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05.11.2015

18:38 Uhr

Rätsel um Absturz von Passagiermaschine

Fragen und Antworten zur Terror-Theorie

Großbritannien vermutet einen Terrorakt hinter der Katastrophe der russischen Passagiermaschine in Ägypten – doch bewiesen ist das keineswegs. Fragen und Antworten zu einem möglichen Anschlag und seiner Bedeutung.

Die in Ägypten abgestürzte russische Passagiermaschine – Russland spricht von einem Terrorakt. dpa

Flugzeugunglück

Die in Ägypten abgestürzte russische Passagiermaschine – Russland spricht von einem Terrorakt.

London/MoskauTausende Urlauber sitzen in Ägypten fest, weil die britische Regierung nach dem Absturz einer russischen Passagiermaschine einen Anschlag für wahrscheinlich hält. Moskau und Kairo warnen vor voreiligen Schlüssen. Aber auch der Kreml schließt eine Bombe an Bord von Flug KGL 9268 nicht aus. Fragen und Antworten zum schwersten Unglück in der russischen Luftfahrtgeschichte:

Wie verhält sich der Kreml zu Spekulationen über eine Bombe?
Demonstrativ betont Kremlsprecher Dmitri Peskow, dass Präsident Wladimir Putin „vom Anschlag bis zum Unfall“ keine mögliche Ursache ausschließe. Von Putin, der sich gerne als „Mann der Tat“ zeigt, kamen zunächst überraschend wenige Reaktionen auf den Absturz. Er sprach zwar in einer Mitteilung den Hinterbliebenen der 224 Opfer Trost zu.

Aber erst nach Tagen zeigte er sich im Staatsfernsehen, wie er sich über die Bergungsarbeiten in Ägypten informierte. Die kremlkritische Zeitung „Nowaja Gaseta“ meint, Putin wirke wie ein „Getriebener“. Zwar habe das US-Magazin „Forbes“ den Präsidenten just zum „mächtigsten Mann der Welt“ gekürt. Im Unterschied zu den Krisen in der Ukraine und in Syrien vermittele Putin aber seit dem Absturz nicht das Gefühl, der Bürger brauche sich nicht zu sorgen.

Was würde ein Attentat für den Kreml bedeuten?
Damit würden sich Warnungen vor einem Anschlag auf tragische Weise bewahrheiten. Denn seit Russland Ziele in Syrien bombardiert, fürchten Experten einen Vergeltungsschlag von Extremisten gegen Moskau. In Umfragen ist die Skepsis der Bevölkerung gegenüber dem Einsatz für Moskaus engen Partner Baschar al-Assad ganz deutlich. Für viele ist Syrien nur ein sehr weit entferntes Land, das kein Risiko lohnt.

Die Angst ist spürbar, Islamisten könnten den Terror nach Russland tragen. Der Kreml hatte angekündigt, die Sicherheitsorgane würden dies nicht zulassen. Ein Anschlag würde von Gegnern des Syrien-Einsatzes wohl als sicherheitspolitische Schlappe gewertet.

Erfolge, Niederlagen und Terror des IS seit Ausrufung des „Kalifats“

IS

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida im Irak hervor. Ein Rückblick:

29. Juni 2014

Die sunnitischen Dschihadisten rufen in den von ihnen eroberten Gebieten in Syrien und im Irak ein „Kalifat“ aus. Erster „Kalif“ des neuen Gottesstaates sei Anführer Abu Bakr al-Bagdadi.

August 2014

8. August: Die USA fliegen erste Angriffe im Nordirak.

August: Die Enthauptung eines US-Journalisten schockt die Welt. In den folgenden Monaten verbreitet der IS im Internet weitere Videos mit der Ermordung zweier US-Bürger und zweier Briten.

19. September und Dezember 2014

19. September: Frankreich startet mit Hilfe arabischer Partnerländer erstmals Luftangriffe auf IS-Stellungen in Syrien.

Dezember: Kurdische Soldaten beenden mit Hilfe internationaler Luftangriffe die Belagerung des Sindschar-Gebirges nahe der IS-Hochburg Mossul. Im August waren Zehntausende Angehörige der jesidischen Volksgruppe vor den Dschihadisten in die Berge geflohen.

Januar und Februar 2015

Januar 2015: Nach monatelangen Kämpfen vertreiben kurdische Kämpfer den IS aus der nordsyrischen Stadt Kobane an der türkischen Grenze.

Februar: Ein Video zeigt, wie ein gefangener jordanischer Pilot bei lebendigem Leib verbrannt wird. Zuvor hatte die Terrormiliz bereits die Tötung zweier japanischer Geiseln zur Schau gestellt.

März und April 2015

März: Irakische Kräfte erobern die strategisch wichtige Stadt Tikrit zurück, die die Extremisten im Juni 2014 besetzt hatten.

April: IS-Kämpfer dringen in Ramadi 100 Kilometer westlich von Bagdad ein. Tausende Iraker fliehen vor dem Terror Richtung Bagdad, dürfen die Hauptstadt aber nicht betreten.

Mai und Juli 2015

Mai: Die Terrormiliz bringt Ramadi vollständig unter ihre Kontrolle. Kurden erobern IS-Gebiete in Nordsyrien.

Juni: Der IS verbreitet ein schockierendes Video über neue Hinrichtungsmethoden.

24. Juli und 6. August 2015

24. Juli: Nach einem dem IS zugeschriebenen Anschlag im türkischen Suruc fliegen türkische Kampfjets erstmals Angriffe auf IS-Stellungen in Syrien. Zudem öffnet Ankara wenig später den südtürkischen Nato-Stützpunkt Incirlik für US-Luftschläge gegen den IS.

6. August: Einer US-Bilanz zufolge hat das internationale Anti-Teror-Bündnis in einem Jahr mehr als 5900 Luftschläge gegen den IS im Irak und in Syrien geflogen. Außerdem sollen 10 000 IS-Kämpfer bei Angriffen getötet worden sein.

18. und 23. August 2015

18. August: Der IS enthauptet den früheren Chef-Archäologen der irakischen Oasenstadt Palmyra. Nach US-Angaben stirbt die Nummer zwei der Terrormiliz, Hadschi Mutas, bei einem Luftangriff im Irak.

23. August: Der IS sprengt den rund 2000 Jahre alten Tempel Baal Schamin in Palmyra. Einige Tage später zerstören die Extremisten auch den Baaltempel.

September 2015

Eine weitere Koalition bildet sich.  Russland bestätigt erstmals die Präsenz von Militärexperten in Syrien. Vorher waren Bilder russischer Soldaten in Syrien in den sozialen Netzwerken aufgetaucht. Russland und Iran unterstützen Syrien im Kampf gegen den IS, aber auch gegen andere Oppositionsgruppen.

November 2015

Nach den Anschlägen von Paris vom 13. November mit mindestens 129 Toten fliegt die französische Luftwaffe verstärkt Angriffe auf die Stadt Al-Raqqa, das inoffizielle Zentrum des vom IS kontrollierten Gebiet im Irak und Syrien. Frankreich fliegt bereits seit September 2014 Luftangriffe auf IS-Stellungen.

Wie reagiert die russische Tourismusbranche?
Das schwerste Unglück in der russischen Luftfahrtgeschichte sendet Schockwellen aus. Nachfragen für einen Urlaub am Roten Meer seien in den vergangenen Tagen deutlich zurückgegangen, sagt Oleg Safonow vom Tourismusverband in Moskau. Bereits gebuchte Reisen würden massenhaft storniert. Zahlen nennt er nicht, sie dürften aber erheblich sein.

Mit drei Millionen Urlaubern stellte Russland 2014 die größte ausländische Gruppe in Ägypten. Das Luftfahrtamt in Moskau will Flüge etwa nach Scharm el Scheich vorerst nicht untersagen. „Wir fliegen ohne Veränderungen“, sagt Sprecher Sergej Iswolski. Das Amt folgt damit nicht dem Beispiel westeuropäischer Fluggesellschaften.

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