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13.10.2015

21:32 Uhr

Pulverfass Türkei

Ein Land, das nicht zur Ruhe kommt

VonOzan Demircan

Nach dem Anschlag von Samstag wächst die Zahl der Todesopfer auf mehr als Hundert. Die Kritik am Nachrichtendienst MIT wächst. Denn der könnte von dem Anschlag gewusst haben. Nun kommt auch der IS in den Fokus.

In Istanbul eskaliert die Gewalt im Nachgang des Attentats vom Samstag. Eine Behörde hatte einen Trauermarsch für die Opfer verboten. AFP

Gewalt bei einer Demonstration

In Istanbul eskaliert die Gewalt im Nachgang des Attentats vom Samstag. Eine Behörde hatte einen Trauermarsch für die Opfer verboten.

İstanbulSogar Touristen wollten der Opfer vom Samstag gedenken. Auf dem Beyazit-Platz, mitten in der Altstadt Istanbuls, hatten sich hunderte Menschen versammelt, um an den Anschlag vor drei Tagen in der Hauptstadt des Landes zu erinnern. Einige Ausländer, die auf dem Weg zum nahegelegenen Großen Basar an dem Platz vorbeigingen, gesellten sich spontan dazu. Angemeldet hatten die Demo dieselben Gewerkschaften und Gruppen, die auch die durch zwei Selbstmordattentäter angegriffene Kundgebung vor drei Tagen organisiert hatten.

Doch die Polizei ließ erst gar nicht zu, dass es heute zu einem Trauermarsch kam. Der Gouverneur Istanbuls hatte die Trauerveranstaltung, die in sozialen Medien groß angekündigt worden war, kurzerhand verboten. Aufgrund der „sensiblen Lage“ werde die Versammlung nicht erlaubt, teilte das Gouverneursamt der Stadt am Dienstag mit. Weiter: Die Bevölkerung solle Aufrufen zu Demonstrationen, welche die „öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährden“, keine Beachtung schenken.

Tödliche Anschläge in der Türkei (Chronik)

Oktober 2016

Am 6. Oktober begeht die TAK einen Bombenanschlag in Istanbul. Auch die PKK attackiert türkische Polizisten in Hakkari. Am 14. Oktober kommt es zu einem Raketenangriff auf die Touristenprovinz Antalya. Der letzte Anschlag ist bisher ungeklärt.

September 2016

Auch im folgenden Monat schlägt die PKK mehrmals zu: mit einer Autobombe in der türkischen Stadt Van sowie mehreren weiteren Bombenanschlägen in der Südosttürkei sowie in Mardin.

August 2016

Am 17. August begeht die kurdische Terrororganisation PKK einen Anschlag auf ein Polizeihauptquartier in Elazig. Wenige Tage später kommt es zu einer Attacke ebenfalls auf eine Polizeistation in Cizre, für die auch die PKK verantwortlich gemacht wird.

Februar 2016

Die kurdisch-sozialistische Terrororganisation TAK (deutsch: Freiheitsfalken Kurdistans) begeht einen Bombenanschlag auf ein Militärfahrzeug in Ankara. In den folgenden Monaten tritt die Gruppe mehrfach in Erscheinung: Sowohl im März als auch im Juni und Oktober 2016 legen die Terroristen erneut Bomben in Istanbul, Ankara und Midyat.

Oktober 2015

Am Rande einer regierungskritischen Demonstration in der Hauptstadt Ankara reißen zwei Sprengsätze mehr als 100 Menschen in den Tod. Die Staatsanwaltschaft macht die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verantwortlich.

Quelle: dpa

September 2015

Bei einem Bombenanschlag in Igdir in der Osttürkei werden zwölf Polizeibeamte getötet. Zuvor starben bei einem Angriff der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK und Gefechten im südosttürkischen Daglica in der Provinz Hakkari 16 Soldaten.

August 2015

Bei einem Bombenanschlag und einem anschließenden Angriff auf eine Polizeiwache in der Millionenmetropole Istanbul werden mindestens vier Menschen getötet. Zwei Frauen greifen zudem das US-Konsulat an, eine wird festgenommen. Sie soll Mitglied der linksextremen Terrororganisation DHKP-C sein.

Juli 2015

Im südtürkischen Grenzort Suruc reißt ein Selbstmordattentäter 33 pro-kurdische Aktivisten mit in den Tod. Die Behörden machen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verantwortlich, die sich allerdings nie zu der Tat bekennt.

Juni 2015

Zwei Tage vor der türkischen Parlamentswahl verüben Unbekannte in der südosttürkischen Kurden-Metropole Diyarbakir einen Sprengstoffanschlag auf eine Veranstaltung der pro-kurdischen Oppositionspartei HDP. Mindestens vier Menschen sterben. Die türkische Regierung macht den IS verantwortlich.

Mai 2013

Bei der Explosion zweier Autobomben in der Grenzstadt Reyhanli werden mehr als 50 Menschen getötet. Die Regierung beschuldigt türkische Linksextremisten mit Kontakten zum Regime im benachbarten Syrien.

September 2011

Drei Menschen sterben in der türkischen Hauptstadt Ankara, als im Regierungsviertel eine Bombe explodiert. Eine Splittergruppe der PKK bekennt sich zur Tat.

Im asiatischen Stadtteil Kadiköy hinderte die Polizei eine Gruppe daran, mit der Fähre in die Altstadt zu fahren. Vier Menschen wurden dabei nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa festgenommen.

Kein Terroranschlag in dem Land hat mehr Menschenleben auf einmal verletzt als die zwei durch Selbstmordattentäter gezündeten Bomben während einer Friedensdemonstration vor dem Hauptbahnhof Ankaras am Samstag. Bisher gingen Behörden von mindestens 97 Todesfällen aus, mehr als 500 sind demnach zum Teil schwer verletzt.

Nach jüngsten Erkenntnissen kamen jedoch mindestens 102 Menschen am Samstag ums Leben. Das forensische Medizininstitut in Ankara hat die Autopsie-Berichte fertiggestellt, denen zufolge fünf weitere Leichen untersucht worden sind.

Drei Leichen seien bisher nicht identifizierbar gewesen; es wird vermutet, dass mindestens eine davon einem der möglichen Attentäter zuzuordnen ist. Ein Abgleich mit der DNA-Datenbank des Landes habe bislang keine Ergebnisse hervorgebracht. Zwei weitere tote Körper müssen für weitere Untersuchungen in ein Labor nach Istanbul gebracht werden.

Die Oppositionspartei CHP plant will die Opfer des Anschlags offiziell als „Märtyrer“ berücksichtigen. „Wir werden dem Parlament den Vorschlag unterbreiten, die Opfer als Märtyrer zu berücksichtigen“, sagte CHP-Führer Kemal Kilicdaroglu am Dienstag, „damit die Angehörigen die nötigen Hilfen und Privilegien erhalten können wie zum Beispiel auch Kriegsveteranen“.

Das türkische Gesetz sieht vor, türkische Bürger zu entschädigen, wenn sie Opfer von Krieg und Terrorismus werden, zum Beispiel über einen finanziellen Ausgleich und spezielle Beschäftigungsrechte für verletzte Überlebende. Das Arbeits- und Sozialministerium sei mit dieser Angelegenheit beauftragt worden, erklärte der stellvertretende Ministerpräsident noch am Montagabend.

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