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01.10.2017

14:03 Uhr

Referendum in Katalonien

Lieder und Blumen gegen Gummigeschosse

Gummikugeln, Blut, weinende Kinder: In Katalonien geht die Polizei gewaltsam gegen die Abstimmung über die Trennung von Spanien vor. Die Katalanen reagieren mit Liedern und Blumen. Ein Kompromiss ist nicht in Sicht.

Die meisten Menschen reagierten friedlich auf die Aktionen der Polizei, hielten ihre Hände in die Höhe und stimmten Lieder an. dpa

Demonstranten in Barcelona vor einer Polizeisperre

Die meisten Menschen reagierten friedlich auf die Aktionen der Polizei, hielten ihre Hände in die Höhe und stimmten Lieder an.

BarcelonaKatalonien hat sich dem Verbot der Justiz widersetzt und am Sonntag gegen den Willen der Zentralregierung ein Referendum über die Abspaltung der Region von Spanien abgehalten. Nach der Öffnung der Wahllokale um 9 Uhr griffen die von der Zentralregierung entsandte paramilitärische Polizeieinheit Guardia Civil und die Nationalpolizei teilweise hart durch und versuchten, Wähler energisch am Zugang zu den Urnen zu hindern. Die katalanische Regionalpolizei Mossos d'Esquadra war zuvor dem Befehl, Schulen und andere Wahllokale abzuriegeln, nicht nachgekommen, war passiv geblieben und hatte sich auf die Aufnahme von Protokollen beschränkt. Sie ist in der Region verwurzelt und angesehen und war vor dem Referendum Madrid unterstellt worden. Die Frage auf den Stimmzetteln lautete: „Wollen Sie, dass Katalonien zu einem unabhängigen Staat in Form einer Republik wird?“.

Eine Lösung der Krise war indes nicht in Sicht. Puigdemont betonte, jeder der abstimmen wolle, könne das tun. Da die Gegner einer Abspaltung überwiegend nicht zur Wahl gingen, wurde eine Mehrheit für die Unabhängigkeit erwartet. Fraglich war, ob die Polizei eine Auszählung und Veröffentlichung der Ergebnisse verhindern würde und wann mit Ergebnissen zu rechnen wäre. Je höher die Beteiligung, desto mehr Gewicht dürfte das Referendum haben. Die Zentralregierung in Madrid beharrte darauf, dass das Referendum illegal ist. Dies hatte die Justiz bestätigt. Im Vorfeld hatten sich in Umfragen aber nur 40 Prozent für eine Eigenständigkeit ausgesprochen.

Angespannte Stimmung in Katalonien

So verschafft sich die Polizei Zugang zu den Wahllokalen

Angespannte Stimmung in Katalonien: So verschafft sich die Polizei Zugang zu den Wahllokalen

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Auf Fotos war zu sehen, dass die Polizei zum Teil auch Gummigeschosse einsetzte. Mehrere Menschen bluteten im Gesicht, darunter auch ältere Bürger. Medien sprachen unter Berufung auf das örtliche Gesundheitsministerium von 38 Verletzten, davon drei schwer. Die Guardia Civil ist seit der Unterdrückung der Region unter dem Franco-Regime in Katalonien äußerst unbeliebt.

Der Chef der katalanischen Regionalregierung, Carles Puigdemont, erklärte, die Sicherheitskräfte hätten auch Gummigeschosse und Schlagstöcke eingesetzt und sprach von einem „ungerechtfertigten, irrationalen und unverantwortlichen“ Gewalteinsatz. Und sagte an die Adresse der Regierung des spanischen Regierungschefs Mariano Rajoy: „Es ist alles gesagt, die Schande wird sie auf ewig begleiten.“

An anderen Stellen in Barcelonaentfernte die Polizei mehrere Hundert Menschen von Wahllokalen. Handgemenge brachen aus zwischen Polizisten und Bürgern, mehrere Personen wurden abgeführt. An einigen Orten blockierten Wähler die Türen, um zu verhindern, dass sie von der Polizei abgeriegelt werden. Die Organisatoren der Abstimmung schmuggelten Wahlurnen in schwarzen Plastiksäcken zu den Wahllokalen. „Ich bin früh aufgestanden, weil mich mein Land braucht“, sagte Eulalia Espinal, eine 65-jährige Rentnerin, die sich im Regen mit etwa 100 anderen gegen 5 Uhr vor einer Schule in Barcelona eingefunden hatte. „Wir wissen nicht, was passieren wird, aber wir müssen da sein.“

„Wir sind gezwungen, das zu tun, was wir nicht tun wollten“, verteidigte der Vertreter der Zentralregierung in Katalonien, Enric Millo, den Polizeieinsatz. Über Barcelona kreisten Hubschrauber. Die Menschen reagierten friedlich auf die Aktionen der Polizei, hielten ihre Hände in die Höhe und stimmten Lieder an. Einige gingen mit Blumen in den Händen auf die Sicherheitskräfte zu. „Wir sind friedliche Leute!“, riefen die Bürger in Sprechchören.

An vielen Orten war überhaupt keine Polizei zu sehen, und die Wähler standen in langen Schlangen vor den Urnen an. „Bei uns läuft alles rund, die Wahllokale sind offen und die Bürger wollen wählen“, sagte der Bürgermeister des Ortes Arenys de Munt nordöstlich von Barcelona der Nachrichtenagentur dpa. „Das ist Demokratie.“

Handelsblatt-Reporterin vor Ort in Barcelona: Als die Mossos in die Schule kommen, wird es ganz still

Handelsblatt-Reporterin vor Ort in Barcelona

Als die Mossos in die Schule kommen, wird es ganz still

Eigentlich hat die katalanische Polizei, die Mossos d’Esquadra, den Auftrag, die Wahllokale zu schließen. Doch angesichts großer Menschenversammlungen beschränken sie sich auf Formalien. Die Polizei der Zentralregierung zeigt sich weniger zimperlich.

Insgesamt seien 73 Prozent der insgesamt 3.215 Wahllokale funktionstüchtig, erklärte der Sprecher der katalanischen Regionalregierung, Jordi Turull. Eine unabhängige Überprüfung dieser Angabe war zunächst nicht möglich. Die spanische Generalstaatsanwaltschaft hatte die katalanische Polizei angewiesen, bis zum 6 Uhr morgens alle für die Wahl vorgesehenen Wahllokale abzusperren. Doch seit der normale Schulunterricht am Freitagnachmittag beendet wurde, veranstalteten Eltern in rund 160 Schulen der Region Herbstfeste und andere Aktivitäten, um die Schließung ihrer Schule zu verhindern. So gelang es den Sicherheitsbehörden am Sonntagmorgen nicht, alle Wahllokale dicht zu machen.

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