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15.07.2013

17:39 Uhr

Rassismus in den USA

Der große Graben

VonNils Rüdel, Grischa Brower-Rabinowitsch, Moritz Koch

Der Fall Trayvon Martin hat das Feuer in der Diskriminierungs-Debatte in den USA neu entfacht. Denn allen Gesetzen zum Trotz: Im Job, beim Lohn und auf dem Wohnungsmarkt haben es Schwarze fast überall schwerer als Weiße.

Solidarität mit Trayvon Martin – dieser trug ein Kapuzen-Sweatshirt, als er erschossen wurde. AP

Solidarität mit Trayvon Martin – dieser trug ein Kapuzen-Sweatshirt, als er erschossen wurde.

WashingtonEs ist erst ein paar Wochen her, da verstieg sich der Oberste Gerichtshof Amerikas zu einer gewagten Behauptung: „Die Dinge haben sich dramatisch geändert“, hieß es Ende Juni in einem Urteil. Es ging um ein Wahlrecht in Alabama, das gegen die Diskriminierung von Schwarzen gedacht war. Der umstrittene Satz der Richter, mit dem sie das Gesetz zum Teil kippten, sollte nun im Kern bedeuten: In den USA von heute würden Farbige nicht mehr diskriminiert.

Spätestens seit Samstagabend klingt dieses Urteil für viele wie Hohn. Nach dem Freispruch in Florida im Prozess um den erschossenen farbigen Teenager Trayvon Martin rollt eine Protestwelle durchs Land, wie sie die Amerikaner schon lange nicht mehr gesehen haben. Das Land streitet heftig über Waffengewalt und Notwehr-Gesetze, Rassismus und Diskriminierung im Alltag.

Der Fall wirft ein Licht darauf, wie tief der Graben zwischen Schwarzen und Weißen in Amerika noch immer ist. Ein Konflikt, den die Wahl Barack Obamas zum ersten schwarzen Präsidenten nur übertüncht hatte. Ob vor Gericht, im Job oder bei der Wohnungssuche – Farbige haben es fast überall schwerer, wie Studien zeigen.

Der Fall Trayvon Martin: Todesschütze verlässt Gerichtssaal als freier Mann

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Auch nach dem Urteil spaltet der Fall die USA. Ein schwarzer Teenager wurde erschossen, immer wieder war von Rassismus die Rede. Der Todesschütze, Mitglied einer Bürgerwehr, wurde freigesprochen – nun regt sich Protest.

Die aktuelle Debatte entzündet sich an der ungeheuerlichen Frage: Würde Martin heute noch leben, hätte er eine weiße Hautfarbe? Die Frage wird sich nicht mehr klären lassen. Zimmerman, halb-hispanischer Abstammung und zum Tatzeitpunkt im Februar 2012 Mitglied einer Bürgerwehr, hatte Martin in einem umzäunten Vorort von Orlando entdeckt und – nach seiner Beteuerung – für einen möglichen Einbrecher gehalten. Obwohl die Polizei Zurückhaltung anmahnte, verfolgte der seinerzeit 29-jährige Zimmerman den Jungen, der unbewaffnet war, wie sich später herausstellte.

Bei der folgenden Konfrontation fiel der tödliche Schuss. Laut Zimmerman war es Notwehr, und so sahen es auch die Geschworenen. Die Staatsanwaltschaft dagegen hatte auf Mord mit bedingtem Vorsatz, mindestens aber auf Totschlag plädiert. Sie und auch jene, die gegen den Freispruch protestieren, sehen bei Zimmerman ein rassistisches Motiv: Er habe Martin nur deshalb verfolgt, weil er schwarz und deshalb in den Augen Zimmermans verdächtig war.

Die Reaktionen auf den Freispruch ließen nicht lange auf sich warten. Unmittelbar danach gingen in mehreren Städten die Menschen auf die Straße, hielten Transparente hoch mit den Worten „Das Volk sagt schuldig“. Das ganze Wochenende über dauerten die Demonstrationen an. Die Bürgerrechtsorganisation NAACP startete eine Unterschriftenkampagne, um Justizminister Eric Holder dazu zu bringen, den Fall als so genanntes Hass-Verbrechen vor ein Bundesgericht zu bringen. Man prüfe den Antrag, hieß es im Ministerium.

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