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16.09.2012

21:31 Uhr

Proteste gegen Islamvideo

Politik befürchtet Dauerkrise nach Massenprotesten

Die blutigen Proteste gegen den Anti-Islam-Film haben offenbar ihren Höhepunkt überschritten. Doch westliche Staaten bangen weiter um die Sicherheit ihrer Diplomaten. Nun zieht auch Deutschland Botschaftspersonal ab.

Im pakistanischen Karachi verbrennen demonstrierende Muslime eine US-Flagge und eine Puppe. AFP

Im pakistanischen Karachi verbrennen demonstrierende Muslime eine US-Flagge und eine Puppe.

Washington/Istanbul/Bengasi/MontréalNach den gewalttätigen Protesten gegen einen anti-islamischen Schmähfilm wappnen sich die USA für weitere Unruhen in der arabischen Welt. Bis auf eine Notbesetzung wird in Tunesien und dem Sudan alles Personal aus den dortigen Botschaften abgezogen. Auch die deutsche Botschaft in Khartum trifft Vorkehrungen. Das Weiße Haus gehe davon aus, dass die gewaltsamen Proteste zu einer „anhaltenden Krise mit unvorhersehbaren diplomatischen und politischen Konsequenzen“ führen könnten, schrieb die „New York Times“ in ihrer Online-Ausgabe vom Samstag.

Deutschland verschärfte die Reisehinweise für den Sudan. Eine Außenamtssprecherin kündigte an, dass das Personal der deutschen Botschaft ausgedünnt und zusätzliche Sicherheitskräfte entsandt würden. Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) forderte die sudanesische Regierung auf, den Schutz diplomatischer Einrichtungen zu gewährleisten. Die Botschaft, die am Freitag gestürmt worden war, ist derzeit geschlossen. Im ARD-„Bericht aus Berlin“ sagte Westerwelle am Sonntagabend, auch die Sicherheitsvorkehrungen in anderen betroffenen Ländern würden verschärft.

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Westerwelle wertete die Angriffe auf die Botschaften als Taten von Extremisten. „Das sind zum Teil auch Terroristen, wenn ich an die Ermordung des amerikanischen Botschafters in Libyen denke“, ergänzte er. Sie seien jedoch nicht repräsentativ: „Die große Mehrheit der Menschen in der arabischen Welt hat sich auf den Weg gemacht in Richtung Demokratie, Rechtsstaat, auch Pluralität. Und wir sollten sie dabei unterstützen.“

Kanada hat aus Sicherheitsgründe am Sonntag seine Botschaften in Ägypten, Libyen und dem Sudan für einen Tag geschlossen. Dies geschehe zum Schutz des Botschaftspersonals, sagte ein Vertreter des kanadischen Außenministeriums am Sonntag.

Eine Chronik islamistischer Anschläge auf US-Einrichtungen im Ausland

7. August 1998

Bei zeitgleichen Anschlägen auf die Botschaften in Nairobi (Kenia) und Daressalam (Tansania) sterben 230 Menschen, Tausende werden verletzt. Drahtzieher ist Osama bin Laden.

12. Oktober 2000

Bei einem Anschlag auf den US-Zerstörer „USS Cole“ sterben im Hafen von Aden (Jemen) 17 Soldaten und zwei Täter, 39 Menschen werden verletzt. Hinter dem Anschlag steht eine mit Osama bin Laden verbündete Terrorgruppe.

14. Juni 2002

Vor dem US-Konsulat im pakistanischen Karachi explodiert ein Auto. Zwölf Pakistaner sterben. Im Februar hatte ein Attentäter vor dem Konsulat drei pakistanische Polizisten erschossen.

15. Oktober 2003

Bei einem Sprengstoffanschlag auf US-Bürger in den palästinensischen Autonomiegebieten sterben am Grenzübergang Eres drei Sicherheitsbeamte der US-Botschaft in Israel.

26. Mai 2004

Bei einer Explosion zweier Autobomben vor dem Pakistanisch-Amerikanischen Kulturzentrum im pakistanischen Karachi wird ein Polizist getötet.

6. Dezember 2004

Bei einem Angriff auf das US-Konsulat im saudi-arabischen Dschidda werden fünf Konsulatsmitarbeiter und vier Attentäter getötet. Al-Kaida bekennt sich zur Tat.

18. März 2008

Bei einem Attentat auf die US-Botschaft in Sanaa stirbt ein jemenitischer Wachmann. Daraufhin werden große Teile des Personals abgezogen.

9. Juli 2008

Bei einem Feuergefecht vor dem US-Konsulat in Istanbul sterben drei türkische Polizisten und drei der vier Angreifer. Die Männer werden Al-Kaida zugerechnet.

4. März 2011

Ein Kosovo-Albaner beschießt auf dem Flughafen Frankfurt/Main einen Bus mit US-Soldaten. Zwei Amerikaner werden getötet, zwei weitere schwer verletzt. Er gilt als extremistischer Einzeltäter. Als Motiv nennt er Rache für US-Angriffe auf Muslime.

12. und 13. September 2012

Als Reaktion auf ein Schmäh-Video über den Propheten Mohammed stürmen Muslime US-Botschaften in mehreren Ländern. Beim Angriff auf das Konsulat im libyschen Bengasi werden vier Amerikaner getötet, darunter der Botschafter. Ägyptische Demonstranten greifen die Botschaft in Kairo an. Im Jemen stürmen am folgenden Tag mehrere hundert Demonstranten die US-Vertretung in Sanaa. Drei Angreifer sterben.

Seit Tagen gibt es in der muslimischen Welt teils gewalttätige Proteste gegen einen in den USA offenbar von koptischen und evangelikalen Christen produzierten islamfeindlichen Amateurfilm. Dabei starben bislang mindestens 17 Menschen. Auch die deutsche Botschaft in der sudanesischen Hauptstadt Khartum wurde angegriffen und angezündet.

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