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30.10.2014

17:36 Uhr

Proteste in Hongkong

Die Macht des Regenschirm-Manns

VonFinn Mayer-Kuckuk

Der Protest in Hongkong setzt auf der Straße enorme Kreativität frei. Staatschef Xi steuert eilig gegen: Kunst habe allein der sozialistischen Erbauung zu dienen, so Xi. Die jungen Hongkonger sehen das anders.

Wohl geborgen im Schutz der Regenschirm-Revolution: Ein Demonstrant der Occupy Central-Bewegung in Hongkong ruht sich inmitten des Protestlagers aus. AFP

Wohl geborgen im Schutz der Regenschirm-Revolution: Ein Demonstrant der Occupy Central-Bewegung in Hongkong ruht sich inmitten des Protestlagers aus.

HongkongSie nennt sich Tiffany Cheetah. Vom ersten Tag der Proteste an hat sie das beigetragen, wozu sie das größte Talent hat: Zeichnungen. „Kunst ein wichtiger Teil dieser Proteste“, sagt die gelernte Grafikdesignerin. „Sie geben der Demokratiebewegung Zusammenhalt und eine ästhetische Dimension.“ Kostenlose Portraitzeichnungen bietet sie an. Das steht auf dem Schild neben ihrem faltbaren Campingstuhl.

Tiffanys kleiner Stand ist an sich schon ein Kunstwerk - er ist Teil einer Aktion, mit der sie die Proteste begleitet. Außer ihr machen Dutzende von Künstlern im Stadtviertel Central den Protest zum Happening. Außer Malern wirken hier auch Bildhauer, Objekt- und Videokünstler oder Komponisten. Die jungen Kreativen arbeiten live und in der Öffentlichkeit. Ihre Werke verändern den Charakter der Proteste. Sie geben ihnen Tiefe und Witz. Es geht ihnen um den Kontrast zwischen der Denkweise in Peking und in Hongkong. Es geht um den Unterschied zwischen politischer Grabesruhe und Lebendigkeit.

Tiffany Cheetah, eigentlich heißt sie Chan mit Nachnamen, kommt seit vier Wochen jeden Abend an den Ort der Proteste in der Hongkonger Innenstadt. Um sie herum besetzen Schüler und Studenten die Straßen, um sie vor einer Räumung durch die Polizei zu schützen. Die junge Frau hockt auf einem Schemel in der Mitte dazwischen und zeichnet Gesichter. Eines nach dem anderen. Zwischendurch bringt ein Junge im Grundschulalter, Sohn von Demonstranten in einem benachbarten Zelt, ihr ein Eis von McDonald's. Sie isst es mit einer Hand, während sie mit der anderen weiterzeichnet. Die Künstlerin will eine Ausstellung aus den Zeichnungen machen, wenn die Proteste vorbei sind. Doch die Anwesenheit der Künstler und ihrer Werke verändert jetzt schon die ganze Gegend. Die chaotische Freiluftausstellung zeigt, wie schön eine Stadt wie Hongkong sein könnte, wenn es mehr öffentlichen Raum gäbe, und wenn es im öffentlichen Raum mehr Objekte gäbe, die den Sinn des Menschen für Schönes ansprechen.

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