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28.04.2013

14:36 Uhr

Rechtsruck bei Parlamentswahl

Island zeigt der EU die rote Karte

VonHelmut Steuer

Bei der Wahl in Island wurden die Uhren zurückgestellt: Konservative und Liberale kehren in die Regierung zurück. Genau sie hatten das Land einst in die Bankenkrise geführt - und von Europa wollen sie nichts mehr wissen.

Wahlergebnisse

Island vor Machtwechsel - Wähler strafen Sparkurs ab

Wahlergebnisse: Island vor Machtwechsel - Wähler strafen Sparkurs ab

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StockholmBjarni Benediktsson hatte gut Lachen. Seine Unabhängigkeitspartei zählt zusammen mit der Fortschrittspartei zu den großen Siegern bei den Parlamentswahlen auf Island. Zusammen kommen die beiden bürgerlichen Parteien auf eine absolute Mehrheit und können allein eine neue Regierungskoalition bilden. Der ehemalige Fussball-Profi und Rechtsanwalt Benediktsson kann sich damit Hoffnung auf das Amt des Regierungschefs machen. Der 43-jährige, der unter anderem in Deutschland Jura studiert hat, kündigte noch in der Wahlnacht eine Kursänderung an. „Wir werden einen Weg  einschlagen, der zu mehr Wachstum und sozialer Sicherheit führt“, versprach er.

Und nicht nur das: Auch der von einer großen Mehrheit der Isländer argwöhnisch beobachtete Annäherungskurs an die EU wird unter ihm gestoppt. Bereits vor den Wahlen hatte er wie auch der Vorsitzende der Fortschrittspartei mehrfach angekündigt, die Beitrittsverhandlungen, die sowieso schon seit Januar dieses Jahres in Erwartung der Wahlen gestoppt wurden, ganz einzustellen.

Krisen-Verursacher liegen bei Wahl vorne: Islands Tanz auf dem Vulkan

Krisen-Verursacher liegen bei Wahl vorne

Islands Tanz auf dem Vulkan

Das Land im Atlantik ist bekannt für unterirdische Vulkane, Geysire - und den Crash der Kaupthing-Bank. Eine neue Regierung hatte das Land nach 2008 aus der Krise geholt. Doch jetzt drohen die Retter abgewählt zu werden.

Mit ihren Stimmzetteln haben die knapp 240 000 wahlberechtigten Isländer der bisherigen rot-grünen Koalition unter der 70-jährigen Johanna Sigurdardottir die rote Karte gezeigt. Und das, obwohl die Sozialdemokraten zusammen mit den Grünen in den vergangenen vier Jahren das Land, das Ende 2008 am Abgrund stand, wieder aus der Krise geführt haben.

Gleichzeitig haben die Wähler mit der Unabhängigkeitspartei und der Fortschrittspartei die Gruppierung wieder in die Regierungsverantwortung gehoben, die mit ihrer Liberalisierungspolitik für den finanziellen Kollaps des Inselstaates im Nordatlantik mitverantwortlich waren.

Die skurrilsten Fakten über Island

Hej Du!

Gerade einmal 320.000 Menschen leben auf Island. Man kennt sich – und duzt sich. Und: Isländer sprechen sich mit dem Vornamen an. Auch das Telefonbuch ist anders als in Deutschland nach Vornamen sortiert.

Island bebt

Auf Island bebt jeden Tag die Erde. Etwa 30 Vulkansysteme sind hier aktiv. Die Insel driftet aufgrund der Aktivität des Bodens pro Jahr ein bis zwei Zentimeter auseinander, denn die Hälfte des Landes liegt auf der nordamerikanischen, die andere auf der eurasischen Erdplatte.

Insel ohne Bäume

Auf Island wachsen von Natur aus keine Bäume. Für den Hausbau haben die ersten Siedler angeschwemmtes Material verwendet und daraus eine Art Skelett gebaut, dass dann mit Lehm und Gras überdeckt wurde.

Alte Sprache

Die isländische Sprache hat sich seit dem Mittelalter kaum verändert. Die erhaltenen Sagas aus der Zeit können die Menschen heute noch problemlos lesen. Die Sagas sowie die nordischen Heldenlieder sind die ältesten Schriftsätze, die in Europa erhalten geblieben sind.

Kein Bahnhof in Sicht

Die Hauptstadt Reykjavik hat keinen, die zweitgrößte Stadt Kopavogur auch nicht – und Hafnarfjördur sowieso nicht: Auf Island gibt es keine Bahnhöfe, da es schlicht keinen Schienenverkehr gibt. Dafür gibt es fünf Flughäfen und 19 Häfen. Und: Das Straßennetz beträgt eine Länge von 13.004 Kilometern Jedoch sind davon nur 4331 Kilometer asphaltiert. Die restlichen Straßen sind eher als Schotterwege zu bezeichnen.

Das Land der Erneuerbaren Energien

Der Strom auf Island wird zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien erzeugt (75 Prozent Wasserkraft, 25 Prozent Geothermie). Die Gebäudebeheizung wird zu 90 Prozent geothermisch betrieben.

Was können die Isländer besser als die Deutschen?

Geländewagen fahren. Das isländische Hochland ist geprägt von Schotterstraßen, die unter Geländefahrern als beliebtes Reiseziel gelten. Offroad-Fahren, also Fahren abseits der „Straßen” ist zum Schutze der empfindlichen Vegetation jedoch verboten.

Die Wähler hätten halt nur ein kurzes Gedächtnis, meinte resigniert ein Sozialdemokrat am Sonntagmorgen. Tatsächlich hat die rot-grüne Regierung in den vergangenen vier Jahren vieles richtig gemacht und ist ausdrücklich von Internationalen Währungsfonds, der EU, Rating-Agenturen und angesehenen Ökonomen für ihre Politik gelobt worden.

Island war im Herbst 2008 an den Rand eines Staatsruins geraten, nachdem sich die drei größten Banken des Landes mit zügellosen Übernahmen in ganz Europa überhoben hatten. Nur ein Milliarden-Notkredit des Währungsfonds und einiger nordeuropäischer Länder konnte das 320 000-Einwohner-Land vor der Staatspleite retten.

Kommentare (17)

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JEB

28.04.2013, 14:51 Uhr

"http://www.handelsblatt.com/politik/international/rechtsruck-bei-parlamentswahl-island-zeigt-der-eu-die-rote-karte/8134314.html"

Aha, es bedeutet also einen "Rechtsruck", wenn die Wähler sich gegen das diktatorisch auftretende EU-Monster entscheiden.

Account gelöscht!

28.04.2013, 15:03 Uhr

hehe, guter Einwurf.
Aber nehmen Sie es umgekehrt, dann wird ein Schuh draus.

Die Meere sind überfischt, überall, auch außerhalb von Islands Fanggründen.
Mit dem Beitritt würden die Zinsen im Land wahrscheinlich drastisch sinken, die Fangquoten würden begrenzt. Die Fangquoten werden aber trotzdem begrenzt, und zwar ganz "natürlich", aber ohne den "Schutz" durch eine EU. Die Politik nach dem Motto "wir wollen soviel fangen wie wir wollen und wo wir wollen" fischt Wähler, aber macht den Fisch nicht wertvoller, und die Gläubiger vom Crash nicht zufriedener. Es war eine Wahl gegen den eigenen Geldverfall, der durch den Crash verursacht worden war. Nicht mehr und nicht weniger, und das wird in Spanien genauso passieren.
Ob Island nun der EU beitritt oder nicht, kann man also daher mit dem heulenden Hund und dem Mond vergleichen.
Der Biofisch aus Österreich schmeckt mir sowieso besser.

aletheia53

28.04.2013, 15:35 Uhr

Ein lehrreiches Wahlresultat
Einmal mehr wird ein Problem der (parlamentarischen)Demokratie klar. Als Politiker muss man bei Strafe des Unterganges Stimmenmaximierer sein (siehe J.A. Schumpeter). Der Großteil der Wähler scheint nicht geneigt (oder ist kognitiv nicht in der Lage), die längerfristigen Konsequenzen seiner Stimmabgabe erfassen zu können oder zu wollen. Warum soll sich also bei uns irgend ein Politiker sparsam und kostenbewusst verhalten, wenn die anderen dann für leere Versprechungen an die Futtertröge kommen? Er/Sie wäre ja schön blöd!

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