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11.07.2014

15:15 Uhr

Raketenkrieg

Die neue Popularität der Hamas

Den Islamisten im Gazastreifen kommt die Eskalation gelegen, sie übertüncht die eigene Krise und macht sie populär. Die Begeisterung der Palästinenser für den Widerstand gegen Israel muss aber nicht von Dauer sein.

Das Dauer-Raketenfeuer der Hamas auf Israel, gilt vielen Palästinensern als bejubelnswertes Zeichen des Widerstands. Zumindest vorübergehend. AFP

Das Dauer-Raketenfeuer der Hamas auf Israel, gilt vielen Palästinensern als bejubelnswertes Zeichen des Widerstands. Zumindest vorübergehend.

JerusalemWenn in Jerusalem die Sirenen heulen, jubeln die Palästinenser im Ostteil der Stadt. Viele laufen hinaus ins Freie und starren in den blauen Sommerhimmel, um vielleicht einen Blick auf die Raketen zu erheischen, die die islamistische Hamas immer wieder aus dem Gazastreifen abfeuert. Die Israelis suchen beim Ertönen der Alarmsignale eher ihre Schutzräume auf. Für die Palästinenser im israelisch annektierten Ost-Jerusalem gibt es solche meist nicht.

Vor den recht unpräzisen Hamas-Raketen, die sie bejubeln, schützt aber auch sie das israelische Raketenabwehrsystem „Eisenkuppel“. Schutzlos hingegen sind die Palästinenser im Gazastreifen den Angriffen der israelischen Luftwaffe ausgesetzt. Auch wenn die israelischen Streitkräfte betonen, mit ihren Präzisionswaffen würden sie lediglich auf die „Infrastruktur des Terrors“ zielen - das heißt, auf Raketenstellungen, Waffenlager und Kommandozentralen der Hamas-Milizen.

Fragen und Antworten zum Gaza-Konflikt

Worum geht es der Hamas?

Die radikalislamische Hamas-Bewegung kämpft um ihr Überleben. Im Westjordanland wurde sie in den vergangenen Wochen durch Massenverhaftungen und Beschlagnahmungen fast zerschlagen, im Gazastreifen ist sie nach dem Machtwechsel in Ägypten isoliert und finanziell liegt sie am Boden - "sie hat nichts mehr zu verlieren", sagt Muchaimer Abu Saada, Politikprofessor an der Al-Aksa-Universität in Gaza. Deshalb sucht die Hamas die Unterstützung der breiten palästinensischen Bevölkerung durch schnelle Erfolge - sei es die Aufhebung der Gaza-Blockade, sei es durch einen spektakulären Angriff auf israelische Ziele. Deshalb weitete sie diese Woche Ziele und Zahl ihrer Raketenangriffe aus und startete Kommandoaktionen mit Tauchern und durch Geheimtunnel.

Was will Israel erreichen?

„Am Ende darf die Hamas keine Mittel mehr besitzen, um Raketen zu fabrizieren“, sagt Gilad Erdan, Angehöriger des Sicherheitskabinetts und in der Regierung für das Ressort Umwelt zuständig. Anders als bei der Eskalation im November 2012 will sich Israel diesmal nicht mit einer Feuerpause zufriedengeben. Die Regierung stimmt die Bevölkerung deshalb auf einen längeren Waffengang und mögliche eigene Verluste ein.

Entsendet Israel Bodentruppen nach Gaza?

Zwei unterschiedliche Bodeneinsätze werden diskutiert: Eine langanhaltende Invasion hätte zum Ziel, wie im Westjordanland alle Strukturen der Hamas zu zerschlagen. Kürzer könnte ein Einmarsch verlaufen, der sich auf die nachhaltige Schwächung der bewaffneten Gruppierungen in dem Küstengebiet konzentriert. "Die Hamas rechnet nur mit einer begrenzten Bodenoffensive Israels, da eine Wiederbesetzung des Gazastreifens praktisch unmöglich ist", sagt Abu Saada. Gegenwärtig bringt Israel 30.000 Soldaten in Stellung und rüstet sie aus. Kommt es zu tödlichen Angriffen in Israel, würde dies den Invasionsbefehl beschleunigen.

Wie lang kann die Hamas ihr Drohpotenzial aufrecht erhalten?

Israelische Militärexperten schätzen die Feuerkraft der Hamas auf rund 10.000 Raketen sehr unterschiedlicher Reichweite - wobei sie in den vergangenen Tagen damit überraschte, dass ihre Projektile Ziele in 160 Kilometern Entfernung im Norden Israels erreichten. Die mehrere hundert Raketen größerer Reichweite in ihrem Besitz wird die Hamas aber nur sehr kalkuliert einsetzen, erwarten die Experten. Amos Gilad, Strategieberater im Verteidigungsministerium, sagt, es sei sehr unwahrscheinlich, dass die libanesische Hisbollah der Hamas durch gleichzeitigen Raketenbeschuss aus dem Südlibanon zu Hilfe kommt.

Wie kann das Ausland helfen?

Alle schauen hier zuerst nach Ägypten, das Beziehungen zu Israel und zu den Palästinensern unterhält und 2012 erfolgreich tätig wurde. „Eine Vermittlungsinitiative im eigentlichen Sinne gibt es derzeit nicht“, sagt dazu Badr Abdel Lati, Sprecher des Außenministeriums in Kairo. Entsprechende Kontakte hätten „zu keinem Ergebnis geführt“. Da die aktuelle ägyptische Regierung die Hamas als feindliche Organisation einstuft, ist sie zudem kaum bereit, deren Bedingungen für einen Waffenstillstand gegenüber Israel nachdrücklich zu vertreten. Professor Abu Saada rechnet deshalb damit, dass die Islamisten das Emirat Katar oder die Türkei als Vermittler anrufen könnten.

Mehr als 100 Menschen kamen seit Beginn der israelischen Angriffe im äußerst dicht besiedelten Gazastreifen ums Leben. Zwei Drittel davon Zivilisten, sagen die palästinensischen Rettungsdienste - zwei Drittel davon Militante, sagt die israelische Armee. So oder so - der zivile Blutzoll ist schon jetzt beträchtlich.

Der militärische Schlagabtausch - so meinen palästinensische Beobachter – nützt der seit 2007 im Gazastreifen herrschenden Hamas. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, der stets auf Verhandlungen mit Israel setzt, scheint dagegen auf verlorenem Posten. „Der Gazakrieg hat die von Abbas geführte palästinensische Autonomiebehörde politisch und in den Augen der Öffentlichkeit demontiert“, befindet Ibrahim Deibis, Kommentator der palästinensischen Tageszeitung „Al-Quds“.

Kommentare (2)

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Frau Annette Bollmohr

11.07.2014, 16:44 Uhr

Die Hamas ist ein geradezu perfektes Beispiel dafür, wie Machterhalt durch Terror funktioniert.

Ein in sich geschlossenes, autonomes System, das sich durch Hetzen gegen einen zum "gemeinsamen Feind" Erklärten (hier: Israel) aufbauen lässt und das man dann dadurch, indem man sich den verblendeten Aufgehetzten als „Schutzmacht“ vor den Konsequenzen des selbst entfachten Terrors präsentiert, konservieren kann.

Es ist geradezu grotesk.

Was diejenigen, die selbst nachdenken, dabei dieses perfide Spiel durchschauen und dann noch den Mut haben, den Versuch zu unternehmen, aus diesem System auszubrechen (und dabei die anderen „mitzunehmen“!) von solch einer Organisation zu erwarten haben, kann sich wohl hoffentlich jeder selbst denken.

Das müssten die Israelis eigentlich wissen.

Dass die israelischen Politiker es hinnehmen, dass bei ihren Luftangriffen die palästinensische Zivilbevölkerung für den Terror ihrer Führung in quasi Mithaftung genommen wird (obwohl sie im Grunde genommen selbst Opfer der menschenverachtenden, zynischen und perfiden Machtpolitik ihrer Führer ist), statt dass sie die Hamas-Führer selektiv bekämpfen, ist nicht nur absolut nicht hinnehmbar, sondern auch absolut „kontraproduktiv“, da genau so das bestehende System perpetuiert wird.

Herr Wolfgang Trantow

11.07.2014, 19:13 Uhr

Terror funtioniert immer, wenn er Unterstützung erhält! Wer von unseren Politikern hat jemals gewagt die Palästinener zu kritisieren? Ich lese nur: Palästienser greifen Israel an. Dies mit unserer Finanzierung bzw. Unterstzung durch Haeldn wie Wulff und Gauck)!

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