Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

27.07.2014

12:25 Uhr

Reaktion der Finanzmärkte

Wenn ein Weltkrieg überraschend kommt

VonThorsten Giersch

2007 haben die Finanzmärkte die große Immobilienkrise nicht kommen sehen – wie auch 1914 den Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht. Völlig unvorbereitet mussten die Börsen in Europa und den USA die Reißleine ziehen.

Die Frankfurter Börse im Jahr 1914: Weltkrieg kam überraschend. Gruppe Deutsche Börse

Die Frankfurter Börse im Jahr 1914: Weltkrieg kam überraschend.

DüsseldorfBis heute wird heftig darüber gestritten, wie es zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs kommen konnte. Sahen die Staatenlenker die Katastrophe tatsächlich nicht kommen? Auch die Finanzmärkte schienen absolut überrascht. Dabei hätten am ehesten noch Käufer von Staatsanleihen eine Ahnung haben müssen von dem, was bevorstand.

Seit jeher wurden Kriege über Anleihen finanziert. Deutschland gab während 1914 und 1918 gleich neun solcher Papiere aus, um die Kosten des Kriegsmaschinerie zu decken. 60 Prozent der 1950 in London notierten festverzinslichen Staatsanleihen wurden von den fünf Großmächten England, Frankreich, Deutschland, Russland und Österreich-Ungarn.

Bürger beteiligten sich: Wie man einen Weltkrieg finanziert

Bürger beteiligten sich

Wie man einen Weltkrieg finanziert

Geld war für den Ausgang des Ersten Weltkriegs mitentscheidend. Um dieses zu beschaffen, hatten die Länder verschiedene Strategien. Aus den Fehlern, die Sparer und Zentralbanker machten, kann man vieles lernen.

Es gehörte zur Aufgabe der Investoren, auf jedes Indiz zu achten, das einen nahenden Krieg andeutete. Und jeder, der mit einer Auseinandersetzung rechnete, hätte rechtzeitig verkauft. Hätten die Finanzmärkte den Krieg also vorausgesehen, wäre es zu einem Verfall der Anleihekurse gekommen. Doch das passierte nicht. Der renommierte Historiker Niall Ferguson schreibt in seinem Buch „Krieg der Welt“: „Bis zum Juli 1914 registrierten die meisten Finanzmarktindikatoren keineswegs einen nahenden Weltkrieg, sondern deuteten eher auf eine Verringerung des Anlagerisikos hin.“

Chronologie: Von Sarajevo bis zum Kriegsausbruch

In 37 Tagen bis zum Krieg

Ein regionaler Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien führte zu einem Weltkrieg, der alle Kontinente erfasste. Eine Chronologie vom Attentat in Sarajevo bis zum Kriegsbeginn ...

28. Juni 1914

Der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau werden in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo vom Gymnasiasten Gavrilo Princip im Auftrag der serbischen Geheimorganisation «Schwarze Hand» erschossen.

5. Juli

Alexander Graf Hoyos, Mitarbeiter im Außenministerium der Donaumonarchie, reist mit einem Memorandum zur Balkanpolitik und einem Schreiben von Kaiser Franz Joseph nach Berlin. Der Monarch bittet Kaiser Wilhelm II. um Unterstützung im Kriegsfall mit Serbien.

6. Juli

Wilhelm II. versichert Österreich-Ungarn offiziell mit einer «Blankovollmacht» seiner unbedingten Bündnistreue.

20. - 23. Juli

Beim Besuch des französischen Präsidenten Raymond Poincaré in Russland sichern sich beide Staaten Unterstützung im Bündnisfall zu.

23. Juli

Wien stellt ein 48-Stunden-Ultimatum an Serbien. Die gegen Österreich-Ungarn gerichteten Umtriebe sollen unter österreichischer Beteiligung bekämpft und die Schuldigen bestraft werden.

25. Juli

Serbien akzeptiert alle Forderungen, soweit sie nicht seine Souveränität einschränken. Wien hält die Antwort für unbefriedigend, bricht die diplomatischen Beziehungen ab und ordnet Teilmobilmachung an. Da Russland Hilfe zusichert, macht auch Serbien teilmobil.

28. Juli

Englische und deutsche Vermittlungsversuche scheitern. Vorgeschlagen war, eine Botschafterkonferenz einzuberufen und direkte Verhandlungen zwischen Russland und Österreich-Ungarn aufzunehmen. Doch Österreich-Ungarn erklärt Serbien den Krieg.

30. Juli

Zar Nikolaus II. ordnet die Generalmobilmachung an.

1. August

Da Russland das deutsche Ultimatum, die Mobilmachung rückgängig zu machen, verstreichen lässt, erklärt Berlin Russland den Krieg. Zwei Tage später folgt die Kriegserklärung an Frankreich.

4. August

Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Luxemburg und Belgien erklärt Großbritannien dem Reich den Krieg.

Die Marktteilnehmer wurden kalt erwischt: Erst in der letzten Juliwoche fielen die Schuldverschreibungen, Staats- und Rentenanleihen, Deutschland um vier, in Großbritannien um sechs, in Frankreich um sieben und in Russland und Österreich-Ungarn um rund 15 Prozent. Besonders hart traf die Krise den Finanzplatz London.

Denn plötzlich wurden die Zahlungen an die britischen Banken, die zuvor großzügig ausländische Währungen akzeptiert hatten, eingestellt. „Gleichzeitig wurden kontinentale Einlagen bei Londoner Banken in großen Mengen abgezogen und von Ausländern gehaltene Anleihen veräußert“, schreibt Ferguson. Das Wirtschaftsblatt „Economist“ drückte es sehr plakativ aus: „London wurde für ganz Kontinentaleuropa zur Liquiditätsmüllkippe.“

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×