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17.11.2014

06:51 Uhr

Putin im ARD-Interview und bei Jauch

„Die Sanktionen haben auch Vorteile“

VonMaike Freund

Beim Interview mit der ARD übt sich Kreml-Chef Putin im Ausweichen und zeigt sich optimistisch. Die Jauch-Runde danach ist eher von Konsens als von Diskussion geprägt. Viele Zuschauer sind enttäuscht.

Putin im Interview

„Natürlich wollen wir, dass die Ukraine-Krise endet“

Putin im Interview: „Natürlich wollen wir, dass die Ukraine-Krise endet“

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DüsseldorfEr schnauft. Es klingt genervt. Dann lächelt er. Er setzt zu einer Antwort an und es wird klar: Wladimir Putin fühlt sich missverstanden. Dieses Mal bezieht sich seine Unmut auf die Frage des Journalisten, der wissen will, warum er schon 2001, bei seiner Rede im Bundestag, davor warnte, dass Russland und Deutschland noch nicht gelernt hätten, einander zu vertrauen. Immer wieder wird der Kreml-Chef im Interview mit der ARD Sätze sagen wie: „Keiner ging auf uns ein Stück zu“ oder „Ich habe es schon diverse Male gesagt, aber anscheinend muss ich es wiederholen....“ Auch auf diese Frage reagiert er ähnlich.

Im 30-minütigen Interview, das Putin dem NDR-Journalisten Hubert Seipel bereits am Donnerstag im Vorfeld des G20 Gipfels gegeben hat und das am Sonntagabend während der Sendung „Günther Jauch“ in der ARD ausgestrahlt wurde, gibt es keine großen Überraschungen. Der Tenor: Russland habe das Völkerrecht bei der Annektierung der Krim nicht gebrochen. „Doch wir“ – irgendwann antwortet Putin nicht mehr in der Ich-Form – „sind der Überzeugung, dass wir gemeinsam einen Weg finden werden.“

Putin spricht...

über Krieg und Frieden

„Russland hat keine Absicht, Krieg gegen das ukrainische Volk zu führen.“
am 4.3. in einer Pressekonferenz

„Wenn ich will, kann ich in zwei Wochen Kiew einnehmen.“
am 01.09. in einem Telefonat mit EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, das dieser öffentlich machte. Die russische Seite erklärte im Anschluss, das Zitat sei aus dem Zusammenhang gerissen worden.

über Rüstung

„Die Militarisierung des Weltraums und die US-Stützpunkte in Europa und Alaska, direkt an unserer Grenze, nötigen uns zu einer Reaktion.“
am 10.09. in einer Pressekonferenz

über die Zukunft der Ostukraine

„Russland behält sich das Recht vor, alle vorhandenen Mittel zu nutzen, sollte es in östlichen Regionen der Ukraine zu Willkür kommen.“
am 4. 3. in einer Pressekonferenz

„Diese Gebiete (im Süden und Osten der Ukraine) waren als Neurussland historisch ein Teil des Russischen Reiches. Erst in den 1920er Jahren wurden die Territorien von den Bolschewiken der Ukraine gegeben. Gott weiß warum.“
am 17. 4. im russischen Staatsfernsehen

„Es müssen umgehend substanzielle inhaltliche Verhandlungen anfangen - nicht zu technischen Fragen, sondern zu Fragen der politischen Organisation der Gesellschaft und der Staatlichkeit im Südosten der Ukraine.“
am 31. 8. vor dem Treffen der Ukraine-Kontaktgruppe

über die Führung der Ukraine

„In der Ukraine gibt es bislang keine legitime Macht, mehrere Staatsorgane werden von radikalen Elementen kontrolliert.“
am 18. 3. in der Rede an die Nation

„Sind sie da jetzt völlig verrückt geworden? Panzer, Schützenpanzerwagen und Kanonen! (...) Sind sie total bekloppt? Mehrfachraketenwerfer, Kampfjets im Tiefflug! (...) Sind sie dort jetzt völlig bescheuert geworden, oder was?
am 17. 4. im russischen Staatsfernsehen

über den Westen

„In der Ukraine überschritten die westlichen Partner die rote Linie, verhielten sich grob, verantwortungslos und unprofessionell.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

„Die Vereinigten Staaten dürfen in Jugoslawien, Irak, Afghanistan und Libyen agieren, aber Russland soll es verwehrt sein, seine Interessen zu verteidigen.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

über Russen im Ausland

„Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden die Russen zu einem der größten geteilten Völker der Welt. Millionen von Menschen gingen in einem Land ins Bett und erwachten in einem ganz anderen und wurden zur nationalen Minderheit.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

„Ich glaube daran, dass die Europäer, vor allem aber die Deutschen, mich verstehen werden (...). Unser Land hatte das starke Bestreben der Deutschen nach Wiedervereinigung unterstützt. Ich bin sicher, dass sie das nicht vergessen haben und rechne damit, dass Bürger Deutschlands das Bestreben der russischen Welt, ihre Einheit wiederherzustellen, (...) ebenfalls unterstützen werden.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

Er betont, dass die russischen Streitkräfte in der Ostukraine da seien, um „Blutvergießen zu vermeiden“ und dass er verwundert darüber sei, dass der Westen das Referendum auf der Krim nicht anerkennen will. Soweit nichts neues.

Während des Interviews rutscht Putin auf seinem Stuhl hin und her, als wäre es ihm einfach ungemütlich. Vielleicht liegt es daran, dass die schmalen Sessel Wladimir Putins bevorzugte Pose, männlich breitbeinig, nicht zulassen. Er wibbelt mit dem rechten Bein. Doch nervös scheint er nicht zu sein. Eher ungeduldig.

Doch dann wird er doch noch deutlicher, zum Beispiel bei der Frage nach den Sanktionen des Westens. Da gibt er zu: Sie „schaden der russischen und der globalen Wirtschaft“. Dann schiebt er hinterher: „Die Sanktionen haben auch Vorteile.“ Sie würden Anreize schaffen, Produkte selbst herzustellen, nicht mehr nur „bequem“ zu leben und Öl und Gas zu fördern. Sanktionen als Chance sozusagen.

Kommentare (89)

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Herr Klaus Hillebrandt

17.11.2014, 08:14 Uhr

Sanktionen gegen Russland?

Sanktionen gegen Russland werden vom "Westen" als unerlässlich dargestellt, weil Russland sich nicht an internationales Recht hält.
Was ist denn aber z.B. mit Israel, das so gar nicht auf seinen illegalen Siedlungsbau verzichten mag und das so gar nicht auf die sogenannte Zweistaatenlösung hinarbeitet, die der "Wesren" angeblich anstrebt? Da sind wir bestenfalls besorgt, wie gerade wieder Herr Steinmeier. Druck gibt es gar keinen. Und was ist, wenn die USA gerade mal wieder irgendwo intervenieren müssen. Interessiert dann internationales Recht "den Westen" nennenswert?

Herr Niccolo Machiavelli

17.11.2014, 08:39 Uhr

Gibt es noch Menschen, welche diese zahlreichen Talkshows sehen, die ich mit meiner Zwangsabgabe finanzieren darf?

Herr Norbert Wolter

17.11.2014, 08:42 Uhr

" „Die Sanktionen haben auch Vorteile.“ Sie würden Anreize schaffen, Produkte selbst herzustellen, nicht mehr nur „bequem“ zu leben und Öl und Gas zu fördern. Sanktionen als Chance sozusagen."

Absolut korrekt, Herr Präsident. Dazu muss man aber auch erst Strukturen, auch Infrastrukturen, schaffen, die die Innovationskräfte insbesondere im Technologiebereich freisetzen. Ein Markt, in dem Rechtssicherheit herrscht, in dem man nicht Angst haben muss, übervorteilt zu werden, in dem das freie Spiel der Kräfte und Konkurrenz sich entfalten kann. Alles Dinge, die erst Qualität von Produkten möglich machen. In Russland sucht man diese Voraussetzungen noch vergeblich, da sich die Strukturen in den letzten Jahren mehr und mehr wieder Richtung Planwirtschaft entwickelt haben. Das soll nicht heißen, dass man nicht in der Lage wäre, z.B. ein Auto herzustellen. Diese Autos werden aber nie die Qualität des Westens erreichen. Siehe ehemaliger Ostblock. Da die Russen in den letzten Jahren aber den süßen Geschmack westlicher Produkte kennen und schätzen gelernt haben, kann ich mir nicht vorstellen, dass die breite Masse der Bevölkerung wieder dauerhaft, wie zu Zeiten vorm Mauerfall, auf Kapusta eingeschworen werden kann. Und genau hier steckt Herr Präsident im Dilemma. Die Bevölkerung wird eines Tages anfangen zu murren, wenn man wieder, Schlange stehen darf, 5 - 10 Jahre auf ein Auto warten muss etc.. Um dieses zu vermeiden, müsste er freiheitliche Wirtschaftsstrukturen schaffen mit allen damit verbunden Konsequenzen, was auch die politische Landschaft in Sachen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit betrifft. Dann wäre die lupenreine Demokratie am Ende. Das aber will Putin nicht. Also doch Kapusta.

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