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01.01.2009

13:21 Uhr

Raketenangriffe auf Israel

"Wir wissen nie, wo und wann sie uns treffen"

VonPierre Heumann

Die israelischen Angriffe auf den Gazastreifen haben den Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt. Israelische Bewohner des Grenzgebietes fürchten indes seit langem die Raketen der radikalen Palästinenser. Alltag einer israelischen Familie.

Militante Palästinenser schießen Kassam-Raketen Richtung Israel. Foto: dpa dpa

Militante Palästinenser schießen Kassam-Raketen Richtung Israel. Foto: dpa

Dorit Schalom und ihr vierjähriger Sohn Ori leben seit Wochen in Angst. "Es ist ein beständiger Terror", sagt Dorit und meint die Kassam-Raketen aus Gaza, die in ihrer Stadt Aschkelon einschlagen. "Wir wissen nie, wo und wann sie uns treffen." Wenn die Sirenen heulen, weiß Dorit: Sie hat nur wenige Sekunden Zeit, um sich und ihr Kind in Sicherheit zu bringen. Dann rast sie in den nächsten geschützten Raum, wenn sie im Büro oder zu Hause ist, oder wirft sich im Schutz eines Gebäudes flach auf den Boden, wenn sie im Freien ist. Auch die Splitter der Raketen und deren Wucht beim Aufprall seien lebensgefährlich.

Der schwarze Rauch, der danach überall sichtbar ist, der Anblick der Verletzten, die hilfeschreiend am Boden liegen, der durchdringende Sirenen-Lärm der Krankenwagen und Einsatzwagen, die zu den Opfern unterwegs sind, die Meldungen über Tote in der Nachbarschaft - das alles mache das Leben in Aschkelon zur Hölle. Und gestern sei in Beersheba eine Rakete in einem Kindergarten eingeschlagen - unvorstellbar was geschehen wäre, wenn die Kids dort gewesen wären.

Die Unsicherheit hat offenbar auch mit Versäumnissen der Regierung zu tun. Es fehlen bombensichere Räume und Unterstände. Und wo sie vorhanden sind, würde sich oft Fäulnis ausbreiten, so vernachlässigt seien sie, und sie würden häufig über keine Lüftung verfügen. "Wir gehen deshalb nicht in die Schutzräume", meint eine Nachbarin von Dorit, "wir bleiben zu Hause und beten, dass die Raketen nicht auf uns fallen". Der Zivilschutz sei vor drei Monaten zwar vorbeigekommen, habe sich Notizen gemacht und versprochen, zurückkehren."Seither haben wir nichts von ihm gehört."

Weil Dorit ihren Sohn schützen und ihm traumatische Erlebnisse ersparen wollte, hat sie ihn vor einigen Wochen aus dem Kindergarten genommen. Die Regierung habe acht Jahre lang nichts gegen die Raketen auf Sderot unternommen, sagt sie, und sie habe deshalb kein Vertrauen gehabt, dass sie ihre Stadt schützen würde. Sderot liegt sehr nahe am Gaza-Streifen und wird seit acht Jahren von den Raketen aus Gaza getroffen. Sderot ist ein Symbol für den Raketen-Terror der Hamas. Seit dem Beginn der Offensive wurden indes auch Städte wie Beersheba, Aschdod und Yavne betroffen - letztere liegt bloss 30 Kilometer von der Metropole Tel Aviv entfernt. Die Raketen reichen weit nach Israel.

Auch in Yavne, wo sie bei ihrer Schwester ein Zimmer beziehen konnte, fühlt sich die 38jährige Personalfachfrau deshalb nicht mehr sicher. Der Kindergarten, wo sie ihren Sohn tagsüber unterbringen wollte, ist inzwischen geschlossen, weil die Räume nicht geschützt sind. Sie und ihr geschiedener Mann "versorgen" Ori nun abwechslungsweise an ihren Arbeitsplätzen. Inzwischen ist Dorit auch aus Yavne weggezogen und wohnt bei einer Freundin in der Nähe von Tel Aviv - "wir sind wie Flüchtlinge im eigenen Land", sagt sie. In Aschkelon sind nur ihre beiden Katzen zurückgeblieben - die werden von einer Nachbarin gefüttert.

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