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09.08.2015

19:40 Uhr

Regionalkonflikt

Konflikt zwischen Kurden und Türkei eskaliert

Der Konflikt schwelt, nun bricht er auf: Die Türkei geht gegen die Kurden im Nordirak vor, angeblich, um den Terror der PKK zu stoppen. Doch dieser wird täglich massiver und auch Zivilisten geraten zwischen die Fronten.

Sie fordern, dass die Gewalt gegen Kurden enden solle und dass der Chef der Partei PKK, Abdullah Öcalan, freigelassen werden solle: Kurden in Paris. dpa

Kurden protestieren weltweit gegen das türkische Vorgehen

Sie fordern, dass die Gewalt gegen Kurden enden solle und dass der Chef der Partei PKK, Abdullah Öcalan, freigelassen werden solle: Kurden in Paris.

Mardin/InstanbulKurdische Rebellen haben nach Behördenangaben auf ein Polizeifahrzeug im Süden der Türkei geschossen. Dabei sei am Samstagabend ein Polizist getötet und ein weiterer verletzt worden. Das Gouverneursbüro der Provinz Mardin teilte mit, Kämpfer der kurdischen Arbeiterpartei PKK hätten auf Beamte im Streifendienst gefeuert.

In der Türkei war die Gewalt in den vergangenen Wochen aufgeflammt, wodurch ein brüchiger Friedensprozess zwischen der PKK und der türkischen Regierung zerstört wurde. Fast täglich greifen kurdische Rebellen türkische Sicherheitskräfte an, seit Beginn der Eskalation des Konflikts am 22. Juli wurden bei Anschlägen und Gefechten in der Türkei mehr als 30 Menschen getötet, die meisten davon Angehörige der Sicherheitskräfte. Türkische Kampfjets haben derweil mutmaßliche PKK-Stellungen im Norden des Iraks attackiert. Doch die Wirkung und die tatsächliche Zahl der Opfer in den Reihen der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei sind heftig umstritten. Die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu meldete am Sonntag unter Berufung auf anonyme Sicherheitsquellen, 390 PKK-Kämpfer seien getötet und 400 weitere verletzt worden. Die PKK-Führung dementierte dies und sprach von nur sieben Toten in den eigenen Reihen. Die Zahl der getöteten Zivilisten sei aber erheblich, so die Kurdenpartei.

Laut Anadolu sind unter den Toten ein PKK-Bataillonskommandeur, die Anführerin der PKK-Frauenorganisation und rund 30 Kämpferinnen. Offizielle Regierungsangaben gab es dazu nicht. Der operative PKK-Führer Cemil Bayik sagte der ARD bei einem Treffen im nordirakischen Kandil-Gebirge, es seien nur sieben PKK-Kämpfer ums Leben gekommen und neun verletzt worden. Zur Gesamtzahl der Opfer auch unter der Zivilbevölkerung machte er keine konkreten Angaben.

Die Organisationen der Kurden

PKK, YPG und Peschmerga

Der gewaltsame Konflikt der türkischen Regierung mit der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK dauert schon mehr als 30 Jahre. Dabei kamen bislang rund 40 000 Menschen ums Leben. Von 1984 an kämpfte die PKK mit Waffengewalt und Anschlägen für einen kurdischen Staat oder ein Autonomiegebiet im Südosten der Türkei.

PKK

Die Arbeiterpartei Kurdistans ist in der Türkei verboten und steht dort sowie in der EU und den USA auf der Terrorliste. Ihr Hauptquartier ist in den nordirakischen Kandil-Bergen. Von 1984 an kämpfte die PKK mit Waffengewalt und Anschlägen für einen kurdischen Staat oder ein Autonomiegebiet im Südosten der Türkei. PKK-Chef Abdullah Öcalan sitzt seit 1999 in Haft.
Inzwischen ist die PKK nach eigenen Angaben von der Maximalforderung eines unabhängigen Staates abgerückt. Die islamisch-konservative AKP-Regierung und die PKK bemühen sich um einen Friedensprozess. Im März 2013 erklärte die PKK eine Waffenruhe, die seit den türkischen Angriffen auf PKK-Stellungen im Nordirak praktisch beendet ist.

YPG

Die kurdischen Volksschutzeinheiten sind eng mit der PKK verbunden. Sie kämpfen im Norden Syriens und haben sich zu einem erbitterten Gegner des IS entwickelt. Zugleich sind die Kurden in Syrien der wichtigste Partner der von den USA geführten Koalition gegen die Extremisten. Mittlerweile kontrolliert die YPG die größten Teile der Grenze zur Türkei. Dort haben die syrischen Kurden in drei Kantonen Selbstverwaltungen errichtet. Andere Kurden werfen ihnen vor, sie würden die Macht monopolisieren. 

Peschmerga

Bei den Peschmerga handelt es sich um die militärischen Einheiten der irakischen Kurden. Sie waren in der Geschichte vor allem bekannt als Widerstandskämpfer in den Bergen, verwandeln sich aber seit dem IS-Vormarsch mehr und mehr in eine Armee der kurdischen Autonomiegebiete im Nordirak.

Die Organisationen untereinander

Die Peschmerga erhalten Waffen aus Deutschland und anderen Ländern. Bundeswehr und weitere Armeen bilden sie zudem aus. Das Verhältnis der Peschmerga zur PKK und zur YPG ist traditionell angespannt. Trotzdem unterstützten nordirakische Kurden die YPG-Kämpfer im Kampf um die nordsyrische Grenzstadt Kobane.

Zugleich warnte Bayik vor einem Scheitern der Anti-IS-Koalition, falls die Türkei ihre Luftangriffe gegen PKK-Stellungen im Nordirak fortsetzen sollte. „Wir kämpfen alle an der gleichen Front gegen den IS“, sagte er der ARD. „Wenn die US-geführte Koalition sich jetzt aber entscheidet, auf der Seite der Türkei gegen die Kurden zu stehen, dann wird das auch eine Niederlage für die Koalition sein.“ Die Türkei sei der Koalition hauptsächlich beigetreten, um im syrischen Grenzgebiet eine Pufferzone einzurichten, „damit die Kurden sich dort nicht zusammenschließen können“.

Der Ko-Vorsitzende der pro-kurdischen Partei HDP, Selahattin Demirtas, forderte die türkische Regierung und die PKK zu einem sofortigen Ende der Gewalt auf. „Die PKK muss sofort ihren Finger vom Abzug nehmen“, sagte er nach Angaben der Nachrichtenagentur DHA am Samstag in der osttürkischen Stadt Van. Die Organisation müsse sich wieder an den Waffenstillstand halten. Zugleich müsse die Regierung ihre militärischen Operationen beenden und sich zu Verhandlungen bereiterklären. „Die gesamte Gesellschaft erwartet das.“

Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu begrüßte den Aufruf. Er sagte am Samstag bei einem Besuch in der südosttürkischen Stadt Sanliurfa laut Anadolu, seine Regierung unterstütze keine Gewalt, werde aber die Ermordung von Sicherheitskräften nicht hinnehmen.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) warnte vor einer weiteren Eskalation der Gewalt. „Es wäre fatal für die Türkei und für die Region, wenn über die regionalen Konflikte des Mittleren Ostens der innerstaatliche Friedensprozess mit den Kurden jetzt gegen die Wand fahren würde“, sagte er der „Rheinischen Post“ (Samstag).

Kommentare (1)

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Herr Günther Schemutat

10.08.2015, 11:36 Uhr

Jetzt hat Erdogan endlich das Mittel um die Kurden im eigenen Land zu Feinden zu erklären und macht das mit einer Täuschung.

Sein verbündeten IS Kämpfer führen in seinen Namen Anschläge gegen die Türkische Bevölkerung und später auch noch gegen Touristen aus aber bekennen sich nicht dazu. Dann beschuldigt Erdogan die Kurden und so will er sein Ziel erreichen , dass die Kurdenpartei bei Neuwahlen nicht mehr gewinnen kann.

Ein perfider Plan , da auch Deutschland und die USA an seiner Seite stehen.

Schon vergessen, dass Deutschland,Frankreich,USA damals 1988 Sadam/Irak
das Giftgas lieferte , womit Sadam 5000 Tausend Kurden Frauen und Kinder tötete.

Deutsche Politiker schweigen , aber machen sich dadurch mitschuldig und werden dafür diesmal zahlen und nicht die Bürger wie sonst.

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