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01.12.2014

15:02 Uhr

Putin und Erdogan

Das Treffen der bösen Buben

VonGerd Höhler

Weder auf Putin noch auf Erdogan ist der Westen gerade gut zu sprechen. Nun besucht der russische Präsident die Türkei. Es geht um Energieprojekte, den Ausbau des bilateralen Handels – und eine echte Männerfreundschaft.

Willkommen in Ankara: Russlands Präsident Wladimir Putin (r.) mit Recep Tayyip Erdogan. AFP

Willkommen in Ankara: Russlands Präsident Wladimir Putin (r.) mit Recep Tayyip Erdogan.

AthenErdogan und Putin: Diese beiden Präsidenten können miteinander, das wusste man schon vor der herzlichen Begrüßung in Ankara. Gewiss, es gibt Meinungsverschiedenheiten zwischen der Türkei und Russland. In der Syrienpolitik gehen die Ansichten beispielsweise diametral auseinander.

Während Recep Tayyip Erdogan seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs auf den Sturz des Assad-Regimes hinarbeitet, ist Wladimir Putin der engste Verbündete des Despoten von Damaskus. Ein weiterer Streitpunkt ist Russlands Annektierung der Krim – die Türkei sieht sich als Schutzmacht der türkischstämmigen Krimtataren und ist besorgt um deren Wohlergehen.

Aber Erdogan und Putin sind entschlossen, diese Differenzen auszuklammern. Nichts soll die Männerfreundschaft stören. Schon im Vorfeld wurden die Weichen für einen Erfolg dieses Treffens gestellt: Die Türkei wertete die eintägige Visite, zu der Putin zehn Minister nach Ankara mitbrachte, vom einfachen Arbeitsbesuch zum pompösen Staatsbesuch auf. Das gab Erdogan Gelegenheit, alle Register des Protokolls zu ziehen.

Wen die Russland-Sanktionen treffen

Ukraine

Das politisch wie wirtschaftlich größte Problem bei Russland-Sanktionen ist, dass auch die Ukraine unter den Folgen leiden wird. In einer Umfragen des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft nannten im Juni 21 Prozent der befragten Unternehmen die Ukraine als das Land, das nach Russland (37 Prozent) und Deutschland (33 Prozent) am stärksten unter Sanktionen zu leiden haben wird. Der Grund ist zum einen die enge wirtschaftliche Verflechtung der ehemaligen Sowjetrepublik mit Russland, die jeden Konjunktureinbruch dort auch für das Nachbarland zum Problem macht. Zum anderen bestraft Russland den Westkurs der Ukraine wie auch den Moldawiens mit Gegensanktionen wie einem Embargo gegen Milch und Fleisch. Bei einer Eskalation könnte auch der Gashahn zugedreht werden.

Balkan

„Auch die ganze Balkan-Region wird unter einem neuen Wirtschaftskrieg leiden“, meint der Balkan-Experte Duan Reljic von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Verantwortlich macht er hierfür die traditionell engen Beziehungen von Ländern wie Serbien mit Russland, vor allem aber das starke Interesse der ganzen Region an russischem Gas. Interessiert ist man auch am Bau der von Russland vorangetriebenen South-Stream-Pipeline durch die Region, die die EU-Kommission nun im Zuge der Abkühlung der EU-Russland-Beziehungen rechtlich überprüfen lässt. „Fast jedes Land der Region hat sich Hoffnung auf einen dreistelligen Millionenbetrag an Durchleitungsgebühren pro Jahr gemacht - die drohen nun wegzufallen“, meint Reljic. Finanzexperten weisen zudem darauf hin, dass öffentliche EU-Banken auch mit Töchtern russischer Institute in der Region keine Geschäfte mehr machen können, wenn deren Chefs auf einer Sanktionsliste der USA und der EU stehen - die ständig ausgeweitet werden.

EU-Mitglieder Bulgarien und Zypern

Innerhalb der EU gelten die Länder als anfällig, die teilweise zu 100 Prozent von russischem Gas abhängig sind und einen Lieferboykott befürchten müssen. Besonders betroffen sind zudem die stark nach Russland ausgerichteten EU-Staaten Zypern und Bulgarien. Am Finanzplatz Zypern etwa ist so viel russisches Geld angelegt, dass der Inselstaat von einem Abzug des Kapitals in Folge von EU-Finanzsanktionen stark getroffen werden könnte.

Zentralasien

Mit sehr gemischten Gefühlen schauen die Länder in Zentralasien auf die Entwicklung in der Ukraine. „Die kasachischen Banken würden wegen der engen Beziehungen sofort in Schieflage geraten, wenn ihre russischen Partner wackeln“, meint Beate Eschment, Redakteurin bei den Zentralasien-Analysen in Berlin. „In der Hauptstadt Astana ist man derzeit zudem ausgesprochen nervös, weil die Ukraine zeigt, was passieren kann, wenn man sich russischen Wünschen widersetzt.“ Eschment verweist darauf, dass auch im Norden der öl- und gasreichen ehemaligen sowjetischen Republik viele Russen leben und Russland nach wie vor Militärbasen in dem Land unterhält. Seit 2010 ist Kasachstan Mitglied in der Zollunion mit Russland. Anfang 2015 soll das bereits unterzeichnete Abkommen für eine eurasische Union in Kraft treten, das beide Länder noch enger aneinander schweißt - für gute wie schlechte Zeiten.

Allerdings hält man in der deutschen Wirtschaft durchaus auch einen umgekehrten Effekt für möglich: Als Mitglied der Zollunion könnte das Land sogar von harten Sanktionen gegen Russland profitieren - weil dann Geschäfte für den russischen Markt über Kasachstan abgewickelt werden müssten.

Afghanistan

Russlands Präsident Wladimir Putin sagte am Wochenende drohend, die EU demonstriere mit Sanktionen, dass sie offenbar kein Interesse mehr an einer Sicherheitspartnerschaft mit Russland habe. Diese beinhaltet aber etwa die Versorgung der Nato-Soldaten in Afghanistan über den russischen Luftraum und die russische Eisenbahn. Auch der geplante schrittweise Abzug der Truppen läuft über Russland und nicht das wesentlich gefährlichere Pakistan. Das könnte sich ändern - mit unklaren Auswirkungen auf das ohnehin instabile Krisenland Afghanistan.

China

China, darin sind sich alle Experten einig, gehört dagegen zu den Gewinnern einer Eskalation zwischen dem Westen und Russland. Die deutsche Industrie warnt, dass ihnen nun chinesische Konkurrenten in Russland die Aufträge wegschnappen. Und Russlands mühsame Suche nach neuen Partnern beschert China günstige Preise für die kommenden Gaslieferungen vom Nachbarn. „China profitiert von der Isolation Russlands und kann gegen ein geschwächtes Russland die eigenen Interessen besser durchsetzen“, meint der China-Experte des Mercators Institutes for China Studies (Merics), Moritz Rudolph.

Es ist aber nicht nur eine politische Wesensverwandtschaft, die diese beiden Machtpolitiker miteinander verbindet. Es geht um handfeste Interessen. Russland ist der größte Energielieferant der Türkei. Rund 65 Prozent ihres importierten Erdgases beziehen die Türken aus Russland, womit die Türkei für den Staatskonzern Gazprom der zweitwichtigste Abnehmer im Westen nach Deutschland ist.

Vor allem wegen der Gaslieferungen ist Russland der zweitgrößte Handelspartner der Türkei nach Deutschland. Ankara will zwar unabhängiger von Energieimporten werden, aber auch da hat Russland den Fuß in der Tür: Der Staatskonzern Rosatom baut gegenwärtig für rund 20 Milliarden Dollar das erste türkische Atomkraftwerk bei Akkuyu an der Mittelmeerküste. Rosatom wird den Atommeiler, der sechs Prozent des türkischen Strombedarfs decken soll, auch betreiben.

Kommentare (12)

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Herr Vittorio Queri

01.12.2014, 15:16 Uhr

>> Das Treffen der bösen Buben >>

Wer stoppt Putin ? Endlich Sanktionen gegen Russland !

Putin, der Barbar !

Handelsblatt?!

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr mathias müller

01.12.2014, 15:47 Uhr

Auf einer Seite "Böse Buben"

Auf der anderen seite- APARTHEIDREGIEME mit einem
schwarzem Präsidenten.

@Handelsblatt
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"Urteilen zu Tempo 80"
Ich glaube dass diesbezüglich mehr Diskussionsbedarf
besteht.
"Grundsätzliche Mitschuld bei über 130kmh ist eine
Geschwindigkeitsbeschränkung ohne Rechtsgrundlage"
DAnke

Herr Hans Maiser

01.12.2014, 15:49 Uhr

Mal sehen wie lange diese "Freundschaft" halten wird?
Berichtet mal lieber über die Fainanzierung der Anti.-Fracking Lobby durch die Russen.
Die NYT bring hierzu einen artikel und diejenigen die es betrifft bohrern in der Nase.

http://www.nytimes.com/2014/12/01/world/russian-money-suspected-behind-fracking-protests.html?smid=fb-share&_r=0

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