Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

24.10.2011

21:38 Uhr

Rede an der Humboldt Universität

Trichet im Berliner Clash der Kulturen

VonThomas Hanke

Der scheidende EZB-Chef Trichet forderte an der Berliner Humboldt Universität in einer Rede die Europäer zu mutigen Schritten zu einer tiefgreifenden politischen Union auf. Nicht alle waren damit einverstanden.

Der scheidende EZB-Präsident Trichet bei seiner Ansprache. Reuters

Der scheidende EZB-Präsident Trichet bei seiner Ansprache.

BerlinEine Rede an der Berliner Humboldt Universität zählt zu den höheren Weihen, die einem Politiker in Deutschland zuteil werden können. Das erklärt, warum EZB-Präsident  Jean-Claude Trichet am Montag  Abend nach Berlin eilte, obwohl ihm die nächtelangen Verhandlungen um die nächste Etappe der Euro-Rettung in den Knochen steckten. Grau wie der Vorhang im Audimax saß der Präsident auf der Empore. Noch eine Woche im Amt bleibt ihm, bevor er nach acht Jahren an den Italiener Mario Draghi übergibt.

Aber Berlin ist nicht Frankfurt, hier sitzen nicht vorzugweise elegant gekleidete Banker im Auditorium, die andächtig lauschen, sondern hier verlangt der genius loci, dass die Rede eines Bankpräsidenten zünftig gestört wird – auch wenn er gar keine Geschäfts-, sondern die Zentralbank führt.

Trichet hatte gerade das Publikum und fast auch sich selber mit ausführlichen Darlegungen zur „Sterilisierung unserer unkonventionellen Maßnahmen“ in eine Art wohligen Dämmerzustand geredet, als der fast schon obligatorische Protest losbrach: „Keine Lügen mehr, Schluss mit der Tyrannei der Banken“ skandierte eine eher schmale Truppe von Protestlern, die aber schon bald wieder verstummte.

Trichet brachte das kein bisschen aus der Ruhe. Routiniert führte er seine Rede zu Ende, wiederholte seine Forderung nach Schaffung eines europäischen Finanzministeriums und deutete an, dass Europa eine Art föderales System brauche – „aber das sage ich persönlich, als europäischer Bürger“.

Proteste während der Trichet-Rede an der Berliner Humboldt Universität. Reuters

Proteste während der Trichet-Rede an der Berliner Humboldt Universität.

Auch die melodramatische Kurzansprache – „wir werden uns opfern für Ihr Sanierungsprogramm, wir opfern unsere Erziehung und Zukunft, wir opfern sogar unser eigenes Leben“ - eines Teilnehmers, der sich als griechischer Anwalt aus Piräus vorstellte, konnte Trichet nicht richtig wachrütteln.

Das gelang erst einer weiteren, deutlich jüngeren Protestlerin, die dem EZB-Präsidenten ohne Mikro ihre Kritik ins Gesicht schrie: „Können Sie von 470 Euro leben? Sie vernichten uns! Ich höre mir Ihr Gequatsche nicht länger an, ich gehe!“ Da wurde der von der Euro-Krise wie Lazarus gezeichnete plötzlich munter: „Gerade um solche Zustände zu überwinden versuchen wir, den Euro und das Finanzsystem zu stabilisieren.“

Was die Kritikerin mit einem lauten „Lügner!“ quittierte. Trichet nahm es nicht persönlich, sondern witzelte nur: „Madame, sind Sie doch noch da?“. Wer Nicolas Sarkozy und Angela Merkel ertragen hat, der lässt sich auch von der Berliner Protestkultur nicht erschüttern.

Kommentare (5)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

kaielves

24.10.2011, 22:21 Uhr

irgendwann wird es nicht mehr nur bei verbalen Attacken bleiben.

Zeit wirds.

Die Arroganz der Macht ist unerträglich geworden.

Account gelöscht!

24.10.2011, 22:28 Uhr

Herr vergib ihm, denn er weiß nicht von was er schwadroniert. Ein EZB-Präsident, der sich über alle Gesetze hinwegsetzt, weil er nicht europäische Interessen vertritt, schon gar nicht die der EZB, sondern ausschließlich französische Interessen und gesetzeswidrig sogar durchsetzt, um die französischen Banken auf Kosten Deutschlands zu retten. Er hat in diesem Sinne seinen Auftrag zur vollsten Zufriedenheit erledigt.
All diese Finanzhilfen sind demokratisch in keiner Weise legitimiert. Sie verletzen die Grundrechte der Deutschen ebenso wie europ. Verträge. Art.38 des deutschen GG schützt uns vor Rechtsakten, die von den Verträgen der Europ. Union nicht gedeckt sind.
Das gilt insbesondere auch für die Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank. Das ist nicht zulässig. Das ist Hochverrat!!
Weshalb gibt man solchen „Hochverrätern“ in der Humboldt Universität ein Podium um ihre Betrügereien zu rechtfertigen? Weshalb stehen dort nicht die Staatsanwälte schon Schlange und Polizisten mit Handschellen?

Bevor der Pöbel .... alternativlose Ideen durchsetzt, die sich bereits 1789 bewährt haben!!

Lasst anerkannte Ökonomen dort zu Wort kommen, echte Europäer, die nicht nur das Wohl eines Landes, sondern ganz Europa im Blickfeld haben, wie Prof. Hankel, Albrecht Schachtschneider, Wilhelm Nölling, Joachim Starbatty, Hans-Olaf-Henkel, Prof. H.W.Sinn usw.
Es wird Zeit dafür, dass sich diese Ökonomen dem tagtäglichem Volksverrat zur Wehr setzen und eine Partei gründen, die alle atablierten Parteien, diese Abnicker ohne jeglichen Anstand und Charakter hinwegfegen. Dann könnte ich sogar meine Auswanderungspläne wieder auf Eis legen, mal ganz nebenbei bemerkt.

Account gelöscht!

25.10.2011, 00:45 Uhr

Kompliment an Ihren Reporter. Er berichtet genau von den Vorfällen und schwätzt nicht lang. Halten!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×