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27.11.2012

15:01 Uhr

Reaktion aus Athen

„Ein neuer Tag für alle Griechen“

Ministerpräsident Antonis Samaras ist nach den Beschlüssen von Brüssel erleichtert: „Alles ist gut gelaufen!“. Martialisch gibt sich dagegen die griechische Opposition: „Sie haben uns auf den Weg zur Hölle geführt.“

Ein Etappenziel ist erreicht und Ministerpräsident Antonis Samaras erleichtert. dapd

Ein Etappenziel ist erreicht und Ministerpräsident Antonis Samaras erleichtert.

AthenAufatmen, aber auch harsche Kritik: Mit gemischten Gefühlen haben die Griechen auf die in der Nacht zum Dienstag gefassten Beschlüsse zur neuerlichen Griechenland-Rettung reagiert. Die 17 Euro-Finanzminister hatten gemeinsam mit der in Brüssel anwesenden IWF-Chefin Christine Lagarde die Freigabe der nächsten Kredittranchen im Rahmen des zweiten Griechenland-Programms beschlossen. In vier Raten sollen vom 13. Dezember bis Ende März 2013 insgesamt 44 Milliarden Euro an das pleitebedrohte Hellas fließen. Der vom IWF geforderte Schuldenschnitt, der diesmal öffentliche Gläubiger getroffen hätte, wurde indes ausgeklammert.

Die griechische Presse bewertete den Ausgang der jüngsten Eurogruppensitzung durchaus unterschiedlich. Für ihre Zweitausgaben hatten sie den Redaktionsschluss extra auf 4.00 Uhr verlegt, um die Brüsseler Beschlüsse noch mit zu nehmen. „Endlich eine Entscheidung in Sachen Kredittranche und Staatsschuld", titelte „Kathimerini". „Das erste Lächeln. 44 Milliarden Euro an Griechenland nach einem dramatischen 12-stündigen Gefeilsche", meinte „Ta Nea". „Ethnos" bedachte das Ergebnis hingegen mit beißender Ironie: „Kompromiss nach 12 Stunden...Jucken". „Kompromiss des Unheils", kommentierte die Gazette „6 Meres". „Gift-Rate", ätzte das Blatt „Efymerida ton Syntakton".

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Müde, aber sichtlich erleichtert trat der griechische Ministerpräsident Antonis Samaras um 3.00 Uhr in der Nacht vor die wartende Journalistenschar. „Alles ist gut gelaufen. Morgen beginnt ein neuer Tag für alle Griechen", sagte Samaras. Finanzminister Jannis Stournaras hielt den Ball demonstrativ flach. „Das ist kein Grund zum Feiern. Die Beschlüsse stellen aber eine große Chance dar, die sich das griechische Volk mit seinen Opfern verdient hat." Parteiführer Fotis Kouvelis von den in Athen mitregierenden Demokratischen Linken (Dimar) erklärte: „Die Beschlüsse sind ein entscheidender Schritt für den Verbleib von Griechenland im Euro."

Ganz anders fiel das Urteil der Athener Opposition aus. Insbesondere die in ihren Augen passive Haltung von Regierungschef Samaras im Verhandlungsmarathon stieß auf heftige Kritk. „Die Verhandlungen haben zwischen Frau Merkel und Frau Lagarde stattgefunden", sagte Oppositionschef Alexis Tsipras vom Bündnis der Radikalen Linken (Syriza). „Der Kompromiss ist zwischen ihnen geschlossen worden. Die Lösung beinhaltet Griechenland nicht. Die einzige wirkliche Lösung ist, dass die anderen nicht weiter ohne den Wirt ihre Rechnung erstellen."

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Auch Jannis Manolis von den oppositionellen Unabhängigen Griechen ließ kein gutes Haar an dem neuerlichen Rettungspaket. "Sie haben uns auf den Weg zur Hölle geführt", erklärte er.

Unterdessen sprach Ex-Finanzminister Evangelos Venizelos von den mitregierenden Sozialisten mit Blick auf die Brüsseler Beschlüsse von einem Neustart. Dabei plagen die Pasok ganz andere Sorgen. Griechischen Medienberichten zufolge stellte kürzlich ein Gerichtsvollzieher in der Pasok-Zentrale in der nordgriechischen Millionen-Metropole Thessaloniki einen Beschluss zu, wonach die Partei unverzüglich 42 offene Monatsmieten zu begleichen habe. Andernfalls droht die Pfändung von Parteikonten, die Zwangsvollstreckung oder die Zwangsräumung.


Von

dapd

Kommentare (1)

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WFriedrich

27.11.2012, 16:50 Uhr

44 Mrd. Euro. Hand auf's Herz: da hätte niemand abgelehnt. Warum auch? Sollte die propagierte Wirkung verfehlt werden, kann immer noch Staatsbankrott angemeldet oder Schuldenschnitt durchgesetzt werden. Unter massivem Druck Deutschlands soll die Troika Griechenland einen Schuldenschnitt verboten haben. Damit bleibt die Frage vakant, wodurch wirtschaftliche Gesundung getrieben werden soll. Wodurch und in welchem Zeitraum sollen wettbewerbsfähige Wirtschaftsunternehmen geschaffen werden, deren Erträge nationale und internationale Verpflichtungen finanziern können. Falls die Rettungscrew hierzu ein Konzept hätte, das nicht sogleich den Eindruck von Narretei vermittelt, wäre man damit in die propagandistische Offensive vs. Steuerzahler gegangen. Aber man kann offenkundig nichts Überzeugendes bieten und faselt von Alternativlosigkeit. Einfacher sind Parlamentarier zu überzeugen, deren Alphabet sich seit einger Zeit in zwei Buchstaben erschöpft: "J" und "a". Akzeptabel ist die Situation nicht, denn Europa gehört uns allen: uns, unseren Kindern und Enkeln.

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