Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

14.02.2012

21:13 Uhr

Radikales Sparprogramm

Großbritannien privatisiert Polizeistationen

VonMatthias Thibaut

Schon in den Neunzigern haben die Briten ihre Gefängnisse privatisiert. Diese arbeiten nun auf Erfolgsprämie. Im Rahmen des Sparprogramms werden nun auch ganze Polizeistationen dem Outsourcing unterzogen.

Polizei auf dem Londoner Trafalgar Square: Die Polizei Lincolnshire wird ein Revier privatisieren. dpa

Polizei auf dem Londoner Trafalgar Square: Die Polizei Lincolnshire wird ein Revier privatisieren.

LondonAls erste britische Polizeibehörde wird die Polizei Lincolnshire ab April ein Revier privatisieren. Damit wird G4S, das weltweit größte Sicherheitsunternehmen, mehr als die Hälfte der 980 nicht uniformierten Angestellten übernehmen. Teil des umfassendsten Outsourcingvertrags der britischen Polizei ist auch der Bau eines neuen Reviers mit 30 Polizeizellen.

Die Rechtsaufsicht hat ein ausgebildeter Polizeibeamter, den Rest besorgt G4S. „Wir sind verantwortlich für Fingerabdrücke und Fotografie, für das Wohlergehen der Gefangenen und die Gesundheitskontrolle“, erklärt John Shaw, Leiter von G4S Policing Solutions. Damit hätten die Polizeibeamten mehr Zeit, sich auf das Wesentliche ihrer Arbeit zu konzentrieren.

Zum Umfang des G4S zugesprochenen Projekts mit einem Gesamtwert von 200 Millionen Pfund über zehn Jahre gehören auch der Betrieb der Kommandoleitstelle, die Abteilung für Verkehrsstrafen, der Gerichtsdienst, die Lizenzierung von Schusswaffen, das gesamte Ressourcenmanagement. Die Polizei Lincolnshire will jährlich bis 28 Millionen Pfund sparen.

Ganz neu ist solches Outsourcing nicht: Lancashire gab schon 2002 die Haftzellen an den Dienstleister Steria ab, um 64 ausgebildete Polizisten für den „Front-Einsatz“ freizustellen. Und die Polizei West Midlands machte letztes Jahr Schlagzeilen, als sie bei G4S Privatkräfte zur Verstärkung ihrer Antiterror-Einheit anheuerte. Aber das „Lincoln Modell“ soll Signalwirkung haben, hofft Polizeichef Richard Crompton. Als das Projekt Ende März 2011 europaweit ausgeschrieben wurde, agierte Lincolnshire als „Pilotbehörde“ für ein Dutzend anderer Behörden. „Wir bekommen Luft, um Finanzlücken zu decken, die Polizeidienste aufrechtzuerhalten, zu modernisieren und zu verbessern“, sagt Crompton.

Gefängnisse wurden in Großbritannien schon in den Neunzigern privatisiert. „Sozialunternehmen“ rehabilitieren seitdem Strafgefangene gegen Erfolgsprämie. Notruf- und Sicherheitsdienste sowie Polizeilaboratorien wurden auch privatisiert. Bei den Olympischen Spielen in London kommen private Sicherungsunternehmen wie G4S zum Einsatz.

Kommentare (5)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

14.02.2012, 21:58 Uhr

Das ist die nächste Stufe des Liberalismus. Nun können sich die reichen Ihre eigenen Polizeistationen kaufen. Strafrechtlich verfolgt wird nur wer nicht zahlt. Wer reich ist, der kann verbrechen vergehen wie er möchte. Die alten feudalen Zeiten des Mittelalters lassen grüßen!
Wenn die Schuldenbremsen kommen ist das sicher auch ein Modell für Deutschland.
Bisher konnte man sich nur das Recht zurecht biegen, nun gilt das schon für die Strafverfolgung.
Ob man dann künftig eine Regierung kaufen kann ist kaum noch relevant. Praktisch geschieht dies schon jetzt.

funmatien

14.02.2012, 22:22 Uhr

Ein bischen übertrieben. Es werden Polizeistationen und diverse dienste privatisiert aber nicht die Staatsgewalt. Es sind auch nicht einzelne "Reiche" die sich Polizeistationen kaufen. Ich finde das eine gute Sache und sollte man sich auch in anderen Ländern in Europa, zB in Deutschland überlegen..

weltenbrand

14.02.2012, 23:29 Uhr

Doch - das ist liberale alias asoziale Söldnermentalität. Das alte liberale Credo: Buy or die!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×