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09.02.2015

17:12 Uhr

Putin macht Pause vom Ukraine-Krieg

Ein bisschen Sonnetanken beim ägyptischen Kollegen

VonMartin Gehlen

Kreml-Chef Wladimir Putin gönnt sich eine Auszeit von der Ukraine-Krise und besucht alte Freunde am Nil. Sein demonstrativer Schulterschluss mit Ägyptens Präsident Al-Sisi könnte Folgen für die EU und die USA haben.

In Kairo sind die Straßenränder mit Willkommens-Plakaten für den russischen Präsidenten zugepflastert. dpa

Gefeiert wie ein Held

In Kairo sind die Straßenränder mit Willkommens-Plakaten für den russischen Präsidenten zugepflastert.

KairoEndlose Plakatreihen säumen die Nilbrücken und Durchgangsstraßen. Fast von jedem Laternenpfahl der ägyptischen Hauptstadt lächelt Russlands Präsident Wladimir Putin milde auf die staugeplagten Autofahrer herab. Niemals zuvor wurde ein ausländischer Staatschef, der am späten Nachmittag in Kairo getroffen ist, mit einer derart flächendeckenden Begrüßungskampagne hofiert.

„Putin – ein Held dieser Zeit“ titelte die Staatszeitung „Al Ahram“ und pflasterte ihre Aufschlagseite mit Fotos des verehrten Kreml-Idols – mal mit nacktem Oberkörper und Jagdgewehr in der Hand, mal in Pilotenuniform oder beim Drachenfliegen, mal beim Pistolenschießen und Karatetraining oder im fürsorglichen Gespräch mit betagten russischen Bürgern.

Der Mann aus Moskau, der wegen des Ukraine-Konflikts ganz Europa in Atem hält, ist so ganz nach dem Geschmack der neuen Herren Ägyptens. Er bietet dem Westen die Stirn, strahlt Machtwillen und Chauvinismus aus und schert sich nicht um Menschenrechte, Justizwillkür und Polizeiexzesse.

Fragen und Antworten zur Reise nach Ägypten

Was sagt das Auswärtige Amt?

Das Auswärtige Amt in Berlin hat seinen Sicherheitshinweis für Ägypten entschärft. Es rät seit Ende September nicht mehr grundsätzlich von Reisen dorthin ab. Touristen sollten aber im ganzen Land – ausdrücklich auch in den Badeorten am Roten Meer – besonders vorsichtig sein, rät das Ministerium.

Von Reisen nach Kairo, in die Touristenzentren in Oberägypten (Luxor, Assuan, Nil-Kreuzfahrten) und in das Nildelta wird abgeraten. Auch in die anderen Gebiete wie die Touristen-Hochburgen am Roten Meer sollten Deutsche derzeit aber nicht fahren. Demonstrationen und Menschenansammlungen, insbesondere vor religiösen Stätten sollten unbedingt gemieden werden.

Das Auswärtige Amt rät außerdem von Reisen in entlegene Gebiete der Sahara eindringlich ab. Dies gilt insbesondere für die Grenzregionen zu Libyen und zum Sudan.

Kann ich meine Reise jetzt kostenlos stornieren?

Da unterscheiden sich die Meinungen. Zahlreiche Reiseveranstalter akzeptieren kostenlose Stornierungen nur bei einer offiziellen Reisewarnung des Auswärtigen Amtes, wie sie für den Nordsinai und das Grenzgebiet zu Israel gilt. Der Reiserechtler Paul Degott sagt aber, eine Kündigung sei immer in einer Situation höherer Gewalt möglich, wenn diese die Reise konkret betreffe und so zum Beispiel „der planmäßige Erholungsurlaub nicht mehr möglich ist“. Dies sei in Ägypten mittlerweile der Fall. Die Anbieter müssten bei Stornierung also den gesamten Reisepreis zurückzahlen. Bei vorzeitiger Abreise müsse vom Verbraucher nur der erbrachte Teil der Reise und die Rückreise bezahlt werden.

Wie reagieren die Anbieter in der aktuellen Situation?

Zahlreiche Anbieter haben ihre Reisen für die kommenden Wochen komplett abgesagt. Andere bieten ihren Kunden kostenlose Umbuchungen, wollen aber keine Stornierungen akzeptieren. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen weist darauf hin, dass Verbraucher eine Umbuchung durch ihren Reiseveranstalter nicht akzeptieren müssen.

Was sollten Touristen tun, die schon vor Ort sind?

Das Auswärtige Amt hält die Lage in den Touristenorten am Roten Meer noch für „ruhig“. Nach Angaben von TUI und Thomas Cook können Urlauber, die bereits in Ägypten sind, ihre Reise fortsetzen. Sie sollten sich lediglich an die Vorgaben der örtlichen Reiseleitungen halten und wie gebucht zurückfliegen. In Hurghada ist das Auswärtige Amt bereits durch einen Honorarkonsul vertreten, auch in andere Reiseorte soll Botschaftspersonal entsandt werden, das für Fragen zur Verfügung steht.

Hilft mir eine Reiserücktritt-Versicherung?

Selbst wer eine Reiserücktritt-Versicherung abgeschlossen hat, ist bei Streit mit dem Reiseveranstalter nicht auf der sicheren Seite. Die Police schließt Ereignisse höherer Gewalt wie Anschläge oder Naturkatastrophen regelmäßig aus. Sie deckt nur persönliche Risiken ab, etwa eine schwere Krankheit oder der Tod eines Angehörigen vor Reiseantritt. Sollte der Anbieter eine kostenlose Stornierung verweigern und wollen Verbraucher dagegen vorgehen, wären sie also auf eine Rechtsschutz-Versicherung angewiesen.

Zwei Tage besucht Putin das Land am Nil, bevor er am Mittwoch nach Minsk zum Ukraine-Gipfel reist. Am Abend begleitet Gastgeber Präsident und Armeechef Abdel Fattah Al-Sisi ihn ins Opernhaus zu Tschaikowskys Schwanensee, dem sich auch ein Akt aus Aida anschloss, der 1871 in Kairo uraufgeführten Pharao-Oper Verdis, die das musiksinnige Ägypten quasi als eigenes Nationalepos adoptiert hat.

Am Dienstag reist Putin weiter nach Sharm al-Sheikh ans Rote Meer, wo Ägypten Mitte März seine internationale Investorenkonferenz ausrichten will, und wo sich seit dem Ausbleiben westlicher Touristen vor allem russische All-Inclusive-Badegäste tummeln. Von den zehn Millionen Russen, die 2014 ins Ausland reisten, machten allein drei Millionen Billigurlaub in Ägypten.

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Für beide Seiten ist der Staatsbesuch ein politischer Gewinn. Wladimir Putin, der erste G-8-Staatschef, der sich nach Al-Sisis Putsch Mitte 2013 in Kairo blicken lässt, kann demonstrieren, dass er diplomatisch keineswegs isoliert und nach wie vor ein gefragter Weltpolitiker ist.

Zudem winken Russland angesichts der westlichen Sanktionen in Ägypten neue ökonomische Perspektiven, obwohl die Volkswirtschaften beider Länder momentan stagnieren. Moskau ist einer der größten Getreidelieferanten für die 90 Millionen Menschen im Niltal. Seine Firmen wollen im Gas- und Ölsektor Fuß fassen. Und Kairo liebäugelt mit einem Atomreaktor aus russischer Produktion.

Kommentare (7)

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Account gelöscht!

09.02.2015, 17:34 Uhr

Ein kleines, aber nicht unbedeutendes Detail wurde in dem Bericht vergessen.

Putin hat im Vorfeld seines Ägypten-Besuchs der führenden ägyptischen Zeitung Al Ahram ein Interview gegeben. Darin weist er darauf hin, daß die USA die Ukraine-Krise dadurch ausgelöst haben, daß sie vor einem knappen Jahr in Kiew einen Staatsstreich unterstützt haben.

Siehe: http://de.sputniknews.com/politik/20150209/301016095.html

Er hat das vermutlich weniger zur Rechtfertigung der russischen Position in der Ukrainekrise gesagt - das hat er nicht nötig - sondern als versteckte oder auch offene Warnung an die ägyptische Regierung, nach dem Motto: "Paßt auf, daß die USA es nicht bei euch genauso machen!"

Wir können davon ausgehen, daß diese Warnung in Kairo sehr wohl gehört wird. Wir können weiter davon ausgehen, daß sie auch in anderen Hauptstädten der arabischen Welt beachtet wird.

Herr C. Falk

09.02.2015, 17:42 Uhr

Putin schmiedet neue Allianzen und macht Realpolitik, wer könnte ihm das verdenken, nachdem die EU ihm die "strategische Partnerschaf"t aufgekündigt hat.

Die westliche Politik der Farbenrevolutionen und des arabischen Frühlings sind eh in eine Sackgasse geraten, wie sie zugemauerter nicht sein kann.

Lybien ist z.Z. total chaotisch, Ägypten hat rechtzeitig die Rolle rückwärts gemacht, über Syrien muß kein Wort verloren werden.

Wir haben es offenbar mit einen "Ideotisierung des Abendlandes" zu tun, bar jeder Realpolitik und ideologisch fixiert auf Inhalte, die niemanden sonst auf der Welt interessieren als die pol. infantilisierten Europäer selber.

Herr Michael Bertha

09.02.2015, 20:51 Uhr

Kriminelle Autokraten unter sich.

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