Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

11.01.2015

19:41 Uhr

Protestmarsch in Paris

Hauptstadt des Widerstands

VonThomas Hanke

Rund 1,5 Millionen Menschen und 50 Staatschefs vereint gegen Terror und Hass: Der Pariser Marsch für die Opfer der Anschläge setzt ein beeindruckendes Zeichen. Nun gilt es, Antworten auf die Bedrohungen zu finden.

Gedenkmarsch für Opfer

Millionen demonstrieren: Die beeindruckenden Bilder

Gedenkmarsch für Opfer: Millionen demonstrieren: Die beeindruckenden Bilder

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

ParisSie war als Trauer- und Protestmarsch geplant. Doch die Demonstration am Sonntag in Paris wurde zu einem Aufstand der Bürger für ihre Freiheitsrechte. Zwischen 1,5 und zwei Millionen Menschen schrieben Geschichte, indem sie unter dem Motto „Wir sind Charlie“ für Meinungsfreiheit demonstrierten. Die Manifestation ging vom Place de la République aus, doch schon lange vor dem offiziellen Start um 15 Uhr war der so überfüllt, dass viele ihn nicht mehr erreichen konnten.

Noch um 18 Uhr zogen Zehntausende Richtung Place de la Nation. Auch in anderen Großstädten wie Lyon, Bordeaux, Marseille wurde demonstriert: Im gesamten Land sollen - inklusive Paris - über vier Millionen Franzosen auf die Straße gegangen sein. Laut Angaben der Polizei sind in der französischen Geschichte noch nie so viele Menschen bei einer Demonstration aktiv gewesen. Ganz vorne liefen in Paris mehr als 50 Staats- und Regierungschefs sowie Minister mit, die aus der ganzen Welt kamen: 15 aus der Europäischen Union, zwei aus den USA und Kanada, andere aus Nahost und Afrika. „Paris ist heute die Hauptstadt der Welt“, sagte Staatspräsident Franҫois Hollande.

Die Demonstration in Paris ermöglichte eine historische Premiere: In der ersten Reihe marschierten Israels Staatspräsident Benjamin Netanjahu und Palästinenserpräsident Mahmut Abbas. Beide waren vorher im Elysée-Palast von Hollande empfangen worden – Abbas mit einer Umarmung, Netanjahu mit Handschlag. Wohl niemand hätte vor dem Sonntag damit gerechnet, dass man sie einmal gemeinsam auf einer Demonstration gegen Terrorismus und für Freiheitsrechte sehen würde.

Das Protokoll war teilweise überfordert: Als die Chefs mit Kleinbussen vom Elysée-Palast zur Demonstration gefahren wurden, fuhr Netanjahu der Bus vor der Nase weg, in den er einsteigen wollte. Minutenlang stand der israelische Regierungschefs, normalerweise der am besten behütete Politiker der Welt, am helllichten Tage mitten in Paris auf der Straße.

Journalisten und Zeichner als Ziel von Anschlägen

Februar 2013

Der 70 Jahre alte dänische Journalist Lars Hedegaard übersteht in Kopenhagen ein Attentat unverletzt und kann den unbekannten Täter selbst in die Flucht schlagen. Zuvor hatte eine Pistolenkugel den Kopf des Islamkritikers knapp verfehlt.

November 2011

Unbekannte verüben einen Brandanschlag auf die Redaktion des französischen Satireblattes „Charlie Hebdo“. Es brachte am gleichen Tag ein Sonderheft zum Wahlerfolg der Islamisten in Tunesien heraus und hatte sich dazu in „Scharia Hebdo“ umbenannt. Als Chefredakteur war „Mohammed“ benannt worden.

Mai 2011

Ein Kopenhagener Gericht verurteilt den Tschetschenen Lors Dukajew für einen versuchten Anschlag auf die Zeitung „Jyllands-Posten“ zu zwölf Jahren Haft. Der 25-Jährige hatte sich 2010 in Kopenhagen bei der Explosion seines Sprengstoffes verletzt. Er wollte eine Briefbombe an die Redaktion der Zeitung schicken.

Mai 2010

Zwei Männer werfen Benzinflaschen durch ein Fenster in das Haus des schwedischen Mohammed-Karikaturisten Lars Vilks. Auf den Zeichner wurde bereits 2007 im Internet von einem El-Kaida-Ableger im Irak ein Kopfgeld von 150.000 Dollar (108.000 Euro) ausgesetzt.

Januar 2010

Der dänische Zeichner Kurt Westergaard, von dem die Mohammed-Karikaturen in „Jyllands-Posten“ stammen, entkommt nur knapp einem Attentat. Bereits 2008 hatten die dänischen Behörden Mordpläne gegen ihn aufgedeckt. Mehrere Verdächtige wurden festgenommen.

November 2004

Der niederländische Islamkritiker Theo van Gogh bezahlt einen Film über die Unterdrückung der Frauen im Islam mit dem Leben. Er wird in Amsterdam von einem muslimischen Extremisten ermordet. Auf der Leiche hinterließ der Täter einen Brief mit Morddrohungen gegen weitere Niederländer.

Am vergangenen Mittwoch hatten zwei maskierte Terroristen die Redaktion der Satirezeitung „Charlie Hebdo“ überfallen und insgesamt zwölf Menschen erschossen. Sie wollten das Blatt bestrafen, weil es sich immer wieder mit Spott und Humor gegen Fundamentalisten aller Religionen gewandt und auch Karikaturen des Propheten Mohamed gedruckt hatte. Doch statt die Franzosen einzuschüchtern, haben die Terroristen sie auf die Straße getrieben und vereint.

Zu der Manifestation riefen auch alle repräsentativen muslimischen Organisationen des Landes auf. Die Angehörigen verschiedener Religionen sind nicht übereinander hergefallen, wie die Attentäter es wohl gehofft haben. Vielmehr sind die französischen Muslime aktiver geworden als früher und zeigen, dass auch sie Wert legen auf die Freiheitsrechte, die ihnen die Demokratie sichert. Den Attentätern ist es nicht einmal gelungen, Charlie Hebdo mundtot zu machen: Der Rest der Redaktion arbeitet bereits mit Unterstützung von Le Monde und Libération an der nächsten Ausgabe, die in der kommenden Woche mit einer Auflage von einer Million erscheint.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Ragin Allraun

12.01.2015, 10:39 Uhr

'Wer Häme und Gehässigkeit als künstlerische Freiheit versteht, ist weit davon entfernt das Recht auf seiner Seite zu haben.'

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×