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24.12.2011

19:17 Uhr

Proteste gegen Putin

Russland, ein Wintermärchen

VonAnn-Dorit Boy

Der Protest gegen Wahlfälschungen und das Regime Waldimir Putins spitzt sich zu. Bei der Demonstration am Samstag ist der Tonfall deutlich schärfer. Lange kann Russland Machthaber diese Bewegung nicht mehr ignorieren.

Massendemonstration in Moskau am 24.12.2011. dpa

Massendemonstration in Moskau am 24.12.2011.

MoskauEs hätte dem Dissidenten und Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow vermutlich gefallen, das Menschenmeer zu sehen, das sich am Samtagnachmittag über die nach ihm benannte Straße im Nordwesten von Moskau ergossen hat. Weit mehr als 100 000 Demonstranten strömten mit frostroten Wangen und weißen Bändern auf die Fahrbahn zwischen klotzigen Neubauten, um gegen die Wahlfälschungen bei den Parlamentswahlen am 4. Dezember zu protestieren.

Auch in Dutzenden anderen russischen Städten gingen Menschen auf die Straße. Und selbst wenn die Polizei die Zahl der Unzufriedenen in der Hauptstadt nur mit lächerlich untertriebenen 60 000 beziffert hat: Russlands Machthaber, Regierungschef Wladimir Putin, wird die Protestbewegung nun nicht mehr ignorieren können.

Dass die Wut seit der der jüngsten Massendemonstration vor zwei Wochen noch größer geworden ist, hat er sich selbst eingebrockt. „Putin hat uns nicht nur nicht zugehört und unsere Forderungen nach Überprüfung der Wahlergebnisse nicht erfüllt, er hat uns auch noch verhöhnt“, sagt Anton, 20, Mathematikstudent. Vor seinem Bauch trägt der junge Mann eine Papptafel, auf der ein Schaf abgebildet ist und ein Kondom.

Premier Putin hatte kürzlich in einer Fernsehsprechstunde der Opposition unterstellt, ihre Anhänger wie Schafe zu behandeln. Die weißen Bänder der Demonstranten, Symbol für den Kampf um saubere und ehrliche Wahlen, hatte der Regierungschef hilflos witzelnd als Präservative bezeichnet.

Auf diesen Spott haben viele Demonstranten wie Anton mit bösen Karikaturen reagiert. Seine Mitstreiter hat der Student im Freundeskreis und im sozialen Netzwerk Facebook und dessen russischem Pendant vkontakte gefunden. Seit Tagen treffen sie sich in Kneipen und privaten Wohnungen, um Handzettel und Transparente zu entwerfen. Hunderte vor allem junge Leute haben sich zusammengetan, um den Protest zu befeuern und möglichst viele Mitbürger auszurütteln. „Die meisten von uns haben früher noch nie demonstriert. Aber wir haben begriffen, dass es nun an der Zeit ist etwas zu ändern“, sagt Anton.
Auf dem Sacharow-Prospekt steht an diesem Nachtmittag aber nicht nur die Facebook-Generation: Ljumila und Jewgenia, zwei ältere Damen, Kolleginnen in einem wissenschaftlichen Institut, haben sich bis in die Nähe der kleinen Bühne vorgekämpft. Sie sind zuletzt 1993 auf die Straße gegangen, als Boris Jelzin im Dauerstreit um seine Verfassungsreform Granaten auf das Weiße Haus, den russischen Regierungssitz, abfeuern ließ.

Jetzt haben die Damen im Pelzmantel die Nase voll von den Betrügereien der Regierung. Ljudmila war für die eigentlich regierungstreue Partei Gerechtes Russland als Wahlbobachterin in einem Moskauer Wahllokal. Mit beiden Händen zeigt sie entrüstet, wie dick die Stapel mit den vorab ausgefüllten Wahlzetteln waren, die die Regierungspartei in die Urnen geschummelt hat. „Ich habe mit zwei anderen Beobachtern darauf hingewiesen, aber man hat uns rausgeschickt“, klagt die graugelockte Frau. So gehe das nicht weiter.

Die bunten Flaggen der Parteien und Bündnisse, die über den Köpfen der Menschen wehen, lassen erahnen, wie viele unterschiedliche politische Fraktionen und Meinungen sich hier versammelt haben: Liberale, Kommunisten, Demokraten, Nationalisten. Die Liste der Redner reicht vom Literaten Boris Akunin über den ehemaligen Schachweltmeister Garri Kasparow und den ehemaligen Finanzminister Alexej Kudrin bis hin zum Nationalisten Wladimir Torn.

Kommentare (17)

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kit_fisto

24.12.2011, 19:27 Uhr

Sehr guter Artikel, Frau Boy, typisch Handelsblatt. Ich las woanders auch offizielle "Zahlen" von 29000 Demonstranten. Die BBC sagte, es seien jedenfalls mehr als am 10. Dez. (und berichtet schwach und zu wenig genau wie der Spiegel) - 100.000+ sprengt auf jeden Fall alle Vorhersagen.

"Russland, ein Wintermärchen", "nächstes mal Eine Million", Russland steht kurz vor dem "Russischen Frühling" 2012, endlich mal Gute Nachrichten für die nahe Zukunft.

Man wünscht den Russen bloß weiterhin so viel Mut, Gewaltlosigkeit, offenen Diskurs und gaaaanz viel Vernunft! Weiter so.

kit_fisto

24.12.2011, 19:27 Uhr

Sehr guter Artikel, Frau Boy, typisch Handelsblatt. Ich las woanders auch offizielle "Zahlen" von 29000 Demonstranten. Die BBC sagte, es seien jedenfalls mehr als am 10. Dez. (und berichtet schwach und zu wenig genau wie der Spiegel) - 100.000+ sprengt auf jeden Fall alle Vorhersagen.

"Russland, ein Wintermärchen", "nächstes mal Eine Million", Russland steht kurz vor dem "Russischen Frühling" 2012, endlich mal Gute Nachrichten für die nahe Zukunft.

Man wünscht den Russen bloß weiterhin so viel Mut, Gewaltlosigkeit, offenen Diskurs und gaaaanz viel Vernunft! Weiter so.

Durchblicker

24.12.2011, 20:17 Uhr

Das Handelsblatt schreibt nur die offizielle Version. Die Demonstrationen in den USA und die Verhaftungen werden ganz vergessen. Agitation haben gewisse Politiker an der Regierungsspitze gut gelernt.
Verschiedene Maßstäbe halt, im Westen die Guten im Osten die Bösen. Die Ziele sind klar. Destabilisierung, Erreichung von Zustimmung für bestimmte Aktionen hin bis zum Krieg der alternativlos sein wird.
Hatten wir das nicht alles schon? Muss das zu Weihnachten wirklich sein?

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