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26.12.2013

11:16 Uhr

Regierungskritikerin

Oppositionelle Journalistin in Ukraine verprügelt

Eine prominente Journalistin ist in der Ukraine von Unbekannten brutal zusammengeschlagen worden. Sie hatte unter anderem kritisch über Präsident Janukowitsh berichtet. Nicht nur die USA kritisieren den Vorfall.

Demonstranten in Kiew zeigen Bilder der Journalistin Tetjana Schornowil. dpa

Demonstranten in Kiew zeigen Bilder der Journalistin Tetjana Schornowil.

KiewDie für ihre kritischen Berichte über Präsident Viktor Janukowitsch bekannte ukrainische Journalistin Tetjana Schornowil sei auf dem Weg nach Kiew von mehreren Unbekannten angegriffen worden, teilte die Polizei am Mittwoch mit. Oppositionsvertreter reagierten empört auf die Attacke und warfen Janukowitschs Regierung vor, die europafreundliche Opposition mundtot machen zu wollen. Demonstranten in Kiew zeigen bei Protesten an den Weihnachtstagen Fotos der malträtierten Journalistin.

Schornowil sei in der Nacht zum Mittwoch in der Nähe von Kiew mit dem Auto unterwegs gewesen, als sie von Unbekannten verfolgt worden sei, teilte die Polizei mit. "Der Fahrer des verdächtigen Fahrzeugs begann, sie zur Seite abzudrängen. Als sie anhielt, schlugen mehrere Männer die Scheibe ihres Autos ein, zogen sie heraus und begannen, auf sie einzuschlagen." Anschließend hätten die Täter ihr Opfer in einen Graben geworfen. Die 34-Jährige sei kurz nach Mitternacht in der Nähe ihres Autos gefunden worden.

Schornowil schreibt vor allem für die Oppositionswebsite "Ukrainska Prawda". Sie hatte sich an den proeuropäischen Demonstrationen in ihrem Land beteiligt und veröffentlichte mehrere sehr kritische Artikel über Janukowitsch und sein Umfeld, etwa den umstrittenen Innenminister Witali Sacharschenko. In einem von "Ukrainska Prawda" veröffentlichten Video berichtete sie: "Sie schlugen mir auf den Kopf, sie sagten nichts, sie schlugen nur." Laut "Ukrainska Prawda" erlitt sie einen Nasenbruch, eine Gehirnerschütterung und mehrere Prellungen.

Land am Scheideweg – Die Ukraine zwischen Russland und der EU

21. November 2013

Die Regierung in Kiew legt überraschend ein Assoziierungsabkommen mit der EU aus „Gründen der nationalen Sicherheit“ auf Eis. Tausende Menschen demonstrieren dagegen.

25. November

Die inhaftierte Oppositionsführerin Julia Timoschenko tritt aus Protest gegen Kiews Außenpolitik in einen Hungerstreik. Erneut gehen Tausende in Kiew und anderen Städten auf die Straße.

27. November

Präsident Viktor Janukowitsch sagt, die Ukraine sei wirtschaftlich noch nicht reif für ein Abkommen mit der EU. In Kiew demonstrieren Tausende für und gegen eine EU-Annäherung.

1. Dezember

Überschattet von Krawallen fordern Hunderttausende in Kiew den Sturz von Janukowitsch. Bei Zusammenstößen werden im Regierungsviertel mindestens 150 Menschen verletzt. Die Kundgebung auf dem Unabhängigkeitsplatz Maidan bleibt friedlich. Die Opposition um Boxweltmeister Vitali Klitschko fordert den Rücktritt der Regierung und vorgezogene Neuwahlen.

3. Dezember

Die Opposition scheitert mit einem Misstrauensantrag gegen Ministerpräsident Nikolai Asarow. Der Janukowitsch-Vertraute bleibt im Amt. Im Regierungsviertel blockieren Demonstranten den Zugang zu Ministerien.

4. Dezember

Mit einer Dauerblockade des Parlaments will die Opposition den Machtwechsel erzwingen. Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) besucht in Kiew Demonstranten und würdigt den Kurs der Opposition. Russlands Außenminister Sergej Lawrow warnt den Westen vor einer Einmischung.

8. Dezember

Bei einem der größten Massenproteste seit Jahren fordert nach Oppositionsangaben eine halbe Million Menschen Neuwahlen. Demonstranten stürzen Kiews zentrale Lenin-Statue.

9. Dezember

Die Behörden leiten Ermittlungen gegen die Opposition wegen eines angeblichen Umsturzversuchs ein. Auslöser sollen Aufrufe zur Blockade des Regierungsviertels gewesen sein. Sicherheitskräfte räumen erste Barrikaden und stürmen das Büro der Vaterlandspartei von Ex-Regierungschefin Timoschenko.

10. Dezember

Hunderte Kräfte der Sondereinheit „Berkut“ (Steinadler) vertreiben Demonstranten aus dem belagerten Regierungsviertel. Die Proteste auf dem Maidan gehen weiter. Polizeikräfte rücken dort gegen die Demonstranten vor. Unterdessen trifft die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton zu Vermittlungsgesprächen in Kiew ein.

11. Dezember

Nach internationaler Kritik am Vorgehen der Sicherheitskräfte zieht die Führung einige Sondereinheiten am Vormittag wieder zurück. Innenminister Witali Sachartschenko sagt: „Ich möchte alle beruhigen – der Maidan wird nicht erstürmt.“

Janukowitsch verurteilte den Überfall und beauftragte Sacharschenko, die Täter zu finden. Die "erfahrensten Ermittler" seien mit dem Fall beschäftigt, erklärte die Polizei. Noch am Mittwoch gab Sacharschenko bekannt, dass drei Verdächtige identifiziert und zwei von ihnen festgenommen worden seien. Nach dem Bekanntwerden des Überfalls zogen in Kiew hunderte Demonstranten vor Sacharschenkos Amtssitz und forderten seinen Rücktritt. Der Minister stand bereits wegen des Vorgehens gegen die regierungskritischen Proteste Ende November in der Kritik.

Die inhaftierte Oppositionsführerin Julia Timoschenko erklärte: "Heute haben sie fast Tanja Schornowil getötet und das sollte der letzte Blutstropfen sein, die letzte Demonstration von Grausamkeit gegenüber unserem Volk, die wir durch unsere Untätigkeit zulassen." Der Oppositionspolitiker Vitali Klitschko verbreitete Fotos einer blutüberströmten Schornowil und schrieb dazu: "Der gegenwärtige Preis der Pressefreiheit in der Ukraine dank des Systems, das unsere gegenwärtige Regierung errichtet hat."

Die US-Botschaft in Kiew verurteilte den Angriff auf Schornowil scharf und sprach von einer "Serie" von Repressionen, die die proeuropäische Opposition offenbar einschüchtern solle. Die EU-Vertretung in der Ukraine kritisierte "zunehmenden Druck auf Aktivisten der Zivilgesellschaft, politische Führer und Journalisten". Am Dienstagabend war bereits der proeuropäische Aktivist Dmitro Pilipez im ostukrainischen Charkiw mit einem Messer niedergestochen worden.

Janukowitsch hatte Ende November offenbar auf Druck Russlands die lang geplante Unterzeichnung eines Assoziierungsabkommens mit der EU abgesagt. Seitdem sieht sich die Regierung in Kiew mit anhaltenden Massenprotesten konfrontiert, allerdings gingen die Teilnehmerzahlen an den Demonstrationen zuletzt zurück. Am Dienstag zahlte Russland als erste Tranche eines vorige Woche vereinbarten Hilfsprogramms drei Milliarden Dollar (2,2 Milliarden Euro) an die Ukraine.

Von

afp

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