Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.09.2014

20:03 Uhr

Proteste in China

Mit Regenschirmen gegen das Regime

VonFinn Mayer-Kuckuk

Harmlos, wohlerzogen, fast kindlich wirken viele Studenten, die in Hongkong mehr Demokratie fordern. Doch sie legen sich furchtlos mit einem der härtesten Regime der Welt an – das ist gewohnt, mit Waffen zu antworten.

Video

Proteste in Hong Kong belasten die Börsen

Video: Proteste in Hong Kong belasten die Börsen

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

PekingIn Hongkong blitzte und donnerte am Dienstagabend, und zeitweilig fiel heftiger Regen – doch die Demonstranten hatten ihre Regenschirme eigentlich aus einem anderen Grund mitgebracht: gegen das Tränengas, das die Polizei einsetzen könnte. Die Demokratiebewegung hatte daher spontan einen neuen Spitznamen weg. „Umbrella Revolution“, nennen nun auch die Organisatoren die friedliche Besetzung mehrerer Straßenzüge in der Hongkonger Innenstadt.

In den vergangenen zwei Nächten waren die Regeschirme glücklicherweise überflüssig: Die Polizei hatte am Sonntag zwar Tränengas in die Menge gefeuert, sich seitdem aber sich komplett zurückgehalten. In entfernten Seitenstraßen hielten sich zwar Einheiten mit Schilden und Schlagstöcken bereit, doch sie sind nicht wieder in die Nähe der belagerten Straßenkreuzungen vorgerückt.

Auch die Nacht von Dienstag auf Mittwoch hat ruhig begonnen. Es herrscht gute Stimmung unter den überwiegend sehr jungen Demonstranten. Am Mittwoch soll es dagegen hoch her gehen. Der 1. Oktober ist der chinesische Nationalfeiertag: Der Gründungstag der kommunistischen Volksrepublik. Gerade vor der Einparteienherrschaft, für die dieses Datum steht, wollen die Demonstranten Hongkong bewahren. Außerdem haben Proteste an so einem symbolischen Tag eine besondere Reichweite.

Hongkong – eine geteilte Stadt

Warum ist die Stadt so gespalten?

Der öffentliche Aufruhr in der chinesischen Sonderverwaltungszone nimmt seit Jahren stetig zu. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander, wofür unter anderem der Ressourcen-Wettstreit mit dem Festland sowie die horrenden Lebenshaltungskosten und Mieten in Hongkong verantwortlich sind. Die aktuelle Krise geht aber vor allem auf Pekings politische Einmischung in die Belange der Metropolregion zurück – und auf die Weigerung, wirklich freie und demokratische Wahlen zu ermöglichen.

Wo verlaufen die Gräben?

Der amtierende Verwaltungschef Leung Chun Ying und seine Vorgänger wurden von einem Komitee ausgewählt, das der direkten Kontrolle der KP untersteht. Zwar hat Peking der Bevölkerung Hongkongs zugesichert, dass diese ihr neues Stadtoberhaupt 2017 erstmals direkt wählen können. Antreten dürfen sollen aber nur zwei bis drei politisch genehme Kandidaten, die das umstrittene Komitee vorab auswählt. Bürgerrechtler begehren gegen diese "Scheindemokratie" auf, weil sie Bewerber disqualifiziere, die nicht unter Kontrolle der KP stünden.

Wer steht hinter der Demokratiebewegung?

Getrieben wird der Volksaufstand von Abgeordneten, Akademikern, Studenten und gewöhnlichen Bürgern. Besonders aktiv ist die junge Generation: Studenten und Schüler sind die zentrale Triebfeder der Massenproteste und ungleich engagierter als ihre Elterngeneration. Am Sonntag schloss sich das von zwei Akademikern und einem Pastor angeführte Protestbündnis Occupy Central with Love and Peace dem seit einer Woche laufenden Studentenstreik an. Das wiederum motivierte zehntausende Sympathisanten, auf die Straße zu gehen.

Unterstützt jeder in Hongkong Occupy?

Mitnichten. Im August organisierte beispielsweise ein Netzwerk Peking-treuer Kräfte einen Protestmarsch gegen Occupy durch Hongkong, dem sich Zehntausende anschlossen. Das Ausmaß der Gegenbewegung weist aber auf tatsächliche Gräben im Volk hin, das keineswegs geschlossen hinter dem Konfrontationskurs mit Peking steht. Gerade in der Geschäftswelt werden weniger politische Durchgriffsrechte der Zentralregierung auch mit weniger Stabilität gleichgesetzt. Einige Unternehmen schalteten gar Anzeigen in der Lokalpresse, in denen sie vor den Folgen eines Umsturzversuchs warnten, der Hongkongs Status als internationales Handelszentrum gefährden könne.

Was geschieht als nächstes?

Experten halten es für relativ unwahrscheinlich, dass Peking nachgibt. Viel hängt deshalb davon ab, wie viel Durchhaltevermögen Occupy und die Demonstranten haben. Zwar hat es derartige Unruhen in Hongkong seit Jahrzehnten nicht gegeben, und entsprechend unbedarft verhalten sich viele Menschen. Doch das gewaltsame Vorgehen der Polizei hat ihren Widerstandsgeist gestärkt. Die Bereitschaftspolizei wurde als Zeichen des Entgegenkommens bereits abgezogen. Allerdings halten sich hartnäckig Gerüchte, dass Peking die Volksarmee ausrücken lassen könnte, falls die Lage weiter eskaliert.

Es handelt sich um Tag vier der groß angelegten Kundgebungen von „Occupy Central“ für mehr Demokratie in der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong. Hintergrund ist eine Entscheidung des Parlaments in Peking: Auch künftig sollen sich die Hongkonger bei der Wahl des Stadtoberhaupts nur zwischen Kandidaten entscheiden können, die die kommunistischen Herrscher des Landes gutheißen und vorher nach eigenem Gutdünken aussieben.

Die Demonstranten gehen auf die Straße, weil sie sich dadurch um eine Stärkung der Bürgerrechte betrogen fühlen, die ihnen die Volksrepublik einst versprochen hat – zu der Zeit, als sie die Stadt von Großbritannien übernommen hat. „Wir hoffen auf eine demokratische Entwicklung Hongkongs!“, rief der 20-jährige Studentenführerin Lester Shum am Dienstagabend in einer Rede vor Tausenden von Gleichgesinnten. „Wir fordern eine Nominierung der Kandidaten aus dem Kreis der Wahlberechtigten.“

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×