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12.11.2014

13:46 Uhr

Putins Probleme

Wie nah steht Russland am Abgrund?

VonJan Mallien, Jörg Hackhausen

Der Rubel stürzt ab, Investoren ziehen Milliarden ab, russische Firmen kommen kaum an Geld und der niedrige Ölpreis reißt Löcher in die Staatskasse. Wie lange kann Russland das noch durchhalten?

Russlands Präsident Wladimir Putin macht politische Faktoren für den Ölpreis-Verfall verantwortlich.

Russlands Präsident Wladimir Putin macht politische Faktoren für den Ölpreis-Verfall verantwortlich.

DüsseldorfNach außen gibt sich der russische Präsident Wladimir Putin gelassen. Der Absturz des Rubels habe „absolut“ nichts mit der wirtschaftlichen Lage des Landes zu tun, sagte er Anfang der Woche. Es handele sich lediglich um Angriffe von Spekulanten. Doch was der Kremlchef nicht sagt oder nicht wahrhaben will: Die russische Wirtschaft befindet sich in kritischem Zustand.

Der frühere Chef der Investmentgesellschaft Pimco, Mohamed El-Erian, stellt die Frage, wie nah Russland am Rande einer Finanzkrise steht. „Irgendwas wird in den nächsten Wochen passieren“, schreibt er in einem Gastbeitrag für Bloomberg. Entweder könnte der Wechselkurs außer Kontrolle geraten oder die russischen Behörden seien zu drastischen Zinserhöhungen und Ausgabenkürzungen gezwungen. Beides hätte eine schwere Wirtschaftskrise zur Folge.

Putin spricht...

über Krieg und Frieden

„Russland hat keine Absicht, Krieg gegen das ukrainische Volk zu führen.“
am 4.3. in einer Pressekonferenz

„Wenn ich will, kann ich in zwei Wochen Kiew einnehmen.“
am 01.09. in einem Telefonat mit EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, das dieser öffentlich machte. Die russische Seite erklärte im Anschluss, das Zitat sei aus dem Zusammenhang gerissen worden.

über Rüstung

„Die Militarisierung des Weltraums und die US-Stützpunkte in Europa und Alaska, direkt an unserer Grenze, nötigen uns zu einer Reaktion.“
am 10.09. in einer Pressekonferenz

über die Zukunft der Ostukraine

„Russland behält sich das Recht vor, alle vorhandenen Mittel zu nutzen, sollte es in östlichen Regionen der Ukraine zu Willkür kommen.“
am 4. 3. in einer Pressekonferenz

„Diese Gebiete (im Süden und Osten der Ukraine) waren als Neurussland historisch ein Teil des Russischen Reiches. Erst in den 1920er Jahren wurden die Territorien von den Bolschewiken der Ukraine gegeben. Gott weiß warum.“
am 17. 4. im russischen Staatsfernsehen

„Es müssen umgehend substanzielle inhaltliche Verhandlungen anfangen - nicht zu technischen Fragen, sondern zu Fragen der politischen Organisation der Gesellschaft und der Staatlichkeit im Südosten der Ukraine.“
am 31. 8. vor dem Treffen der Ukraine-Kontaktgruppe

über die Führung der Ukraine

„In der Ukraine gibt es bislang keine legitime Macht, mehrere Staatsorgane werden von radikalen Elementen kontrolliert.“
am 18. 3. in der Rede an die Nation

„Sind sie da jetzt völlig verrückt geworden? Panzer, Schützenpanzerwagen und Kanonen! (...) Sind sie total bekloppt? Mehrfachraketenwerfer, Kampfjets im Tiefflug! (...) Sind sie dort jetzt völlig bescheuert geworden, oder was?
am 17. 4. im russischen Staatsfernsehen

über den Westen

„In der Ukraine überschritten die westlichen Partner die rote Linie, verhielten sich grob, verantwortungslos und unprofessionell.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

„Die Vereinigten Staaten dürfen in Jugoslawien, Irak, Afghanistan und Libyen agieren, aber Russland soll es verwehrt sein, seine Interessen zu verteidigen.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

über Russen im Ausland

„Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden die Russen zu einem der größten geteilten Völker der Welt. Millionen von Menschen gingen in einem Land ins Bett und erwachten in einem ganz anderen und wurden zur nationalen Minderheit.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

„Ich glaube daran, dass die Europäer, vor allem aber die Deutschen, mich verstehen werden (...). Unser Land hatte das starke Bestreben der Deutschen nach Wiedervereinigung unterstützt. Ich bin sicher, dass sie das nicht vergessen haben und rechne damit, dass Bürger Deutschlands das Bestreben der russischen Welt, ihre Einheit wiederherzustellen, (...) ebenfalls unterstützen werden.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

Die russische Notenbank reagiert hektisch: Ende Oktober hat sie den Leitzins um 1,5 Prozentpunkte auf 9,5 Prozent angehoben. Mit diesem Schritt will sie den Verfall des Rubels stoppen. Seit Jahresbeginn ist der US-Dollar im Vergleich zur russischen Währung um 40 Prozent gestiegen. Das macht Importe nach Russland auf einen Schlag teurer. Schon jetzt liegt die Inflation bei acht Prozent. Preisanstiege bei Lebensmitteln sind politisch sensibel, weil sie die ärmere Bevölkerung hart treffen. Wenn Brot, Fleisch oder Milch teurer werden, könnte das für Unruhe sorgen.

Noch ist die Popularität Putins groß, dennoch muss er sich erste kritische Stimmen anhören: „Warum schweigen Sie?“, fragt die Boulevardzeitung „Moskowski Komsomolez“ auf ihrer Titelseite. Die Bevölkerung sei angesichts von Rubel-Verfall und Inflation zunehmend besorgt.

Zuletzt hat die russische Zentralbank bis zu 30 Milliarden Dollar im Monat ausgegeben, um Rubel vom Markt zu kaufen und die eigene Währung zu stützen. In dieser Woche erklärte Notenbank-Chefin Elwira Nabiullina, dass sie den Wechselkurs des Rubels weitgehend freigegeben will. Trotzdem will sie weiterhin am Devisenmarkt intervenieren, wenn sie die „Finanzstabilität gefährdet” sieht.

Kommentare (120)

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Herr Fritz Yoski

12.11.2014, 13:58 Uhr

Wie lange kann Russland das noch durchhalten?
Vielleicht so lange wie Nord Korea, Cuba oder Iran? die Russen sind sehr "leidensfaehig", das haben sie schon des Oefteren bewiesen.
Wie lange koennen die Pappnasen in der Eurozone durchhalten wenn die naechste Eurokrise ins Haus steht?

Frau Dr. Max Motte

12.11.2014, 14:00 Uhr

Wollen die USA, Putin mit niedrigem Öl-Preis in die Knie zwingen?

Auf Drängen der USA hat Saudi-Arabien seine Öl-Produktion massiv ausgeweitet. Dies hat entscheidend dazu beigetragen, dass der Ölpreis seit Juni um mehr als 20 Prozent eingebrochen ist.

Der Preisverfall schadet vor allem Russland, das den Großteil seiner Staatseinnahmen aus dem Export von Öl und Gas bezieht. Sollte Saudi-Arabien den Öl-Krieg fortsetzen, droht Putin erstmals ein deutliches Staatsdefizit.

Saudi-Arabien hat seine Ölproduktion zuletzt massiv erhöht und dadurch zu dem Verfall des Ölpreises um rund 20 Prozent beigetragen. Grund dafür ist offenbar eine strategische Zusammenarbeit mit den USA, die Russland durch einen Ölkrieg in die Knie zwingen wollen.

Im Rahmen dieser Verhandlungen erreichte Saudi-Arabien außerdem die Zusicherung der USA, die Ausbildung von Kämpfern gegen Assad zu verstärken, berichtete das Wall Street Journal. Die strategische Partnerschaft zwischen Saudi-Arabien und den USA scheint wieder intakt zu sein.

Vor einem Jahr war Saudi-Arabiens König Abdullah noch wütend darüber gewesen, dass die USA damals einen Rückzieher machten und Syrien nach wochenlangen Drohungen dann doch nicht bombardierten. Von Anfang an ging es im Syrien-Krieg um den Zugriff auf Erdöl und Erdgas und um die Währung, in der diese Ressourcen bezahlt werden.

Entscheidend war damals die Rolle Russlands, dass seine Flotte im Mittelmeer in Stellung brachte. Präsident Wladimir Putin konnte auf diese Weise einen Krieg der USA gegen das eng mit Russland verbundene Syrien verhindern.

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

Herr Josef Duffner

12.11.2014, 14:04 Uhr

Liebes Handelsblatt:
Schauen sie mal wie viel Reserven die USA noch haben oder die EU.
Das wäre wichtiger als auf den Rubel zu schauen.
Was sie hier verbreiten ist reine Hysterie.
Gelenkte Propaganda der USA.
Russland hat Öl und Gas Reserven, davon träumen andere Länder die angeblich reicher sein wollen als sie sind.
Das ist in etwa so wie wenn sie schreiben würden, die Saudis stehen finanziell am Abgrund.
Was sie hier von sich geben scheint so hanebüchen und man kann sich kaum vorstellen, dass irgend ein Mensch, wenn er nicht besonders einfach denkend ist, auf dann Gedanken kommt, dass dies so ist wie sie es hier zum Besten geben.

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