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23.09.2016

11:34 Uhr

Proteste gegen Regierungskampagne

Italien hadert mit der Fruchtbarkeit

VonRegina Krieger

Sexistisch und rassistisch: Die italienische Regierung verpatzt den „Tag der Fruchtbarkeit“. Der große Protest macht eines deutlich: Das Land hat keine Lösungen für die Probleme einer alternden Gesellschaft.

„Die Schönheit hat kein Alter, die Fruchtbarkeit schon“ – Italien ärgert sich über diesen Spruch.

Verpatzte Kampagne

„Die Schönheit hat kein Alter, die Fruchtbarkeit schon“ – Italien ärgert sich über diesen Spruch.

Rom„Ich bin guter Hoffnung ... aber auf einen festen Arbeitsplatz“, steht auf dem gelben Schild, das die junge Römerin in die Höhe hält, dazu der Hashtag #fertilityday. Diesen „Tag der Fruchtbarkeit“ hatte das Gesundheitsministerium in Rom schon vor Wochen ausgerufen, um im geburtenschwachen Italien die Fortpflanzung anzukurbeln. Doch die durchaus gut gemeinte Aufklärungskampagne für gesunden Lebensstil verfehlte völlig ihr Ziel und provozierte Proteste auf der Straße, einen Shitstorm im Netz und böse Kommentare in den Medien.

In vielen Städten ärgerten sich die Menschen über den „Fertility Day“ auf. Vor allem über eine Broschüre, die vom Gesundheitsministerium verteilt worden war: Auf dem Titelblatt eine Fotomontage mit strahlenden, blonden Jugendlichen in der oberen Hälfte. Darunter konsumieren böse schauende, dunkle und farbige Gestalten Drogen. Der Text dazu: „Korrekter Lebensstil – für Prävention gegen Sterilität und Unfruchtbarkeit“.

Bei den Blonden steht: „Gute Gewohnheiten stärken“, bei den Dunklen „Schlechte Gesellschaft verlassen“. Das ist Rassismus, stöhnten die Italiener einmütig auf und das Gesundheitsministerium zog die Broschüre postwendend zurück. Die ganze Kampagne soll 113.000 Euro gekostet haben, rechnete die regierungskritische Zeitung „Il Giornale“ vor.

Gesundheitsministerin Beatrice Lorenzin verteidigte sich, sie habe die Fotos vor der Veröffentlichung nicht gesehen und entließ ihre Kommunikationschefin Daniela Rodorigo. Die verdient pro Jahr um die 230.000 Euro, wie schnell hämisch getwittert wurde. Die Ministerin wolle, dass endlich über das Tabuthema Fruchtbarkeit gesprochen werde. Gut gefallen habe ihr die Aufklärungskampagne allerdings auch nicht. Lorenzins Ausrede in einem TV-Interview, nicht über alle Vorgänge im Ministerium Bescheid zu wissen, half ihr auch nicht weiter.

Italien in Zahlen

Hintergrund

Kunst, Kultur und Kulinarisches: Italien ist nicht nur Angstgegner der deutschen Fußball-Elite, sondern vor allem eines der hierzulande beliebtesten Urlaubsziele. Mit einem Anteil von rund zehn Prozent am Bruttoinlandsprodukt ist die Tourismusbranche von großer Bedeutung für die italienische Wirtschaft. Mehr als ein Viertel aller ausländischen Touristen kommen aus Deutschland.

Fläche

Italien ist 301.340 Quadratkilometer groß, das ist weniger als die Hälfte Frankreichs.

Einwohner

60,8 Millionen

Rom

2,7 Millionen Einwohner

Matteo Renzi

Matteo Renzi

Lebenserwartung

Durchschnittlich: 83,2 Jahre

Arbeitslosenquote

11,9 Prozent

Exportgüter

Maschinen, Chemieerzeugnisse, Autos

Große Handelspartner

Deutschland, Frankreich, China, USA

Pressefreiheit

Rang 77 (Deutschland: Rang 16)

FIFA-Weltrangliste

Rang 12 (Deutschland: Rang 4)

Außerdem ist es schon ihr zweites Fettnäpfchen. Als vor drei Wochen der „Fertility Day” erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, empörten sich die Italiener über eine vorgestellte Postkarte. Darauf zu sehen: Eine Frau mit ihrer Hand auf dem Bauch und einer Sanduhr in der anderen Hand. Dazu der Text: „Die Schönheit hat kein Alter, die Fruchtbarkeit schon“. Die Kritik kam prompt und von allen Seiten. „Der ganze „Fertility Day“ ist eine Beleidigung für die, die keine Kinder haben können und für die, die welche möchten, aber keine Arbeit haben“, twitterte der Bestsellersautor Roberto Saviano.

Kommentare (20)

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Herr Thomas Behrends

23.09.2016, 11:49 Uhr

Mann, sind die Menschen (oder besser bestimmte Menschen) in Italien sensibel geworden.

Sie empfinden diese recht simple Botschaft, die von der Werbung ausgehen soll, als rassistisch und reagieren mit einem "Shitstorm" (ein Scheißsturm, was soll das sein? - Kann man in der heutigen Zeit nicht auch einmal zur Abwechsel einen der probaten deutschen Begriffe, z.B. Protest oder Ähnliches, verwenden, als diese blöden Anglikanismen ?).

Auf jeden Fall ist festzuhalten, dass im unteren Bereich dieser Anzeige ebenfalls eine weiße Frau (mittig, rauchend) zu sehen ist und die Annonce insofern dem Vorwurf des Rassismus nicht standhält.

Herr Ciller Gurcae

23.09.2016, 11:59 Uhr

Es mag rassitisch sein, aber falsch ganz gewiß nicht.

Andererseits: Angesichts dessen, was wir mit den Italienern die letzten rund 2000 Jahre so erlebt haben, so sind es gute Nachrichten.

Herr Jürgen Mücke

23.09.2016, 12:10 Uhr

Ich kann absolut verstehen, dass viele keine Kinder wollen.

Viele Kriege in der Welt...

Verteilungskämpfe...

Immer weniger Selbstbestimmung...

Die Frage : meinem Kind soll es einmal besser gehen! Wird das wirklich so sein???

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