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28.06.2013

07:21 Uhr

Proteste in Brasilien

Regierung fährt Kuschelkurs

Die Proteste zeigen Wirkung: Die politische Führungsriege Brasiliens will längst geplante Regelungen gegen Korruption umsetzen und die Politik per Volksabstimmung neu ordnen lassen. Kritiker wittern Ablenkungsmanöver.

Präsidentin Dilma Rousseff ist Befürworterin einer Volksabstimmung. ap

Präsidentin Dilma Rousseff ist Befürworterin einer Volksabstimmung.

Rio de JaneiroDie unter dem Druck der Straße stehende brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff hat in ihrem Parteienbündnis Rückendeckung für den Vorschlag einer Volksabstimmung über politische Reformen erhalten. Bei dem Treffen der Präsidentin mit den Vorsitzenden der Koalitionsparteien in der Hauptstadt Brasília habe es eine „große Übereinstimmung“ gegeben, sagte Bildungsminister Aloizio Mercadante am Donnerstag. In Fortaleza ging die Polizei mit Tränengas gegen gewalttätige Demonstranten vor.

Nach Rousseffs Vorschlag soll in einem Referendum über eine politische Reform entschieden werden, die Änderungen des Wahlrechts und der Wahlkampffinanzierung vorsieht. Die Regierung möchte, dass die Reformen vor den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2014 in Kraft treten. Bei der Wahl will Rousseff für eine zweite Amtszeit antreten.

Am Freitag will die linksgerichtete Präsidentin Vertreter der Opposition treffen. Diese haben Rousseffs Initiative bereits in einer gemeinsamen Erklärung als „Ablenkungsmanöver“ bezeichnet. Die Opposition will den Kongress über Reformen debattieren und abstimmen lassen und dessen Entscheidung dem Volk zur Abstimmung vorlegen.

Bildungsminister Mercadante sagte, das Referendum diene zur Bestimmung der Wegmarken einer politischen Reform. Der Kongress sei als einziges Organ berechtigt, das Wahlgesetz zu ändern und werde daher „das letzte Wort“ haben. Aber er könne sich kaum vorstellen, dass irgendeine Partei den Willen des Volkes missachten werde.

Fußballstadien Brasilien

Rio de Janeiro

Als das Maracanã-Stadion 1950 fertig wurde, passten 200.000 Zuschauer in die Arena. Zur WM-2014 wird das Fassungsvermögen der Arena auf 77.000 Plätze reduziert. Damit aber bleibt es immer noch das größte Stadion Brasiliens.

Sao Paulo

Das Stadion im Stadtteil Itaquerão soll 65.000 Zuschauern Platz bieten. Nach der WM wird das Stadion die Heimstätte vom Lokalclub Corinthians Paulista.

Salvador da Bahia

Die Stadt bekommt zur WM das neue Fonte-Nova-Stadion mit 56.500 Plätzen.

Recife

Das Stadion Pernambuco wird neu gebaut. Es soll 180 Millionen Euro kosten und 44.000 Zuschauern Platz bieten.

Pôrto Alegre

Lange rührte sich auf der Baustelle des River Bank Stadions gar nichts. Der Verein Internacional stritt mit dem Bauunternehmen. Inzwischen haben die Arbeiten begonnen. Das Stadion wird modernisiert. Es soll bei der WM 50.300 Zuschauern Platz bieten.

Natal

Der Neubau in der ostbrasilianischen Stadt Natal wird voraussichtlich 400 Millionen Real (149 Millionen Euro) kosten. Die „Dünen-Arena“ entsteht auf dem Gelände des gesprengten Machadão-Stadions und wird bei der WM 2014 rund 42.000 Zuschauern Platz bieten. Die Fertigstellung soll 2013 erfolgen.

Manaus

Auch hier wurde ein altes Stadion abgerissen, um einem neuen Platz zu machen. Die Amazônia-Arena ist im Rahmen eines neuen Sportparks mit Sambadrom, Schwimmhalle, Leichtathletikanlagen und weiteren Sporthallen geplant. Der Name des neuen Stadions leitet sich aus der unmittelbaren Nähe der Stadt Manaus zum tropischen Regenwald des Amazonas-Gebietes ab. Rund 43.000 Zuschauer sollen in dem neuen Stadion Platz finden, dessen Baukosten bei 533 Millionen Real (rund 200 Millionen Euro) liegen. Mit der Fertigstellung wird 2013 gerechnet.

Fortaleza

Das 1973 erbaute Estádio Governador Plácido Castelo, besser bekannt unter dem Namen Castelão, wurde vollkommen umgebaut und bietet nun bis zu 64.846 Zuschauern Platz. Die Umbaumaßnahmen sind bereits abgeschlossen und so steht das Stadion für den Confederations Cup in diesem Jahr bereits zur Verfügung. Der Umbau des Stadions hat 486 Millionen Real (180 Millionen Euro) gekostet. (Foto vom Dezember 2012)

Cuiabá

Diese neue Fußballarena wird auf dem Grundstück des inzwischen abgerissenen Verdão-Stadions gebaut. Nach der WM 2014 kann das Stadion auch als Mehrzweckarena genutzt werden. Das Baukastenprinzip ermöglicht eine nachträgliche Verkleinerung bei geringer Auslastung. Während der WM 2014 sollen hier knapp 43.000 Fans Platz finden. Das Stadion soll bis 2014 fertig werden und kostet 597 Millionen Real (222 Millionen Euro).

Belo Horizonte

Das Mineirão-Stadion in Belo Horizonte wurde im Dezember im Beisein der brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff eingeweiht. Allerdings ging es beim Eröffnungsspiel Anfang Februar drunter und drüber. Das Stadion verfügt über 66.800 Plätze. Sechs WM-Partien werden dort ausgetragen, einschließlich einer Halbfinalpaarung.

Brasilia

Das alte Estádio Mané Garrincha, das inzwischen fast vollständig abgerissen wurde, macht Platz für eine Arena, die über eine neue Fassade, eine Dachkonstruktion aus Metall, neue Tribünen sowie eine abgesenkte Spielfläche verfügen wird. Das 1974 erbaute Nationalstadion wird umfassend umgebaut, wobei die Sitzplatzanzahl von 42.200 auf über 70.000 erhöht wird. Der Umbau ist mit 671 Millionen Real (250 Millionen Euro) recht kostenintensiv und soll im April 2013 abgeschlossen werden. Hier werden auch einige Fußballpartien der Olympischen Sommerspiele sowie das Eröffnungsspiel des Confederations Cup ausgetragen.

Curitiba

Die Baixada-Arena in Curitiba wurde bereits 1914 erbaut und zählt zu den kleineren WM-Spielstätten in Brasilien. Die Arena mit ehemals 28.272 Plätzen wurde zwar zwischen 1997 und 1999 komplett neu errichtet, doch für die anstehende WM war eine erneute Modernisierung von Nöten. Bis zur WM soll die Baixada-Arena ihre Kapazität auf 41.375 Plätze erhöhen. Die Modernisierung kostet 220 Millionen Real, das sind umgerechnet 82 Millionen Euro.

Die Regierung steht angesichts der seit Wochen andauernden Demonstrationen unter erheblichem Druck. Die Proteste richten sich gegen die Verschwendung von Steuermitteln für prestigeträchtige Sportveranstaltungen, gegen soziale Missstände und gegen Korruption in der Politik. Immer wieder gab es in den vergangenen Wochen Zusammenstöße zwischen Polizisten und Demonstranten, so auch am Donnerstag am Rande des Fußball-Spiels Spanien gegen Italien beim Confederations Cup in Fortaleza.

Nach Polizeiangaben marschierten rund 5.000 überwiegend junge Menschen zunächst friedlich von der Universität zum Stadion in der nordostbrasilianischen Stadt. Eine kleine Gruppe begann dann, Flaschen, Steine und Stöcke auf die Polizisten zu schleudern und die Metallabsperrungen vor dem Stadion zu durchbrechen. Die Beamten setzten Tränengas ein. Die friedlichen Demonstranten riefen die Randalierer auf, die Gewalt zu beenden. Die Behörden sprachen anschließend von 72 Festnahmen. Am Mittwoch hatte es auch in Belo Horizonte, wo das erste Halbfinalspiel des Confed Cup stattgefunden hatte, Gewalt gegeben.

Offenbar unter dem Eindruck der Proteste und angesichts der baldigen Sommerpause hatte das Parlament eilig begonnen, über verschleppte Gesetze abzustimmen. Ein Gesetz, das Korruption als schweres Verbrechen einstuft und auf die gleiche Stufe wie Mord stellt, passierte am Mittwochabend den Senat. Ebenfalls am Mittwoch hatte das Oberste Gericht Brasiliens die Inhaftierung eines verurteilten Abgeordneten verfügt. Natan Donadon von der an der Regierung beteiligten Partei PMDB war im Jahr 2010 wegen Veruntreuung öffentlicher Mittel zu 13 Jahren Haft verurteilt worden. Bis Donnerstagabend fehlte von ihm jedoch jede Spur.

Von

afp

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