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16.08.2016

13:56 Uhr

Putschversuch in der Türkei

Staatsstreich laut Ermittlern seit Jahrzehnten geplant

Bei den Ermittlungen zum gescheiterten Putschversuch in der Türkei fiel der Verdacht schnell auf Prediger Gülen. Dieser weist alle Schuld von sich. Die Geschichte offenbart jedoch aktive Versuche der Einflussnahme.

Prediger Fethullah Gülen, der inzwischen im Exil im US-Staat Pennsylvania lebt, wies jede Verwicklung in den Umsturzversuch zurück. AFP; Files; Francois Guillot

Pro-Erdogan-Demonstrant auf dem Taksim-Platz

Prediger Fethullah Gülen, der inzwischen im Exil im US-Staat Pennsylvania lebt, wies jede Verwicklung in den Umsturzversuch zurück.

IstanbulGlaubt man türkischen Ermittlern, war die Putschnacht im Juli der Höhepunkt eines von langer Hand geplanten Komplotts. Einen Vorgeschmack auf die dramatischen Ereignisse gab es demnach schon im Jahr 1986. Damals entließ das Militär Dutzende Kadetten, die im Verdacht standen, Getreue von Fethullah Gülen zu sein. Den jungen muslimischen Geistlichen sah die Führung als potenzielle Bedrohung des strikt säkularen Herrschaftssystems an.

30 Jahre später die Putschnacht vom 15. auf den 16. Juli, für die Präsident Recep Tayyip Erdogan Gülen verantwortlich macht. Der Prediger, der inzwischen im Exil im US-Staat Pennsylvania lebt, wies jede Verwicklung in den Umsturzversuch zurück. Doch die Ermittler brachten danach eine Reihe von Anschuldigungen gegen die Gülen-Bewegung vor, die zumindest Fragen über deren Rolle in den vergangenen Jahrzehnten aufwarfen.

In den 1970er Jahren, als das Land von einer vom Militär gestützten, säkularen Regierung geführt wurde, betrieb Gülens religiöse Bewegung vor allem Schulen und Studentenwohnheime und lockte damit viele junge Menschen aus der Mittelschicht an.

Gülen, dem damals eine Nähe zum islamischen Mystizismus nachgesagt wurde, vertrat eine Botschaft der Toleranz und Wohltätigkeit, die zugleich dem türkischen Patriotismus huldigte. Seine Gruppe namens Hizmet - türkisch für „Dienst“ - sammelte Spendengelder von Privatpersonen und Unternehmen ein. Ab Anfang der 1990er Jahre war die Gülen-Bewegung mit ihrem Bildungsnetzwerk auch in anderen Ländern vertreten.

Die mildtätige Botschaft schützte die Gülen-Anhänger zunächst vor einer Verfolgung der säkularen türkischen Führung. Die Machtbasis der Gruppe weitete sich bald aus, erstreckte sich neben Schulen auf Medien und sogar den Polizeiapparat. Doch mit deren wachsendem Einfluss nahm auch das Misstrauen der Regierung gegenüber der Bewegung zu.

Die Behörden warfen Leitern der Gülen-Gruppe vor, Anhängern bei Schulprüfungen beim Schummeln geholfen zu haben, um ihnen Jobs bei der Regierung zu verschaffen. Einmal auf dem gewünschten Posten, hätten sie sich „mit koordinierten Bemühungen geschützt und gefördert und Gegner ausgeschaltet“, sagt Hanefi Avci, ehemaliger Chef der Nationalpolizei, der einst gegen die Gülen-Bewegung ermittelte.

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Die Behörden verweisen auf Gülens eigene Worte als Beleg für dessen mutmaßliche Ränkespiele. Aus den 1980ern gibt es Mitschnitte von Äußerungen des Geistlichen über das Vorgehen gegen Islamisten in Syrien und Ägypten. Einer Gruppe von Anhängern riet er damals zum Abwarten, bis ihre Zeit gekommen sei. „Ihr müsst euch innerhalb der Arterien des Systems bewegen, ohne dass jemand etwas von eurer Existenz mitbekommen, bis ihr alle Machtzentren erreicht habt“, beschwor er seine Jünger.

Später erklärte Gülen jedoch, seine damaligen Worte seien missverstanden worten. Ende der 1990er Jahre zog er in die USA, während in der Heimat ein Strafverfahren wegen seiner angeblichen Umsturzpläne gegen die Regierung lief. Dennoch erstarkte Gülens Bewegung weiter und trug letztlich zum Sturz der säkularen Führung bei.

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