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18.02.2017

12:19 Uhr

Raus aus dem Brexit

Wenn Briten Deutsche werden

Raus aus der EU: Das wollen viele Briten nicht. Nach dem Brexit-Votum steigt die Zahl der Einbürgerungen in Deutschland. Die neue Heimat hat Vorteile – auch wenn sich mancher beim Teetrinken noch umstellen muss.

Manche Briten wollen nach dem Brexit lieber Deutsche werden. dpa

Deutscher und britischer Pass

Manche Briten wollen nach dem Brexit lieber Deutsche werden.

BerlinDer Brexit kommt: Das war für viele der 106.000 in Deutschland lebenden Briten ein Schock. Seit dem Referendum im Juni 2016 wollen deutlich mehr Briten einen deutschen Pass haben als vorher. Damit sichern sie sich die Vorteile eines EU-Bürgers, egal, wie hart der Ausstieg ihres Heimatlandes aus der EU wird. Bundesweite Zahlen zu den Einbürgerungen gibt es noch nicht. Aber der Trend ist klar.

Einige Beispiele aus den Behörden: Im international geprägten Heidelberg wurden vergangenes Jahr 44 Briten eingebürgert. Im Jahr davor gab es keinen einzigen Antrag. Im traditionell England verbundenen Hamburg kletterte die Zahl von 47 auf 124.

In München stellten seit dem Brexit-Votum bis Ende Januar 144 Briten einen Antrag für die deutsche Staatsbürgerschaft. Das waren fast sechs mal so viele wie im Vorjahreszeitraum. In Berlin-Mitte wollten 60 Briten Deutsche werden, 2015 waren es noch 7.

Das Deutschland-Bild im Königreich hat sich spätestens seit der Fußball-WM 2006 deutlich gewandelt. Nazi-Witze sind seltener geworden. Besonders Berlin gilt bei jungen Briten als cool und deutlich günstiger als die Insel. Deutsche Weihnachtsmärkte sind ein Export-Schlager. In London kann man am Stand von „Herman ze German“ Bratwurst essen. Und manche Briten haben Deutschland schon immer gemocht.

„Ich werde Deutsche“: Wie sich das anfühlt, hat Kate Connolly, die Berliner Korrespondentin der Zeitung „Guardian“ in einem Essay beschrieben. Ihre Eltern nahmen ihre Entscheidung wenig begeistert auf: Die Mutter verbarg ihren Kopf hinter einem Sudoku, der Vater sorgte sich, ob die Kinder dann keinen britischen Pass mehr haben können.

Wie geht es weiter beim Brexit?

EU-Austrittsgesetz

Das britische Parlament muss dem EU-Austrittsgesuch zustimmen. Das hat das höchste britische Gericht so entschieden. Ein entsprechendes Brexit-Gesetz soll nach dem Wunsch der Regierung bis zum 7. März durch beide Kammern gebracht werden.

Austrittserklärung

Spätestens am 31. März will Premierministerin Theresa May den Europäischen Rat offiziell vom Austrittswunsch in Kenntnis setzen. Das ist Voraussetzung für Austrittsverhandlungen.

EU-Mandat

Sobald das Schreiben aus London eintrifft, zurrt die Rest-EU in drei Schritten ihre Verhandlungslinie fest: Ein Sondergipfel der 27 Staats- und Regierungschefs beschließt drei bis fünf Wochen später Leitlinien. Auf dieser Basis schlägt die EU-Kommission den Start der Verhandlungen und ein Mandat vor und lässt es vom Rat bestätigen.

Verhandlungen

EU-Chefunterhändler Michel Barnier und sein Team von gut 20 Experten geben sich 18 Monate für die eigentlichen Verhandlungen über den Austritt Großbritanniens und Übergangsregelungen, also etwa bis Oktober 2018.

Ratifizierung

Auf EU-Seite muss das Austrittsabkommen vom Europaparlament gebilligt und dann vom Rat angenommen werden – und zwar ohne Großbritannien. Premierministerin May will den Vertrag auch dem britische Parlament vorlegen.

Fristende

Das ganze Verfahren muss binnen zwei Jahren nach dem offiziellen Austrittsgesuch abgeschlossen sein, in dem Fall also wohl bis Ende März 2019.

Und was heißt es eigentlich, britisch zu sein? Connolly sieht das beim Teetrinken. Etwa, wenn die deutschen Freunde sie fragen, ob sie eine Tasse Tee möchte und sie vage und höflich antwortet: „Okay, wenn du gerade einen Tee machst, aber mach dir wegen mir keine Umstände.“ Die Freunde reagieren dann leicht unwirsch: „Ja, willst du jetzt einen Tee oder nicht?!“ Was Heimatgefühle angeht: Nach dem englischen Nieselregen sehnt sie sich, nach dem Rest weniger.

Der Vertriebsmitarbeiter David Pritchard aus Kent hat sich gerade in Hamburg einbürgern lassen. Die Entscheidung dazu hatte er schon vor der Brexit-Abstimmung getroffen. Aber sie wurde dadurch vielleicht noch etwas beschleunigt, wie er beim Fest im Rathaus erzählt. Pritchard sieht durch den neuen Pass viele Vorteile. Auch wichtig: „Ich darf wählen.“ An seiner langjährigen Wahlheimat mag der 47-Jährige die Pünktlichkeit und die Deutschen an sich.

Vor dem Pass kommt der Papierkrieg. Wer Staatsbürger werden will, sollte in der Regel bereits acht Jahre lang mit einer Aufenthaltserlaubnis in Deutschland gelebt haben. Für ihren Lebensunterhalt müssen die Antragsteller selbst sorgen können. Außerdem Pflicht: ein Einbürgerungstest.

Die britische Germanistin Camilla Leathem (Freie Universität Berlin) fand die Bürokratie „überraschend einfach“. Aber trotzdem fieberte sie, ob all die Unterlagen und Nachweise ausreichten - bis im Dezember der Bescheid als „Weihnachtsgeschenk“ im Briefkasten lag. Briten müssen immer den großen Pass als Ausweis mitschleppen, jetzt freut sich Leathem auf den schicken kleinen „Perso“.

Der ist für sie nicht nur ein Stück Plastik. Was ihr die deutsche Staatsbürgerschaft bedeutet? Sie kann sich auch künftig frei zwischen beiden Ländern bewegen, ohne in einem benachteiligt zu sein. „Ich bin mit der Freizügigkeit in Europa aufgewachsen“, sagt die 31-Jährige. Diese habe ihr Auslandsjahr nach der Schule geprägt, ihr Studium, die Promotion, die beruflichen Entscheidungen - und somit auch ihr Leben.

Ihren britischen Pass kann sie behalten, wobei die deutsche Staatsbürgerschaft für Leathem persönlich ein „Meilenstein“ ist. Seit dem Abitur sei sie ein riesiger Fan von Deutschland, den Deutschen, der deutschen Sprache, der deutschen Kultur. Sie habe das Gefühl, „da gehöre ich hin“ – geografisch, aber auch seelisch. Die Urkunde zur Staatsbürgerschaft mache sie sehr glücklich. Leathem hat das Gefühl, im Leben angekommen zu sein.

Von

dpa

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