskiere ihr Leben nicht nur während der Flucht, sondern auch danach: In Europa würde Islamophobie auf sie warten.

In einem der Clips kritisieren die IS-Propagandisten den Westen, weil er über das Schicksal von Aylan Kurdi weine, aber alle anderen Opfer des Assad-Regimes vernachlässige. Oft gezeigt werden auch fremdenfeindliche Aktionen, mit denen Flüchtlinge in Europa mitunter konfrontiert sind.

Bürgerkrieg in Syrien: Putins Hilfe für Assad

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Russland erhöht seine Militärpräsenz in Syrien. Präsident Putin will sich und seinen Partner Assad aus der Isolation befreien. Das scheint zu gelingen. Immer mehr Parteien wollen jetzt mit Assad und Russland reden.

Als Kontrast wird gezeigt, wie willkommen Muslime im Islamischen Staat seien und wie großzügig sie aufgenommen würden. Das Bild einer islamischen Utopie werde verbreitet, schreibt das Newsportal „Business Insider“: Der IS schlage Kapital aus den Risiken, denen die Flüchtlinge ausgesetzt sind.

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