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05.12.2013

14:13 Uhr

Proteste in Bangkok

„So etwas gibt es nur in Thailand“

VonNick Allgaier

Tränengas, Steinewerfer und geschlossene Gebäude auf der einen, geöffnete Tempel und Läden sowie Feiern zum Geburtstag des Königs auf der anderen Seite: Ein Streifzug durch ein Bangkok zwischen Aufstand und Alltag.

Darauf können sich alle Thais einigen: König Bhumibol feiert heute seinen 86. Geburtstag AFP

Darauf können sich alle Thais einigen: König Bhumibol feiert heute seinen 86. Geburtstag

BangkokÜber die letzten Tage erreichten mich in Bangkok nicht wenige besorgte Nachrichten aus aller Welt: „Bist du wohlauf?“, „Kannst du überhaupt aus deiner Wohnung heraus?“, „Das muss ja ein furchtbares Chaos sein, in dem Bangkok versinkt!“.

Wenn ich jedoch von meinem Balkon in die Nachbarschaft nahe des Wat Arun Tempels südlich des Chao Praya-Flusses schaue, sehe ich weder Tränengasschwaden, noch höre ich Trillerpfeifen oder sehe aufgebrachte, Steine werfende Demonstranten. Vielmehr erlebe ich geöffnete Geschäfte, friedliche Tempel und ansonsten das alltägliche Gewusel meiner Thai-Nachbarn. Auch ein Besuch im Einkaufsviertel ist problemlos möglich: Die öffentliche Hochbahn, der sogenannte „Skytrain“, fährt ohne Einschränkungen, alle Restaurants und Einkaufszentren sind geöffnet und teils weihnachtlich geschmückt.

Die Stimmung unter Touristen und dem Verkaufspersonal wirkt gelassen. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man denken, in Bangkok laufe alles seinen gewohnten Gang. Auch gehen meine Kommilitonen normal ihrer täglichen Arbeit nach. „Einschränkungen meiner Arbeit gibt es bisher praktisch keine“, sagt mir ein befreundeter Produktionsingenieur.

Wären wir auf dem Uni-Campus und würden auf die Umgebung dort schauen, sähe die Lage etwas anders aus. Meine Uni, die Thammasat University, hat vorsorglich den Campus geschlossen und Kurse größtenteils abgesagt oder in Hotels verlegt.

Thailands Krise - Ursachen und Auswege

Warum ruft die Regierung nicht Neuwahlen aus?

Regierungschefin Yingluck Shinawatra hat Neuwahlen in Aussicht gestellt, doch beruhigt ein neuer Wahlgang die Gemüter nicht. Ihre Partei „Pheu Thai“ würde wahrscheinlich wieder gewinnen - es bliebe also alles beim Alten.

Wo kommen die wütenden Regierungsgegner her?

Thailand hat 67 Millionen Einwohner. Zweidrittel davon leben auf dem Land. Das ist die Machtbasis von „Pheu Thai“. Die Demonstranten kommen eher aus der Bildungsschicht und aus dem wirtschaftlich bessergestellten Süden des Landes.

Warum sind die beiden Lager so gespalten?

Die Demonstranten gehören mehrheitlich zu den nach Schätzungen nur drei Millionen Steuerzahlern im Land. Mit ihrem Geld finanziert die Regierung unter anderem ein System mit deutlich über dem Marktwert liegenden Garantiepreisen für Reisbauern - die keine Steuern zahlen.

Wieso wollen die Städter den Lebensstandard der Bauern nicht verbessern?

Thailand hat politisch keine Kompromisskultur. Wer regiert, dient den Interessen seiner Wähler - und den eigenen Interessen, wie Kritiker sagen. Jahrzehnte machte die Bildungsschicht unter sich aus, wer das Land regiert. 2001 kam Thaksin Shinawatra, der Bruder der Ministerpräsidentin. Er förderte das politische Erwachen der armen Massen und sicherte sich ihre Loyalität und Stimmen mit populistischen Maßnahmen - das alte Establishment sah und sieht sich ausgegrenzt.

Wie lassen sich die tiefen Gräben überwinden?

An dieser Frage beißen sich Politiker und Akademiker seit einigen Jahren die Zähne aus. Der Anführer der Protestbewegung, Suthep Thaugsuban, will eine Übergangsregierung aus ernannten Technokraten, die eine neue politische Kultur schaffen sollen - ohne Stimmenkauf, wie er in Thailand wie in vielen asiatischen Ländern üblich ist, und ohne Möglichkeiten, politische Ämter für persönliche Vorteile zu nutzen.


Wer soll die Technokraten ernennen?

Wer soll die Technokraten ernennen? Wie lange sollen sie regieren? Wer überwacht ihre Arbeit? Alles ungelöste Fragen, auf die Suthep bislang keine Antworten gegeben hat. Es gibt ein Beispiel in Thailands jüngerer Geschichte, das bis heute als Modellphase der Politik gilt: Nach einem Putsch 1991 ernannte das Militär den respektierten Diplomaten und Geschäftsmann Anand Panyarachun zum Übergangsregierungschef. Er ernannte ein Technokratenkabinett, das 380 Gesetze durchbrachte und eine zukunftsweisende Verfassung schaffte, ehe es Neuwahlen gab. Anand ist inzwischen 81 Jahre alt.

Die Lage im Regierungsviertel, unweit der Uni und der populären Touristengegend um die legendäre Khao San Road, verschärfte sich über das Wochenende immer weiter und spitzte sich am Montag zu. Auf dem bisherigen Höhepunkt der Unruhen ging die Polizei erstmals mit Gummigeschossen und Tränengas gegen Demonstranten vor, die versuchten, die Barrikaden aus Stacheldraht und Betonsperren zu überwinden und weitere Regierungsgebäude einzunehmen.

Wann der Unibetrieb wieder normal laufen soll, steht noch nicht fest. Vorerst sind für diese Woche alle Veranstaltungen abgesagt, denn es ist nicht klar, wie sich die politische Lage weiter entwickelt. „Ich halte die momentane Gesamtsituation für enorm konfus. Erst startete die Opposition mit Protesten gegen das Amnestiegesetz und jetzt umfassen die Proteste alles auf einmal.

Es scheint so, als wolle man nun wirklich alle Verbindungen zum dem im Exil lebenden früheren Regierungschef Thaksin auflösen. Ich sehe auch kein Licht am Ende des Tunnels“, sagt mir ein thailändischer Kommilitone. „Wie es von nun an weiter geht? Ich habe, ehrlich gesagt, keine Ahnung“, sagte ein anderer. Eine meiner Dozentinnen sieht das pessimistischer: „Die Dinge können unschön werden. Das stimmt mich wirklich traurig“ schreibt sie mir auf Facebook im Hinblick auf die Fernsehaufnahmen von den Montagsunruhen.

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