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16.07.2016

12:09 Uhr

Putsch gescheitert

Erdogan kündigt Säuberungen im Militär an

VonGerd Höhler

Die erste Bilanz ist erschreckend: Der gescheiterte Putschversuch in der Türkei hat mehr als 260 Leben gefordert. Und auf das Land kommen schwere Zeiten zu. Präsident Erdogan droht allen Unterstützern mit Vergeltung.

Der Präsident bleibt an der Macht und will sich seiner Gegner endgültig erledigen. AP

Erdogan spricht nach dem Putschversuch

Der Präsident bleibt an der Macht und will sich seiner Gegner endgültig erledigen.

Kampfflugzeuge donnern über die türkische Hauptstadt Ankara hinweg, Panzer rasseln durch die Straßen, Militärfahrzeuge blockieren die Bosporusbrücken in Istanbul, Soldaten und Polizisten liefern sich Feuergefechte auf dem Taksim-Platz, im Parlament explodiert eine Bombe: Die Türkei schien am späten Freitagabend ins Chaos abzustürzen. Am Samstag scheint der Putschversuch niedergeschlagen zu sein, Staatschef Recep Tayyip Erdogan und die Regierung haben offenbar die Oberhand gewonnen. Erdogan gab sich schon siegessicher: „Die Türkei wird nicht vom Militär regiert“, unterstrich der Präsident und kündigte „Säuberungen“ in den Streitkräften an. Ministerpräsident Binali Yildirim sagte, die Lage sei „weitgehend unter Kontrolle“.

Die blutige Bilanz, nach offiziellen Angaben: 265 Tote, darunter 161 Zivilisten oder regierungstreue Sicherheitskräfte und 104 Putschisten. Fast 1600 mutmaßlich an dem Umsturzversuch beteiligte Soldaten wurden festgenommen. Fünf Generäle und 29 Oberste wurden abgesetzt.

Militär probte schon oft den Aufstand: Die Angst der Türken vor dem Putsch

Militär probte schon oft den Aufstand

Die Angst der Türken vor dem Putsch

Es wäre der vierte Putsch in der Türkei seit 1960. Die chaotischen Szenen in den Städten wecken böse Erinnerungen. Denn die militärischen Machtergreifungen endeten stets blutig – und hinterließen meist noch mehr Chaos.

Aber die Situation bleibt zunächst unübersichtlich. Auch am Samstag fielen in Ankara immer wieder Schüsse. Unklar ist, wer das Militärhauptquartier kontrolliert: Putschisten oder regierungstreue Truppen? In dem Gebäude hatte sich in der Nacht eine unbekannte Zahl von Putschisten verschanzt und Geiseln genommen. Mehrere Stunden lang hielten die Aufständischen auch den Generalstabschef Hulusi Akar gefangen, bis er von regierungstreuen Militärs befreit werden konnte.

Erdogan vermutet seinen Erzfeind Fethullah Gülen, der in den USA im Exil lebt, als Drahtzieher des Umsturzversuchs. Der islamische Reform-Prediger war ein enger Verbündeter Erdogans, bis sich beide Männer 2013 überwarfen. Erdogan warf Gülen vor, er habe die Massenproteste vom Sommer 2013 inszeniert und die wenige Monate später hochgekommenen Korruptionsvorwürfe lanciert, um ihn zu stürzen. Tausende mutmaßliche Gülen-Anhänger wurden seit Ende 2013 aus dem Staatsdienst entfernt.

So lief der Putschversuch gegen Erdogan ab

Ein Überblick der Ereignisse

In der Nacht zum Samstag überschlagen sich die Ereignisse in der Türkei. Angehörige der Armee wollen die Macht im Land an sich reißen. Ein Überblick über die Ereignisse:

- Freitagabend: Die Lage ist angespannt. Die Polizei in Ankara ruft das komplette Personal zum Dienst, Krankenwagen stehen bereit. Es gibt erste Meldungen über Jets im Tiefflug. Über Istanbul kreisen Hubschrauber, Sicherheitskräfte sind in den Straßen unterwegs.

- Gegen 22.20 Uhr: Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldet, Teile des Militärs hätten einen Putschversuch begonnen. „Dieser Versuch wird nicht erlaubt werden“, sagt Ministerpräsident Binali Yildirim, die Hintermänner „werden den höchsten Preis bezahlen“.

Quelle: dpa

Die putschende Streitkräfte...

...melden, sie hätten die Macht in der Türkei vollständig übernommen und wollten die verfassungsmäßige Ordnung, die Demokratie und die Menschenrechte wiederherstellen.

- Die Putschisten besetzen den Atatürk-Flughafen in Istanbul.

- Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan ruft das Volk zu öffentlichen Versammlungen gegen den Putsch auf - per live übertragenem Telefonanruf beim Sender CNN Türk. Viele Menschen kommen dem nach und treffen sich auf Straßen und Plätzen.

Über Istanbul und Ankara...

...fliegen Kampfjets und Hubschrauber. Panzer wollen durch die Straßen, immer wieder sind Schüsse und Explosionen zu hören - bis zum Morgen. Fernsehsender zeigen in Ankara Menschen, die sich um Verletzte kümmerten.

- Russland und die USA rufen zum Frieden auf, die Außenminister beider Länder sind zusammen in Moskau.

- Wo ist Erdogan? Aus dem Präsidialamt heißt es nur, er sei an einem sicheren Ort.

Die Putschisten verhängen...

...verhängen eine Ausgangssperre im ganzen Land.

- Fluggesellschaften streichen Flüge und rufen Maschinen zurück.

- Kurz nach Mitternacht: Die Putschisten ziehen vom Atatürk-Flughafen wieder ab, nachdem Demonstranten auf das Gelände eingedrungen sind, wie die Nachrichtenagentur DHA berichtet.

In einem Interview des Senders CNN Türk...

...macht Erdogan Anhänger des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen für den Putschversuch verantwortlich.

- Augenzeugen berichteten von Solidaritätskundgebungen für die Putschisten.

- Nach Angaben von Ministerpräsident Binali Yildirim werden einige Anführer des Putschversuchs festgenommen.

Kurz nach 1 Uhr

- „Die demokratische Ordnung in der Türkei muss respektiert werden“, twittert Regierungssprecher Steffen Seibert. „Alles muss getan werden, um Menschenleben zu schützen.“

- Alle vier Parteien im türkischen Parlament - auch die drei Oppositionsparteien - sprechen sich gegen den Putschversuch aus.

- Die private Nachrichtenagentur DHA meldet, am Parlament in Ankara sei eine Explosion zu hören gewesen.

Gegen 2 Uhr

- Der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim sagt: „Die Situation ist weitgehend unter Kontrolle.“ Aus dem Präsidialamt heißt es, bei den Putschisten handele es sich „um eine kleine Gruppe“ von Offizieren aus der Gendarmerie und der Luftwaffe.

- Gegen 2.30 Uhr: Staatspräsident Erdogan landet nach einem Bericht des Fernsehsenders NTV in Istanbul.

Soldaten dringen in Räume...

...des Senders CNN Türk in Istanbul ein, die Sendung wird eingestellt. Schüsse und laute Tumulte sind zu hören. Eine knappe Stunde später wird der Betrieb wieder aufgenommen.

- gegen 3.30 Uhr: Erdogan tritt erstmals seit Beginn des Putschversuches öffentlich auf, auf dem Atatürk-Flughafen in Istanbul. Er sagt, er sei in Marmaris an der türkischen Ägäis-Küste gewesen. Unmittelbar nach seiner Abreise von dort hätten die Putschisten „diesen Ort leider genauso bombardiert“.

Erdogan kündigt an,...

...das Militär vollständig zu „säubern“.

- Ministerpräsident Yildirim weist das Militär an, von Putschisten gekaperte Flugzeuge abzuschießen. Kampfflugzeuge seien von der Luftwaffenbasis Eskisehir gestartet, heißt es im Präsidialamt.

Sicherheitskräfte befreien Armeechef...

...Hulusi Akar aus der Gewalt von Putschisten. Ministerpräsident Binali Yildirim hatte in der Nacht General Ümit Dündar kommissarisch zum Militärchef ernannt.

- Samstagmittag: Die Lage hat sich weitestgehend beruhigt. Politiker loben, dass der Putsch gescheitert sei.

Gülen dementierte noch am Freitagabend umgehend jede Beteiligung und verurteilte den Putschversuch: „Als jemand, der in den vergangenen fünf Jahrzehnten unter mehreren Coups zu leiden hatte, ist es für mich besonders verletzend, wenn ich nun angeblicher Verbindungen zu den Putschisten beschuldigt werde“, hieß es in einer Erklärung Gülens. „Ich bestreite diese Anschuldigungen kategorisch und verurteile den Putschversuch auf das Schärfste“, so Gülen. Auch wenn sich der Prediger distanziert: Seine Anhänger müssen sich nun warm anziehen. Erdogan kündigte ein hartes Vorgehen gegen die Putschisten an: Sie müssten „einen hohen Preis für ihren Hochverrat“ zahlen, so der Präsident.

Erdogan war offenbar persönlich ein Ziel der Putschisten. Mehrere von den Umstürzlern kontrollierte Kampfhubschrauber nahmen ein Hotel in der Touristenmetropole Marmaris unter Beschuss, wo Erdogan übernachten sollte. Polizisten und Soldaten lieferten sich in dem Hotel Feuergefechte. Zum Zeitpunkt des Angriffs war Erdogan allerdings nicht mehr in dem Hotel. Er befand sich bereits auf dem Flug nach Istanbul, wo sich viele seiner Anhänger versammelten. Erdogan hatte die Bevölkerung über Rundfunk und Fernsehen aufgerufen, ihre Häuser zu verlassen und sich auf Plätzen zu versammeln, um den Putschisten Einhalt zu gebieten.

In der Nacht hatten sich die Ereignisse überschlagen. Ein Kampfjet warf in der Nähe des Präsidentenpalastes in Ankara eine Bombe ab. Das Gebäude wurde zwar nicht getroffen, aber mindestens fünf Menschen kamen ums Leben. Die Putschisten flogen auch Luftangriffe auf das Parlamentsgebäude im Regierungsviertel, das offenbar erheblich beschädigt wurde. Dabei sei das Büro des Ministerpräsidenten weitgehend zerstört worden, hieß es in Meldungen. Kampfhubschrauber griffen auch das Gebäude des Staatsfernsehen TRT an.

Ministerpräsident Yildirim bestätigte, dass es auf den Luftwaffenstützpunkten von Ankara und Balikesir eine „Rebellion“ gebe. Die Putschisten flögen mit Kampfjets und Hubschraubern vereinzelte Luftangriffe auf Ziele in Ankara und Istanbul. „Sie richten großen Schaden an“, sagte Yildirim. Er habe den regierungstreuen Truppen Anweisung gegeben, die Flugzeuge der Aufständischen abzuschießen.

In Istanbul lieferten sich Polizisten und putschende Soldaten Feuergefechte auf dem Taksim-Platz. Auch den Zufahrten der beiden Bosporusbrücken kam es zu Schießereien. Aufständische hatten die Brücken am späten Freitagabend blockiert.

Alle Oppositionsparteien verurteilten den Putschversuch einhellig. Ministerpräsident Yildirim berief für den Samstagnachmittag eine Sondersitzung des Parlaments ein.

Video zum Chaos in der Türkei

Bilder aus Istanbul: Die Stunden nach dem Putschversuch

Video zum Chaos in der Türkei: Bilder aus Istanbul: Die Stunden nach dem Putschversuch

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