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06.08.2015

16:56 Uhr

Reaktion auf Sanktionen

Russland lässt Lebensmittel aus dem Westen vernichten

Der Sanktionskrieg geht weiter: Weil trotz Embargo offenbar viele Lebensmittel aus dem Westen nach Russland gelangen, lässt Präsident Putin eingeführte Ware vernichten. Prominente und Hungernde protestieren.

Das russische Einfuhrverbot für westliche Lebensmittel hat in Russland zu einem massiven Preisanstieg bei Lebensmitteln geführt. Trotzdem lässt Putin widerrechtlich eingeführte Ware vernichten. dpa

Wursttheke einer Fleischerei

Das russische Einfuhrverbot für westliche Lebensmittel hat in Russland zu einem massiven Preisanstieg bei Lebensmitteln geführt. Trotzdem lässt Putin widerrechtlich eingeführte Ware vernichten.

MoskauTrotz großer Empörung in der Bevölkerung haben die russischen Behörden am Donnerstag damit begonnen, Lebensmittel aus dem Westen zu vernichten. Produkte, die unter das vor einem Jahr verhängte Embargo fallen, werden an den Grenzen nicht mehr zurückgeschickt, sondern beschlagnahmt und zerstört. Präsident Wladimir Putin hatte dies vergangene Woche angeordnet. Prominente und Bürger forderten, die Lebensmittel lieber an Bedürftige zu verteilen.

„Von heute an müssen alle landwirtschaftlichen Produkte und Lebensmittel aus einem Land, das Sanktionen gegen Russland oder russische Staatsbürger verhängt hat, zerstört werden“, teilte das Landwirtschaftsministerium in Moskau mit. Die Lebensmittelaufsichtsbehörde erklärte, an der Grenze zu Weißrussland seien drei Lastwagenladungen Pfirsiche und Nektarinen mit falscher türkischer Herkunftsbezeichnung entdeckt worden; sie seien mit Hilfe von Traktoren und Bulldozern ungenießbar gemacht worden. Das Fernsehen zeigte, wie in Belgorod an der ukrainischen Grenze Dampfwalzen eine große Ladung Käse plattmachten. Die neun Tonnen würden anschließend vergraben, sagte eine Sprecherin der Aufsichtsbehörde.

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Russland hatte das Embargo vor einem Jahr als Antwort auf die Sanktionen des Westens wegen der Ukraine-Krise verhängt. Der Import von Milchprodukten, Fleisch, Fisch, Obst und Gemüse aus Australien, Kanada, der EU, Norwegen und den USA ist seitdem verboten. Findige Importeure würden aber die verbotenen Waren einfach umdeklarieren und behaupten, sie kämen aus nicht betroffenen Lieferländern, mutmaßt die russische Regierung.

Die Aufsichtsbehörde hat angekündigt, allein am Donnerstag würden hunderte Tonnen von Lebensmitteln zerstört. Bereits am Montag waren, um die Entschlossenheit zu zeigen, 114 Tonnen Schweinefleisch aus Europa vernichtet worden. Ein Sprecher der Behörde warnte am Donnerstag, jeder, der die Lebensmittel esse, statt sie zu zerstören, begehe eine Straftat, wie die Zeitung "Iswestija" berichtete.

In der Bevölkerung kommt die Kampagne überhaupt nicht gut an. Bis Donnerstagmorgen unterschrieben fast 260.000 Russen eine Petition auf change.org und riefen dazu auf, die Nahrungsmittel lieber an Kriegsveteranen, Rentner, Behinderte, Großfamilien oder Opfer von Naturkatastrophen zu verteilen.

Die Zeitung „Wedomosti“ kritisierte, die Zerstörung von Lebensmitteln sei „barbarisch“. Kommunistenchef Gennadi Sjuganow nannte die Anordnung eine „extreme Maßnahme“; er schlug vor, die Nahrungsmittel an Kinder- und Waisenheime zu verteilen. Auch „unsere Freunde in Donezk und Lugansk“ in den von pro-russischen Rebellen kontrollierten Regionen in der Ost-Ukraine könnten die Lebensmittel brauchen.

Der Fernsehmoderator Wladimir Solowjow, normalerweise ein Freund der Regierung, schrieb auf Twitter, er könne nicht verstehen, dass ein Land, „das durch den grausamen Hunger während des Krieges und die schrecklichen Jahre nach der Revolution ging“, Lebensmittel zerstören könne. Der Verbraucheranwalt Alischer Sachidow mahnte im Radiosender Kommersant FM, die Regierung solle auf die 18 Millionen Menschen schauen, die unterhalb der Armutsgrenze lebten. „Diese Menschen brauchen das Fleisch.“

Den deutschen Landwirten sind durch das russische Embargo Einnahmen in Höhe von fast einer Milliarde Euro entgangen, wie der Bauernverband am Donnerstag in Berlin mitteilte. Die Exporte nach Russland hätten sich von 1,8 auf 0,9 Milliarden Euro halbiert. Bei Fleischwaren und Milchprodukten sei die Ausfuhr „praktisch auf Null“ zurückgegangen; das gelte auch für Obst und Gemüse.

Von

afp

Kommentare (7)

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Herr mathias müller

06.08.2015, 17:33 Uhr

RICHTIG !!!
In umgekehrter Richtung wird genauso verfahren!! Also wirds diesseits nicht mal der Versuch
unternommen. Drohen sogar Haftstrafen.

Hermann Froesch

06.08.2015, 17:36 Uhr

Was Rußland angeblich an Lebensmitteln vernichten lässt, ist nur ein Bruchteil dessen, was allein in Deutschland an Lebensmitteln auf dem Müll landet (Ablaufdatum etc.)

Account gelöscht!

06.08.2015, 17:38 Uhr

Rußland tut das einzig Richtige.

Sicher ist es im Prinzip nicht richtig, Lebensmittel zu vernichten, aber was bleibt Rußland anderes übrig? Nach den absolut nicht zu rechtfertigenden und völkerrechtlich illegalen Rußlandsanktionen, die der Westen verhängt hatte, mußte Rußland irgendwie reagieren.

Allerdings war Putin nicht so dumm wie der Westen, der Sanktionen verhängt hat, die ihm selbst schaden, sondern er hat gezielt Sanktionen verhängt, die vor allem dem Westen schaden und gleichzeitig im Innern den Anreiz fördern, eigene Produkte zu herzustellen.

In dieser Hinsicht scheinen die Sanktionen für die russische Volkswirtschaft ein Erfolg zu sein. Der Westen wird also Schwierigkeiten haben, die alten Märkte in Rußland zurückzugewinnen, wenn der Wahnsinn der Sanktionen einmal beendet worden ist. Denn inzwischen haben andere Lieferanten aus dem Ausland und vor allem auch die Eigenproduktion in Rußland die Märkte besetzt, die vorher eine Domäne westlicher Lieferanten waren.

Damit das nun jedoch auch gelingen kann und vor allem auch, damit es dem Westen wirklich weh tut, muß Rußland Konsequenz zeigen. Es kann es nicht hinnehmen, daß das Embargo umgangen wird. Und wenn die jeweiligen Lieferanten, die mit Hilfe gefälschter Papiere das Embargo zu umgehen suchen, durch die Vernichtung ihrer Lieferung finanzielle Schäden erleiden, so geschieht ihnen das recht.

Das motiviert sie vielleicht, sich in der Heimat politisch gegen den Sanktionswahnsinn der politischen Klasse zu engagieren. Auf die Unterstützung ihrer Interessenverbände können sie wohl dabei aber in der Regel nicht setzen. Diese haben sich meist als politisch korrekt und als gehorsame Abnicker der Regierungsidiotie erwiesen.

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