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06.07.2011

14:34 Uhr

Ramsch-Status

EU-Kommission greift Moody's wegen Portugal-Rating frontal an

Das harte Moody’s-Urteil gegen Portugal sorgt für große Empörung in der Politik. Die EU-Kommission reagierte in ungewöhnlich scharfer Form. Und auch die Märkte ließ der „Ramsch“-Status nicht unbeeindruckt.

Eine zerzauste portugiesische Flagge hängt von einem Fahnenmast am Gebäude des Finanzministeriums in Lissabon. Quelle: dapd

Eine zerzauste portugiesische Flagge hängt von einem Fahnenmast am Gebäude des Finanzministeriums in Lissabon.

Frankfurt/New York„Das ist eine unglückselige Episode und wirft Fragen über das Verhalten der Ratingagenturen und deren Weitblick auf“, kommentierte der Sprecher von EU-Währungskommissar Olli Rehn am Mittwoch in Brüssel das Herunterstufen der Kreditwürdigkeit Portugals.

Die Kommission bedauere die Entscheidung von Moody's, die langfristigen Staatsanleihen von Portugal um vier Stufen von „Baa1“ auf „Ba2“ und damit auf „Ramsch“-Niveau herunterzusetzen. Die erste Überprüfung des internationalen Hilfsprogramms für Lissabon von 78 Milliarden Euro durch Experten der Kommission, der Europäischen Zentralbank und des Internationalen Währungsfonds sei erst für Ende August geplant.

Die Regierung in Lissabon habe erst in der vergangenen Woche Maßnahmen angekündigt, die teilweise über die Abmachungen für das Hilfspaket noch hinausgingen. Der Sprecher nannte den Zeitpunkt der Veröffentlichung „außerordentlich unglücklich“.

Auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble äußerte scharfe Kritik. Er sei überrascht über das Urteil und könne nicht erkennen, was dieser Einschätzung zugrunde liege, sagte Schäuble. Portugal habe eine neue Regierung und liege bei der Umsetzung des vereinbarten Sparprogramms nicht nur voll im Plan, sondern sogar darüber. Es gebe daher zu diesem Zeitpunkt keine sachlichen Gründe, zu so einer Einschätzung zu kommen.

Schäuble bekräftigte seine Forderung, den Einfluss der Ratingagenturen zu begrenzen. Es müsse versucht werden, das Oligopol der drei Agenturen - Moody's, Standard & Poor's sowie Fitch - aufzubrechen.

Der deutsche Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen nannte das Moody's-Urteil "sehr voreilig". Das portugiesische Programm stehe schließlich erst am Anfang. Zudem gebe es eine neue Regierung, die sich klar zu Anpassungen verpflichtet habe. „Ich würde dringend raten, dass man der neuen Regierung Zeit gibt, das was sie zugesagt hat, auch umzusetzen“, sagte Asmussen.

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso erinnerte in Straßburg daran, dass seine Behörde an einer weiteren Regulierung der Ratingagenturen arbeite. Vorschläge dazu sollten bis Jahresende vorliegen. Es gehe unter anderen darum, mehr Wettbewerb in der Branche zu schaffen. Er ging nicht näher auf Vorhaben ein, eine europäische Ratingagentur zu schaffen, meinte aber: „Es ist schon merkwürdig, dass keine einzige (große) Ratingagentur aus Europa kommt.“

Es ist ungewöhnlich, dass sich die Kommission zu einer einzelnen Rating-Entscheidung äußert. Portugal wurde bisher in Brüssel attestiert, das Sparprogramm engagiert umzusetzen.

Das Land muss nun nach der Herabstufung höhere Zinsen bezahlen. Bei einer Auktion dreimonatiger Papiere stieg die Rendite auf 4,926 Prozent von 4,863 Prozent bei der vorherigen Auktion am 15. Juni, wie die Schuldenagentur des Landes bekanntgab. Insgesamt nahm das südeuropäische Land bei der ersten Vergabe von Staatsanleihen unter der neuen Mitte-Rechts-Regierung 848 Millionen Euro ein. Die Schuldenagentur IGCP hatte 750 Millionen bis eine Milliarde Euro avisiert. Die Papiere lockten nicht mehr so viele Investoren wie noch zuletzt, sie waren zweifach überzeichnet. Die vorangegangene Auktion war noch 2,4-fach überzeichnet.

Kommentare (53)

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Euroimplosion

06.07.2011, 13:40 Uhr

„Die Angst vor einem Flächenbrand, der auch auf Italien und Spanien übergreifen könnte, drückte neben der Börse in Lissabon vor allem Bankenaktien in Mailand und Madrid.“

Genau so wird es kommen!
Die Eurokrise wird auf die anderen Pleiteländer überspringen, das konnte man schon vor 2 Jahren auf unabhängigen Seiten im Internet recherchieren.
Spätestens bei Italien und Spanien war es das dann mit dem Turmbau zu Brüssel und den Vereinigten Staaten von Europa und seiner Währung des Euros.
Angeblich sollen ja im Frankfurter Bankenviertel vermehrt LKW's mit neu gedruckten D-Mark 2.0 Scheinen anliefern.
Fällt der Euro, braqucht man schließlich innerhalb kürzester Zeit ein neues Alternativzahlungsmittel wie die D-Mark.
Ich persönlich hätte als Normalbürger mit Durchschnittseinkommen absolut nicht dagegen, wenn die D-Mark zurückkehren würde. Importe würden wesentlich billiger, und meine Kaufkraft würde durch D-Mark Aufwertung wieder ansteigen.

gurkentruppe

06.07.2011, 13:42 Uhr

Bei solchen Führungskräften wie Herrn Barroso und Herrn Rehn wundert es mich nicht, dass die Ratingagenturen machen können, was sie wollen. Jede kleine Volksbank wird von der Bafin und der Bundesbank in einer - auf Eu-Regeln basierenden- Eignungsprüfung kurz und klein geprüft, wenn sie ein internes Ratingverfahren anwenden will, aber die großen Ratingagenturen bleiben unreguliert.


Die USA liegen drei Wochen vor drohendem Zahlungsausfall noch im Investmentgradebereich und Portugal sowie Griechenland liegen trotz bestehender Garantien kurz vor Default. Es wundert mich wirklich, warum die Verfahren der Ratinagenturen nicht einer aufsichtlichen Eignungsprüfung unterzogen werden, so wie jeder interne IRBA-Ratingansatz in einer Bank, um zu sehen, ob das Ratingverfahren bei gleichem Input in allen Fällen auch zu vergleichbaren Ergebnissen führt. Da mittlerweile auch die EZB gespannt hat, dass das Rating gegenüber USA und Südamerika demgegenüber sehr wohlwollend ausfällt, wundert es mich auch, wieso noch kein Anleihehalter eine Ratingagentur verklagt hat. Für die Erfolgsaussichten würde es m.E. genügen, die Ratinghistorie mehrerer Staaten wie Japan, USA, Portugal und Griechenland nebeneinanderzulegen, um zu sehen, dass die unterschiedlichen Ergebnisse sich nicht fundamental rechtfertigen lassen. Aber eine Klage traut sich natürlich kein institutioneller Anleger oder Emittent, da er ja vom Rating der drei abhängig ist

Europaeer

06.07.2011, 13:45 Uhr

sowas geht nun gleich schonmal garnicht: Herr gurkentruppe.

Absolut richtig, was die EU (endlich) mal macht: das ist hier kein Fressenpolierclub.

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