Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

17.10.2011

16:55 Uhr

Protestbewegung

„Occupy Wall Street“ lebt vom Medien-Hype

VonBernd Ziesemer

Ein paar Tausend Menschen demonstrieren gegen die Banken, und schon dominieren sie alle Nachrichtensendungen. Die Medien haben nichts dazu gelernt, die "tägliche Desinformation" geht weiter. Ein Kommentar

Proteste in London: ist die Berichterstattung wirklich wichtig? AFP

Proteste in London: ist die Berichterstattung wirklich wichtig?

Vor gut einem Vierteljahrhundert setzten sich sechs junge Journalisten zusammen, um unter der Führung ihres Lehrherrn Wolf Schneider ein kritisches Buch über ihr eigenes Gewerbe zu schreiben. Es trug den Titel "Unsere tägliche Desinformation" und beschäftigte sich mit der Frage, wie uns die Massenmedien gewollt oder ungewollt in die Irre führen. Gleich zwei Kapitel gingen der Frage nach, warum sich Journalisten immer wieder für Pseudoereignisse einspannen lassen. Und am Schluss ihres Buches forderten die Autoren ihre Standesgenossen auf, bloße politische Inszenierungen nicht mit wirklichen gesellschaftlichen Bewegungen zu verwechseln.

Leider war der Appell der jungen Journalisten, zu denen damals auch der Autor dieser Zeilen zählte, weitestgehend vergeblich. Den Beweis dafür lieferte an diesem Wochenende die mediale Behandlung der sogenannten "Occupy-Frankfurt-Bewegung". Wenige Tausend Demonstranten, darunter die üblichen Verdächtigen von Attac und der Linken, forderten auf Protestkundgebungen in einigen großen Städten die Entmachtung und Verstaatlichung der Banken.

Anti-Wall-Street-Demos: "Ihr verzockt unsere Zukunft"

Anti-Wall-Street-Demos

"Ihr verzockt unsere Zukunft"

In vielen Städten sind Kritiker der Bankenmacht dem Aufruf zum Protest gefolgt.

Das kann man für wichtig halten oder auch nicht. Aber rechtfertigt es das übergroße Interesse, das vor allem im Fernsehen zu beobachten war? Schon vor den eigentlichen Demonstrationen durfte sich ein Sprecher der Organisation in verschiedenen Talkshows und Nachrichtensendungen mit seinen eher simplen Thesen produzieren - und so quasi kostenlos für seine Zwecke die öffentlich-rechtliche Werbetrommel rühren. Und nach den Demonstrationen folgten dann natürlich ausführliche Berichte auf allen Sendern. Die Medien sinken so, ob sie es wollen oder nicht, auf das Niveau einer bloßen Verstärkerfunktion für kleine Gruppen ohne eigene Basis herab.

Und die wohlmeinenden Unterstützer der Demonstranten erst recht. Zu ihnen gesellte sich am Wochenende beispielsweise DGB-Chef Michael Sommer. Er warf den "skrupellosen Investmentbanken" vor, "ohne jede demokratische Legitimation" unsere Gesellschaft zu spalten. Ähnlich äußerte sich SPD-Chef Sigmar Gabriel. Aber sieht es mit der demokratischen Legitimation solcher Anti-Banken-Bewegungen besser aus? Darauf verschwendet kaum jemand einen Gedanken.

Eigentlich ist es zum Heulen: Die Berichte aus dem Bundestag laufen selbst bei wichtigen Debatten nur noch im Kurznachrichtenblock. Und das Europaparlament, das in der jetzigen Finanzkrise eine immer wichtigere Rolle spielt, schafft es in der Regel überhaupt nicht in die Hauptnachrichten. Aber man muss nur ein paar Hundert Gleichgesinnte aus der linken Szene über Facebook zusammentrommeln, und schon kann man sich im Fernsehen produzieren.

"Wir werden nicht richtig informiert. Wir leben mit der täglichen Desinformation", schrieben die jungen Journalisten 1984. So ist es auch heute.

Kommentare (35)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

17.10.2011, 17:19 Uhr

„Occupy Wall Street“ ist künstlich hochgepuscht von den linken Medien.

Über EU, Brüssel und EU-Rettungsschirm durfte man sich ja nicht aufregen, selbst wenn ganze Regierungen Europas dafür kaputt gemacht werden.

Jetzt wird künstlich "Dampf" abgelassen, damit wir beim nächsten MIlliarden-Coup aus Brüssel wieder die Schnauze halten sollen.

Bankerin

17.10.2011, 17:24 Uhr

Im Kern gebe ich Ihnen natürlich völlig recht, was die "tägliche Desinformation" in den Medien betrifft und das darüber wirklich! wichtige Themen (es leiden immer noch Mio Menschen Hunger in Ostafrika als Beispiel) in den Hintergrund treten.

Was aber diese "Occupy-Bewegungen" momentan betrifft...ich glaube, da ist wirklich eine Veränderung der Gesellschaft im Gang, die dadurch erst zum Ausdruck kommt. Und deshalb macht m.E. sowohl die Information als auch die Mobilisierung über die Medien Sinn!

Es gehen so andere Menschen auf die Straße als "normalerweise" bei Demonstrationen...selbst mein 80jähriger Schwiegervater (sonst eher passiv wütend im Wohnzimmer) hat mitgemacht. Davon berichten ja auch Reporter vor Ort, die weniger die klassischen Organisationen wie Attac oder Gewerkschaften vorgefunden haben, als vielmehr sogenannte Bildungsbürger...und viele davon auch im "besten Alter".

Zum Schluß noch ein Wort zum Thema Politik im Fernsehen: häufig ist über die Hälfte der Zeit in der Tagesschau von Politikern und deren "Dates" die Rede. Mich n e r v t das unglaublich! Ich will doch gar nicht wissen, was die "Jungs und Mädels" jeden Tag so machen (das will ich doch z.B. auch nicht von Vorstandsmitgliedern weltbestimmender Konzerne)...ich will über deren Ergebnisse! (oder meinen Einflußmöglichkeiten) informiert werden.

Account gelöscht!

17.10.2011, 17:38 Uhr

Die ganze Bewegung ist ein Witz und ferngesteuert. Das erkennt jeder wirklich 'aufgewachte" sofort. Sie haben keine Ziele und wenn, dann die verkehrten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×