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04.03.2014

07:20 Uhr

Propaganda in Russland

Staatsmedien wiegeln die Bevölkerung auf

Ein mächtiger Verbündeter von Wladimir Putin ist das russische Fernsehen. Aus Deutschland und den USA kämen Söldner zum Unruhestiften in die Ukraine, behaupten die Staatsmedien – leisten sich aber peinliche Patzer.

Dauerberieselung: Für die Krim-Propaganda verzichtete das russische Fernsehen auf die Oscar-Übertragung. dpa

Dauerberieselung: Für die Krim-Propaganda verzichtete das russische Fernsehen auf die Oscar-Übertragung.

MoskauAm Ende wurde sogar die Live-Übertragung der Oscarverleihung im letzten Moment den Berichten zur Krise in der Ukraine geopfert. Der Journalist Juri Gladilschtschikow, der eigentlich die Oscars für das russische Fernsehen kommentieren sollte, wurde mit den Worten abgespeist, im Morgenprogramm würden stattdessen „Politiker eingeladen“. Mit einer Propagandakampagne wirbt Russland dieser Tage für sein Vorgehen im Krim-Konflikt - und trifft damit vor allem den Nerv jener, die der Sowjetunion noch immer hinterhertrauern.

Die Staatsmedien zeichnen ein Bild bewaffneter Marodeure, die in der Ukraine Terror verbreiten und das Schicksal der russisch verwurzelten Bevölkerung gefährden. Die Proteste im Land stellen sie als vom Westen unterstützt dar. So zerrte der Nachrichtensender Russland 24 etwa einen jungen Russen vor die Kamera, der angibt, für Geld der ukrainischen Opposition als Scharfschütze gedient zu haben. „Es sind Söldner dort aus verschiedenen Ländern, aus den USA, aus Deutschland“, sagt er, „und sie tragen alle die gleichen Uniformen“.

Und nun seien diese Söldner eben auf dem Weg zur Krim, sagt daraufhin ein Moderator des Senders. Ihr Ziel sei dabei klar: „Sie wollen eine neue Welle der Krise provozieren und die Menschen heimlich ausrauben.“ Der frühere Wirtschaftsminister Andrej Netschajew kommentierte die Medienmaschine auf Twitter mit den Worten: „Unsere Propaganda in den Staatsmedien ist wahrlich außer Kontrolle geraten.“

Folgen der Ukraine-Krise für die deutsche Wirtschaft

Wie wichtig ist Russland für die deutsche Wirtschaft?

6000 deutsche Unternehmen sind vor Ort tätig. Jahrelang war Russland der am schnellsten wachsende Markt für die hiesigen Exporteure. Damit war es aber schon vor dem Krim-Streit vorbei: Exporte und Importe zusammen brachen 2013 um gut fünf Prozent auf 76,5 Milliarden Euro ein. Damit verlor Russland seinen Status als wichtigster Handelspartner der deutschen Wirtschaft in Osteuropa an Polen. Der Handel mit dem Nachbarn zog um 4,3 Prozent auf 78 Milliarden Euro an. „Die realwirtschaftlichen Folgen für uns halten sich in Grenzen“, sagt deshalb Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Für uns ist die Entwicklung in China ungleich wichtiger als das, was in Russland passiert.“ Nach Angaben aus deutschen Regierungskreisen liegt der Anteil der Exporte nach Russland am gesamten Ausfuhrvolumen bei 3,3 Prozent.

Allerdings: Deutschland bezieht knapp 40 Prozent seiner Gasimporte aus Russland. Kommt es zu Lieferausfällen, bekommt dies die deutsche Wirtschaft zu spüren. Auch bei Ölimporten verlässt sich Deutschland zu mehr als einem Drittel auf Russland. Die Gasspeicher im Land seien gut gefüllt, versucht das Bundeswirtschaftsministerium zu beruhigen. Sie seien so groß wie nur in wenigen anderen Ländern. Es gebe zudem keine Anzeichen für irgendwelche Lieferbeschränkungen.

Bezogen auf einzelne Branchen spielt der russische Markt vor allem für den hiesigen Maschinen- und Anlagenbau eine wichtige Rolle. Auch deutsche Autos und Chemie-Produkte stehen bei russischen Kunden ganz oben auf der Hitliste. Rund 300.000 deutsche Arbeitsplätze sind vom Handel mit Russland abhängig, rechnet der Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft vor. Russland wiederum exportiert nach Deutschland vor allem Rohstoffe und petrochemische Produkte.

Und für Europa?

Russland gehört zu den größten Erdgas- und Erdölproduzenten der Welt. „Wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland träfen damit auch die EU sowie über höhere Energiepreise die gesamte Weltwirtschaft“, sagt Analyst Daniel Lenz von der DZ Bank. „Für die sich gerade erholende Weltwirtschaft und vor allem die EU-Wirtschaft wären steigende Energiepreise oder sogar eine Versorgungsknappheit ein Risikofaktor.“ Commerzbank-Chefökonom Krämer glaubt aber nicht, dass die Erholung in der Euro-Zone in Gefahr ist. „Da muss schon einiges passieren, um die doch recht robuste Erholung in der Euro-Zone ins Wanken zu bringen“, sagt er. „Ich glaube nicht, dass der Konflikt in der Ukraine ausreicht. Hinzu kommt: Russland hat zwar schön häufiger das Völkerrecht gebrochen, hält sich aber an privatwirtschaftliche Verträge.“

Macht sich die deutsche Wirtschaft trotzdem Sorgen?

Ja. Allein in der Ukraine sind mehr als 2000 deutsche Unternehmen tätig. „Die deutsche Wirtschaft arbeitet bisher zwar ohne große Unterbrechungen, macht sich aber große Sorgen um die Stabilität des Landes“, sagt der Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Volker Treier. Sollte sich die Lage indes zuspitzen, seien Produktionsausfälle unvermeidlich. „Ganze Wertschöpfungsketten wären betroffen, die Wirtschaften der Nachbarländer Polen, Ungarn und Rumänien würden es als erste spüren“, warnt Treier. Die Bundesregierung gibt sich dagegen noch relativ gelassen. „Es besteht kein Anlass zur Sorge“, sagt eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums.

Kann sich die russische Wirtschaft einen Streit mit dem Westen wirtschaftlich leisten?

Nein, sagt der Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft. „80 Prozent der russischen Exporte sind Rohstoff-basiert“, betont dessen Geschäftsführer Rainer Lindner. „Damit kann man noch keine moderne Gesellschaft entwickeln.“ Russland müsse seine Wirtschaft modernisieren, um weniger abhängig von Rohstoffen zu werden. „Ohne Technologiepartner wie Deutschland wird es dass nicht schaffen“, sagt Lindner. Und auch an der Energiefront bezweifeln viele Experten, dass es sich Russland leisten kann, den Gashahn zuzudrehen – zumal der Gaspreis an den Weltmärkten wegen Überangebots seit längerem sinkt.

Einigermaßen entsetzt beobachtet die Welt derzeit, wie prorussische Paramilitärs Teile der Krim unter ihre Kontrolle bringen und Moskau tausende Soldaten auf die Halbinsel verlegt. Um das zu verteidigen, greifen die Medien offenbar auch in die Trickkiste: So verbreiteten russische Nachrichtenagenturen am Sonntag die Info, ukrainische Militärs auf der Krim seien „in Massen“ desertiert und hätten ihre Einheiten im Stich gelassen. Das ukrainische Verteidigungsministerium dementierte.

Kommentare (3)

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04.03.2014, 08:05 Uhr

Die Russen haben vom Westen gelernt, was Propaganda ist. Die hiesigen Medienhuren sind sich auch nicht uu fein, die Bevölkerungen hirnzuwaschen! Mal nach Craig Roberts googlen, was der zur Ukraine sagt. Der war früher im US-Finanzministerium. Wie schön, dass das Internet die einseitige Information beendet hat. Jeder hat seine eigene Wahrheit. Die des sogenannten Westens stinkt vor Arroganz!

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04.03.2014, 12:33 Uhr

So langsam geht das grausame Theater, das Putin abzieht schon ins lächerliche!
Man müsste darüber lachen, wenn nicht der ernste Hintergrund wäre! Leiden müssen die Menschen und da meine ich die Ukrainer und die Tataren!

Von freien Wahlen hat Putin noch nie was gehalten!!! Von freier Meinungsäußerung ebenfalls nicht!

Der Typ hat ein großes Problem mit seiner Person. Er hat die Olympiade abgewartet und jetzt zeigt er den Staaten die ihn nicht hoffierten wo es langgehen soll!!!

Wenn es nach seiner Maxime geht, dann muss jeder Staat überfallen werden der russische Menschen beherbergt! Bei uns leben auch schon viele!

Propaganda kennen wir in Deutschland zur Genüge! Damit meine ich die Nazi-Zeit! Die heutige Zeit bietet jedem Menschen die Möglichkeit, seine Informationen von verschiedenen Quellen einzuholen!

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04.03.2014, 17:39 Uhr

@meht
Ich bin durchaus in der Lage zu verstehen, dass es um sehr viel mehr geht als um seine "Brüder"!!!

Mich in die Lage von Putin versetzen? Nein, das geht nicht, denn ich stehe auf dem Standpunkt, erst reden dann handeln!

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