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19.05.2015

13:29 Uhr

Protest gegen Schulreform

Lehrer in Frankreich streiken

Um gegen die geplante Schulreform in ihrem Land zu protestieren, haben Lehrer in Frankreich am Dienstag die Arbeit niedergelegt. Auch an der Zukunft des Deutschunterrichts in Frankreich entzündet sich Streit.

Auch die Zukunft des Deutschunterrichts in Frankreich ist Teil der geplanten Reformen. dpa

Deutschunterricht

Auch die Zukunft des Deutschunterrichts in Frankreich ist Teil der geplanten Reformen.

ParisMit einem Streik haben Lehrer in Frankreich gegen eine umstrittene Schulreform protestiert, die auch in Deutschland für Unmut sorgt. Landesweit gaben Lehrer am Dienstag keinen Unterricht, in Dutzenden Städten waren Demonstrationen geplant.

Laut dem Erziehungsministerium beteiligte sich an den öffentlichen Mittelschulen rund jeder vierte Lehrer an dem Streik, eine Gewerkschaft sprach von mehr als jedem Zweiten. Der Streik ist eine Feuerprobe für die junge Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem, die das als politischer Schleudersitz bekannte Amt im vergangenen August angetreten hatte.

Die Sozialistin will die französische Mittelschule (Collège) reformieren, eine vierjährige Gesamtschule zwischen Grundschule und Gymnasium. Hintergrund ist das schlechte Abschneiden der Schüler in internationalen Vergleichstests. Für Ärger sorgen unter anderem Pläne, den Latein- und Griechischunterricht in seiner bisherigen Form abzuschaffen und die Sprachen in interdisziplinären Kursen zu antiken Sprachen und Geschichte der Antike zu unterrichten.

Woran Frankreich krankt

Wettbewerbsfähigkeit

In Frankreich sticht die ungünstige Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit hervor. Auch deshalb ist der Weltmarktanteil des Exportsektors des Landes deutlich gesunken; die Leistungsbilanz hat sich seit Beginn der Währungsunion kontinuierlich verschlechtert– von einem Überschuss von 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu einem Defizit von zuletzt etwa 2 Prozent. Im Durchschnitt der zurückliegenden drei Jahre hat Frankreich damit das höchste Leistungsbilanzdefizit aller Kernländer aufgewiesen. Im „Global Competitiveness Report 2012-2013“ belegt Frankreich damit nur Rang 21 von insgesamt 144 Ländern. Im Jahr 2010 wurde es mit Rang 15 noch deutlich besser bewertet.

Quelle: Frühjahrsgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute; Commerzbank

Lohnstückkosten

Die Lohnstückkosten sind seit 1999 um 30 Prozent gestiegen. Die Lage heute: Während eine Arbeitsstunde deutsche Arbeitgeber 30,40 Euro kostet, fallen westlich des Rheins 34,20 Euro an. Typisch für den Niedergang sind die Autobauer. „Hier verdichten sich die Probleme Frankreichs“, sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Das Land produziere 40 Prozent weniger Kraftfahrzeuge als 2005, Deutschland dagegen 15 Prozent mehr.

Arbeitslosigkeit

Die wirtschaftliche Entwicklung lässt kaum eine deutliche Reduzierung der Arbeitslosigkeit und der öffentlichen Verschuldung erwarten. Die Arbeitslosigkeit dürfte auf einem hohen Niveau jenseits von 10 Prozent verharren.

Staatsverschuldung

Noch wird die Schuldentragfähigkeit von den Anlegern nicht in Frage gestellt. Die öffentliche Verschuldung Frankreichs hat sich aber seit der Großen Rezession deutlich erhöht. Zwischen 2008 und 2012 stieg die Schuldenstandsquote um rund 25 Prozentpunkte auf über 90 Prozent. Im Jahr 2012 lag die Defizitquote weiterhin deutlich oberhalb von 3 Prozent, und auch für das Jahr 2013 wird eine diesen Wert überschreitende Quote erwartet. Damit steigt die öffentliche Verschuldung weiter.

Private Verschuldung

Die private Verschuldung ist in Frankreich weniger stark gestiegen und liegt auf einem deutlich geringeren Niveau als z. B. in Irland, Spanien und Portugal. Dennoch ist Frankreich das einzige der ausgewählten Länder, in dem die private Verschuldung auch seit 2009 noch merklich zunimmt.

Verlust von Weltmarktanteilen

Große Probleme bestehen im externen Sektor. Der überdurchschnittlich starke Verlust von Weltmarktanteilen ist in Kombination mit trendmäßig steigenden Leistungsbilanzdefiziten besorgniserregend. Dies dürfte nicht allein auf Veränderungen der preislichen Wettbewerbsfähigkeit zurückzuführen sein; diese hatte sich zwischen 2000 und 2008 permanent verschlechtert, verbesserte sich seitdem aber. Insbesondere Frankreichs Exportwirtschaft ist es nicht gelungen, vom ökonomischen Aufschwung der Schwellenländer zu profitieren, sondern sie hängt nach wie vor von den Märkten im Euroraum ab.

Reformiert werden soll auch das Deutschangebot an den Mittelschulen: Allgemein soll mit der zweiten Fremdsprache ein Jahr früher begonnen werden als bisher, und zwar in der siebten Klasse. Im Gegenzug sollen aber spezielle Sprachenzüge gestrichen werden, in denen zwei Fremdsprachen – häufig Englisch und Deutsch – bereits ab der sechsten Klasse unterrichtet werden.

Die Klassen gelten zwar als Erfolgsmodell, für die sozialistische Regierung profitieren aber mit nur rund 15 Prozent der Schüler zu wenige von dem Angebot.

Die Pläne haben auch die Bundesregierung auf den Plan gerufen, die befürchtet, in Frankreich könnte als Folge der Reform die Zahl der Deutschschüler sinken. Vallaud-Belkacem bekräftigt dagegen, mit der Reform werde der Deutschunterricht gestärkt.

Premierminister Manuel Valls betonte am Dienstag, die Reform werde umgesetzt. „Ich bin zuversichtlich, dass diese Reform wie geplant umgesetzt wird.“ Ein entsprechendes Dekret werde „so schnell wie möglich“ veröffentlicht.

Weitere zentrale Punkte der Reform sind mehr Autonomie für die Collèges, eine Verstärkung der Einzelbetreuung von Schülern und ein Ausbau des interdisziplinären Angebots.

Von

afp

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