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20.06.2016

15:20 Uhr

Protestpartei siegt in Italien

Virginia Raggi will Rom aufräumen

Ins römische Rathaus zieht zum ersten Mal eine Frau ein. Virginia Raggi gehört einer Anti-Establishment-Partei an, ist jung und voller Pläne für die Problemstadt. Auch in Turin gewinnt die Kandidatin der Europakritiker.

Die Kandidatin der europakritischen Fünf-Sterne-Bewegung hat in Italiens Hauptstadt gewonnen. AFP; Files; Francois Guillot

Virginia Raggi wird Rom regieren

Die Kandidatin der europakritischen Fünf-Sterne-Bewegung hat in Italiens Hauptstadt gewonnen.

RomDie erst 37-jährige Virginia Raggi steht bei ihren Anhängern vor allem für eins: Eine neue Politikergeneration, die mit frischem Wind die zahlreichen Missstände und Probleme Italiens wegfegen soll. Mit den Bürgermeistern, die Rom seit Jahrzehnten regiert und durch ihre Verstrickungen in den dortigen Mafia-Sumpf gleichzeitig „unregierbar“ gemacht haben, hat sie kaum etwas gemein. Raggi ist die erste Frau, die es bei einer Wahl in Italiens Hauptstadt ganz nach vorn geschafft hat - und das als Mitglied einer Partei, die erst 2009 als Protestinitiative gegründet worden war: der eurokritischen Fünf-Sterne-Bewegung des früheren Star-Kabarettisten Beppe Grillo.

Seit 2006 ist sie in ihrer Heimatstadt Rom als Rechtsanwältin zugelassen. In die Politik ging Raggi, die mit einem Journalisten verheiratet ist, erst nach der Geburt ihres Sohnes Matteo. Da wurden ihr die zahlreichen Missstände in der Ewigen Stadt zu viel, die schlechten Straßen, das Verkehrschaos, der Smog und der Dreck.

Zusammen mit ihrem Mann wurde sie eines der Gründungsmitglieder ihres Stadtteilverbandes des „Movimento 5 Stelle“ (M5S). Die Partei ist im Grunde weder rechts noch links, sondern präsentiert sich als radikal-provokante Alternative zu den etablierten Parteien. Nur ein Jahr später - 2012 - konnte sich die Juristin bei der Kommunalwahl einen Sitz im römischen Stadtparlament sichern.

Raggi gilt zwar nicht als große Rednerin, aber als schlagfertig und glaubwürdig. Dennoch werfen ihr Kritiker vor, sich von erfahreneren M5S-Mitgliedern „fernsteuern“ zu lassen und selbst kaum einmal wichtige Entscheidungen zu treffen. Kommentatoren sagen, sie habe die Wahl vor allem deshalb gewonnen, weil viele resignierte Römer einen drastischen Richtungswechsel herbeigesehnt haben. Mit einem ganz neuen Gesicht, jung und ehrlich.

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Zudem hat Raggi bei den Wählern den richtigen Nerv getroffen: Sie will ganz unten anfangen und vieles neu organisieren, und zwar mit gesundem Menschenverstand. Dazu gehört es, zunächst einmal schlechte Straßen auszubessern, neue Busfahrstreifen einzurichten und mehr Fahrradwege zu schaffen. Sie plane eine „sanfte Revolution“ für Rom, hatte sie im Wahlkampf erklärt. „Wir werden diese Stadt wieder groß machen.“ Solche Aussagen trafen auf offene Ohren.

Großprojekte, wie etwa eine Bewerbung der Stadt um die Olympischen Spiele 2024, lehnt sie ab. Im Wahlkampf hatte sie betont, es sei geradezu „kriminell“, enorme Geldsummen für ein Sportevent auszugeben, „wenn Rom unter Verkehr und Schlaglöchern zusammenbricht“. Kommentatoren betonten am Tag nach ihrer Wahl, jetzt sei die Kandidatur Roms „in großer Gefahr“.

So mancher Kritiker glaubt jedoch, die „Herkulesaufgabe Rom“ könnte letztlich zu groß für die Anwältin sein - denn eigentlich weiß niemand so genau, wie hoch der massive Schuldenberg ist, der auf der Stadt lastet. Außerdem hat das Amt des Bürgermeisters angesichts der Masse an Problemen so mancher politischen Karriere eher geschadet als genutzt. Aber nun hat Raggi erst einmal fünf Jahre Zeit, mit ihren fünf Sternen die Geschicke der Ewigen Stadt zu lenken. Oder wie sie es selbst formulierte: „Eine neue Ära ist angebrochen.“

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