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30.09.2016

09:07 Uhr

Referendum zu Friedensabkommen mit Farc

Schicksalswahl in Kolumbien

VonKlaus Ehringfeld

Am Sonntag stimmen die Kolumbianer über das Friedensabkommen mit der Farc ab. Vor dem Referendum ist unser Korrespondent in das Land gereist – und hat die vom Bürgerkrieg erschütterte Provinz Cauca besucht.

Am Sonntag stimmen die Kolumbianer über das Friedensabkommen zwischen Regierung und Farc ab. dpa

Farc-Kämpfer in Cauca

Am Sonntag stimmen die Kolumbianer über das Friedensabkommen zwischen Regierung und Farc ab.

PopayánIn diesen Tagen, in den zwei Wörter über das Schicksal eines ganzen Landes entscheiden, geht es überraschend ruhig in Kolumbien zu. „Ja“ oder „Nein“ – auf diese Frage heruntergebrochen werden am Sonntag fast vierjährige Verhandlungen über Krieg oder Frieden in dem südamerikanischen Land.

„Unterstützen Sie das endgültige Abkommen zur Beendigung des Konflikts und den Aufbau eines stabilen und dauerhaften Friedens“?, steht auf dem Wahlzettel für das Referendum. Und dahinter verbirgt sich nicht weniger als die Frage: Sind 19.000 Tage Krieg genug für ein Land, das von seinen Voraussetzungen her zu den erfolgreichsten Lateinamerikas gehören könnte? Bei den Kämpfen zwischen staatlichen Sicherheitskräften, linken Rebellen und rechten Paramilitärs kamen mehr als 220.000 Menschen ums Leben, Millionen wurden vertrieben. Wirtschaft und Infrastruktur wurden durch den Krieg zurückgeworfen.

Was Santos mit den Farc-Rebellen ausgehandelt hat

Landreform

Die extreme Konzentrierung des Landbesitzes war einer der Auslöser des Konflikts zwischen der Regierung und den Farc. Mit dem Friedensvertrag sollten Grund und Boden gerechter verteilt werden. Ein Fonds sollte in den kommenden zehn Jahren drei Millionen Hektar Land verteilen. Außerdem sah der Plan unter anderem den Bau von Häusern, Schulungen für Bauern und den Aufbau von Vertriebsstrukturen für landwirtschaftliche Produkte vor. Doch das kolumbianische Volk hat den Friedensvertrag in einem Referendum abgelehnt.

Politische Teilhabe

Die Ex-Guerilleros sollten künftig politisch für ihre Ziele eintreten. Für die kommenden zwei Wahlperioden hätten sie mindestens fünf Sitze im Senat und in der Abgeordnetenkammer garantiert bekommen. Danach hätten sie ihre Mandate im normalen Wahlprozess gewinnen müssen. Der Staat hätte die freie politische Beteiligung der ehemaligen Rebellen garantiert.

Endgültiger Waffenstillstand

Die Farc sollten laut Vertrag alle militärischen Operationen einstellen und den bewaffneten Kampf aufgeben. Die Kämpfer sollten sich in 28 Zonen im ganzen Land sammeln und ihre Waffen den Vereinten Nationen übergeben. Die ehemaligen Farc-Mitglieder hätten bei einem erfolgreichen Referendum für zwei Jahre eine monatliche Basisrente und eine Einmalzahlung von zwei Millionen Pesos (610 Euro) erhalten.

Neue Drogenpolitik

Prävention, Schutz der Menschenrechte und Hilfe für die Bauern statt Repression hätten im Zentrum der Drogenpolitik stehen sollen. Schritt für Schritt sollten die Koka- und Marihuana-Plantagen durch Anbauflächen für legale landwirtschaftliche Produkte ersetzt werden. Die Bauern wären bei der Umstellung unterstützt, Drogenanbauflächen aufgeforstet worden.

Sonderjustiz und Entschädigung der Opfer

Ein Sondertribunal hätte die während des Konflikts verübten Verbrechen aufgeklärt. Geständige Täter hätten für maximal acht Jahre in Haft gemusst. Die Suche nach Verschleppten wäre intensiviert worden. Auch eine Entschädigung für die Opfer war in der Vereinbarung vorgesehen.

Am Sonntag (2. Oktober) stimmen die Kolumbianer über das am Montag unterzeichnete Friedensabkommen ab. Die jüngsten Umfragen sehen die Befürworter vorn: Zwischen 66 und 55 Prozent wollen mit Ja stimmen, die Gegner des Vertrags kommen auf 38 bis 34 Prozent. Um gültig zu sein, müssen in dem Plebiszit mindestens 13 Prozent der Wahlberechtigten – rund 4,5 Millionen Menschen – für oder gegen das Abkommen stimmen. Sollte das Abkommen abgelehnt werden, könnten sich die Farc gezwungen sehen, den bewaffneten Kampf fortzusetzen.

Wer angesichts dieser Schicksalswahl gedacht hätte, die Städte seien zugepflastert mit Propaganda oder die Menschen würden über kein anderes Thema mehr sprechen, sieht sich getäuscht. Nur wer Fernsehen oder Radio anschaltet und aufmerksam die Zeitungen liest, bekommt eine Idee von der Bedeutung der Entscheidung für das Land. Die Medien trommeln fast rund um die Uhr für das Friedensabkommen. Aber den Menschen in den großen Städten ist der Krieg in weite Ferne gerückt, seit die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc) sich schon vor Jahren vom urbanen Kampf losgesagt haben: „Für die Stadtbewohner ist der Bürgerkrieg manchmal so fern wie der Krieg in Syrien“, sagt der Konfliktexperte Alejo Vargas von der Nationalen Universität in Bogotá.

Kolumbien: Endlich Frieden, endlich Wachstum

Kolumbien

Endlich Frieden, endlich Wachstum

Kolumbien wird plötzlich zum Hoffnungsträger Lateinamerikas. Am Montag soll der Friedensvertrag mit den FARC-Rebellen unterzeichnet werden. Präsident Santos verspricht sich Wachstum – und wirbt um deutsche Investitionen.

Also bin ich in den Südwesten Kolumbiens gefahren, nach Cauca. Die bergige und grüne Provinz ist eine der Regionen des Landes, die am härtesten unter dem 52 Jahre währenden Bürgerkrieg gelitten hat. Hier ist eine der Ursprungsregionen der Farc. Die Guerilla war in Cauca sehr stark – zeitweise sei sie in mindestens 40 Prozent der Provinz präsent gewesen, schätzen Experten. In Cauca wurde im November 2011 der damalige Rebellen-Chef Alfonso Cano getötet.

Cauca ist reich an Mineralien, Wasser und Kohle – des eines der größten Koka-Anbaugebiete des Landes und zudem ein wichtiger Korridor zur Pazifikküste. Kurzum: In der Region bündeln sich fast alle Probleme Kolumbiens: Illegaler Bergbau, Drogenschmuggel, Landraub, Erpressung. Neben der Farc und der kleinen Guerilla-Organisation ELN mischen dort paramilitärische Gruppen, Drogenschmuggler und gewöhnliche Kriminelle mit.

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