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08.12.2013

13:29 Uhr

Proteste in der Ukraine

Zwischen Volksfest und Revolution

VonHelmut Steuer

Postkarten gab es gestern, heute verkaufen die Souvenirhändler Flaggen und Schals in Nationalfarben. In Kiew gibt es keine normalen Tage mehr, in der ukrainischen Metropole herrscht Ausnahmezustand. Ein Stimmungsbericht.

Mit Herzen gegen Polizisten? Klar ist in der Ukraine nur: Die Die pro-europäischen Demonstranten geben nicht auf. ap

Mit Herzen gegen Polizisten? Klar ist in der Ukraine nur: Die Die pro-europäischen Demonstranten geben nicht auf.

Kiew„Heute habe ich bestimmt schon 60 davon verkauft“, lacht die 38-jährige Irina und zeigt auf ihren kleinen Stand auf der Einkaufsmeile von Kiew, dem Kreschatik. 60 blau-gelbe Flaggen, die Nationalfarben der Ukraine, und die EU-Sterne dürfen in diesen Tagen auch nicht fehlen. Fünf Griwna, rund 44 Cent, kostet das kleine blau-gelbe Bändchen, dass in der Hauptstadt wie ein Modeaccessoire am Mantel, Gürtel oder einfach um den Arm gebunden getragen wird. Für 20 Griwna gibt es dann schon eine stattliche EU-Flagge mit oder ohne „Ukraina“-Aufdruck. Woher sie die begehrte Ware bezieht, dürfe sie nicht sagen. Die schlechte Druckqualität lässt ahnen, dass sie irgendwo in der Riesenstadt in einem schmuddeligen Hinterhof auf die Schnelle produziert worden sind. Irina ist nicht die einzige, die an der Revolution ein ganz klein wenig mitverdienen will. Viele Souvenirverkäufer, die an normalen Tagen Luftballons, Plastikspielzeug und Kühlschrankmagneten in der Form eines Kaviarbrötchens unter die Leute bringen, haben schnellstens ihr Sortiment umgestellt. Denn es sind keine normalen Tage in der ukrainischen Metropole.

Seit nunmehr mehr als zwei Wochen herrscht Ausnahmezustand. Der Kreschatik, der normalerweise nur an Wochenenden teilweise für den Verkehr gesperrt ist und dann zur beliebten Flaniermeile wird, ist jetzt von den Demonstranten gegen Präsident Viktor Janukowitsch besetzt worden. Vom Maidan, dem Platz der Unabhängigkeit, der schon vor neun Jahren bei der orangenen Revolution zum Sammelplatz der Opposition wurde, bis ein Stück hinter dem Kiewer Rathaus ist der Kreschatik durch Holz-Barrikaden der Demonstranten nicht nur für Autofahrer unpassierbar geworden. Auch die Polizei soll es schwer haben voranzukommen, wenn sie denn das Rathaus an der wichtigsten Straße der Stadt tatsächlich mit Gewalt räumen will.

Euromaidan - Was steckt dahinter?

Wortkreation

Euromaidan ist eine linguistisch wie soziologisch spannende Wortkreation, die der Lage der Ukraine zwischen Ost und West - geografisch wie politisch - Rechnung trägt. Der Urheber des Begriffs ist nicht bekannt, möglicherweise ist Euromaidan eine Frucht des kollektiven Unterbewusstseins einer Nation.

Woraus setzt sich Euromaidan zusammen?

Die Bedeutung des ersten Teils des Wortes, „Euro“, liegt auf der Hand: Europa. „Maidan“ klingt für westeuropäische Ohren zunächst mysteriös. Das Wort hat persische Wurzeln und wurde vermutlich von den Osmanen ins Land gebracht. Es bedeutet „Platz“ oder „offener Ort“. Euromaidan deshalb mit „Europaplatz“ zu übersetzen, wäre zwar technisch korrekt, würde jedoch zu kurz greifen, denn es würde die emotionale Dimension außer Acht lassen, die dem Begriff seine Kraft verleiht.

Europa

Geografisch gehört die Ukraine zu Europa. Für die Demonstranten in den Straßen von Kiew ist Europa jedoch ein Konzept, eine lebhafte aber frustrierend weit entfernet Vision. Europa steht in ihren Augen für echte Demokratie, vertrauenswürdige Polizei und aufrichtigen Respekt der Menschenrechte.

Maidan

Maidan bezieht sich zunächst einmal auf den „Maidan Nesaleschnosti“ (Platz der Unabhängigkeit) im Zentrum von Kiew. Zerstört im Zweiten Weltkrieg, wurde er zur Sowjetzeit im Stil der Stalin-Architektur wieder aufgebaut - weder düster noch einschüchternd in seiner Ausstrahlung, doch mit Gebäuden hoch genug, um zu beeindrucken. Es herrscht eine angenehme Stimmung auf dem Platz und wenn sich die Kiewer dort verabreden, nennen sie ihn fast zärtlich bei seinem ersten Namensteil: „Lass uns auf dem Maidan treffen.“

Euromaidan

Wenn nun Europa und Maidan zu einem Wort verschmelzen, wird daraus vor allem eine Idee, losgelöst vom Platz. Und es ist nicht das erste Mal, dass der Kiewer Maidan Schauplatz von Protesten für westliche Werte wird. Während der Orangenen Revolution 2004 war der Platz das Zentrum der täglichen Demonstrationen, die zur Aufhebung der Präsidentenwahlen führte. Schon damals war Maidan eine zweisilbige Versinnbildlichung friedlichen Widerstands und entschlossener Handlung. Die Ausstrahlung von Euromaidan ist kräftig genug, dass ukrainische Medien die Wortschöpfung übernehmen und inzwischen sämtliche Protestaktionen im Land damit umschreiben.

Ambivalenz des Begriffs

Die Welle des zivilen Widerstands 2004 war ergreifend und mitreißend, doch die Hoffnungen, die mit der Orangenen Revolution verbunden waren, blieben weitgehend unerfüllt. Auf den Umschwung folgten Jahre geprägt von Streit und Ernüchterung. 2010 wählten die Ukrainer Viktor Janukowitsch zu ihrem Präsidenten, denselben Mann, der die 2004 rückgängig gemachte Wahl nominell gewonnen hatte. Die Heldin der Revolution, Julia Timoschenko, landete wegen Machtmissbrauchs als Regierungschefin im Gefängnis.
Daher ist auch die endgültige Bedeutung von Euromaidan zunächst noch undefinierbar. Es muss sich noch herausstellen, ob der Begriff für Erfolg oder Scheitern steht.

Und es könnte so kommen. Regierungschef Asarow hat den Demonstranten eine Frist von fünf Tagen gegeben. Bis spätestens Mittwoch müssen Parlament, Rathaus und einige weitere öffentliche Gebäude wieder geräumt sein. „Wir bleiben hier“, sagt Kyrill, ein junger Mann mit Gasmaske um den Hals am Eingang des Rathauses. Und wenn man seinen festen Blick sieht und die Gesten, die er macht, zweifelt man nicht an seinem Vorsatz.

Hier im Rathaus befindet sich eine der Zentralen der ukrainischen Opposition. Hier wird geplant, hier können Bürger, die die Opposition unterstützen, Lebensmittel und warme Kleidung abgeben, die dann an die verteilt wird, die wenige hundert Meter weiter auf dem Maidan der frostigen Kälte und den Ausläufern des Sturmtiefs Xaver trotzen.

Die Opposition – das ist keine homogene Gruppe. Vielmehr verbergen sich hinter diesem momentan häufig benutzten Begriff sowohl einige Oppositionsparteien als auch die große Schar derer, die „das System Janukowitsch” satt haben. „Das System“, so erzählt Wlad, Mitte Fünfzig und aus Odessa am Schwarzen Meer in die Hauptstadt gekommen, „das System besteht aus Korruption und Vetternwirtschaft“. Janokowitschs Sohn sei einer der reichsten Männer im Land, es seien „Banditen, die das Land regieren“.

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