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10.07.2013

19:52 Uhr

Proteste in der Türkei

Erdogan zerstört sein Lebenswerk

VonGerd Höhler

Einzigartiger Wirtschaftsboom, ungeahnte politische Stabilität: Bisher war die Ära des türkischen Premier Recep Tayyip Erdogan eine Erfolgsgeschichte. Doch nun steht seine Zukunft und die seines Landes auf dem Spiel.

Längst nicht alle sind begeistert vom türkischen Premier Erdogan. Denn seine unnachgiebige Haltung schadet nicht nur seiner guten Stellung im Volk, sondern auch der Wirtschaft. dpa

Längst nicht alle sind begeistert vom türkischen Premier Erdogan. Denn seine unnachgiebige Haltung schadet nicht nur seiner guten Stellung im Volk, sondern auch der Wirtschaft.

IstanbulAls sich im Dezember 2010 der Arabische Frühling von Tunesien aus nach Nordafrika und in den Nahen Osten auszubreiten begann, stand der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan vor einem Dilemma. Einerseits pflegte er beste Beziehungen zu den meisten arabischen Regimen. Die türkische Wirtschaft war in Nordafrika und den meisten Ländern des Nahen Ostens stark engagiert. Den syrischen Alleinherrscher Baschar al-Assad nannte Erdogan gar einen „Freund“ und „Bruder“. Andererseits war auch für Erdogan nicht zu übersehen: Die Zeit der Tyrannen lief ab. Nach anfänglichem Zögern schlug sich Erdogan auf die Seite der unterdrückten Völker, die um Demokratie und Freiheit kämpften. Den ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak mahnte er zum „Aufbau einer neuen Demokratie“. Seinem Freund Assad riet Erdogan, er solle „auf sein Volk hören“, wenn er nicht wie Muammer al-Gaddafi enden wolle.

Jetzt ist Erdogan selbst in Bedrängnis. Eine gewaltige Protestwelle rollt durch das Land. Doch statt auf sein Volk zu hören, scheint der türkische Premier den arabischen Despoten nachzueifern. „Was fällt Euch ein, meine Polizei anzugreifen?“, herrschte er öffentlich die Demonstranten an. Erdogans Polizei attackiert seit fünf Wochen in Istanbul und anderen Städten der Türkei friedliche Demonstranten mit Tränengasgranaten und Gummigeschossen. Wasserwerfer preschen ohne Rücksicht auf Frauen, Kinder und ahnungslose Touristen mit Vollgas durch die Straßen.

Mehrere Demonstranten verloren durch Gummigeschosse ein Auge, andere erlitten durch gezielt in die Menge abgefeuerte Tränengasgranaten schwerste Kopfverletzungen. Vier Demonstranten starben, an die 8.000 wurden verletzt. Erdogan feiert diese kriegerischen Einsätze als „Heldenepos“, seine Polizei habe „den Test der Demokratie bestanden“. Mindestens 66 Demonstranten sitzen in Untersuchungshaft – womöglich noch sehr lange, denn gegen sie wird nach den Anti-Terror-Gesetzen ermittelt. Das bedeutet: Anwälte bekommen keine Akteneinsicht. Verdächtige können bis zu zehn Jahre ohne Gerichtsurteil hinter Gittern bleiben. Auch das erinnert an die Verhältnisse in arabischen Diktaturen.

Nach drei Wahlsiegen seiner islamisch-konservativen Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) und zehn Jahren im Amt des Regierungschefs, fühlt sich Erdogan stärker denn je. Er glaube „an die Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit“, verkündete er vergangene Woche und demonstrierte damit, dass er gar nichts von der Demokratie begriffen hat - jener Staatsform, die er einmal als Straßenbahn bezeichnete, in der man lediglich so lange mitfahre, bis man sein Ziel erreicht habe, um dann auszusteigen.

Kommentare (76)

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Ingo

10.07.2013, 20:17 Uhr

Islamisten dulden keine Freiheiten jenseits ihrer Dogmen, Pluralität ist ihnen ein Gräuel. Da macht die Türkei keine Ausnahme.

duopfer

10.07.2013, 20:19 Uhr

hier im blatt wurden uns lesern die volkswirtschaften in IRLAND,SPANIEN und anderen ländern als erfolgreich und vorbildlich verkauft.

die türkei mit ihrem auf pump und immobilienspekulation gründenden aufschwung wird genauso scheitern .

die mittelalterlichen wertvorstellungen eines erdogans gepaart mit größenwahn und realitätsflucht läßt mich schlimmstes befürchten

Account gelöscht!

10.07.2013, 20:26 Uhr

"Einzigartiger Wirtschaftsboom"

Blödsinn hoch 10.... mal wieder...

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