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17.04.2015

18:45 Uhr

Rekordarbeitslosigkeit in der Ukraine

Die Sehnsucht nach einem ukrainischen Tsipras

VonNina Jeglinski

Ein Viertel der Ukrainer hat keine Arbeit – ein trauriger Rekord. Und diejenigen mit Jobs kämpfen mit Lohnrückständen und Gehaltskürzungen. Nur ein Arbeitgeber schafft sichere Jobs – doch dem misstrauen die Ukrainer.

Jobs sind in der Ukraine rar. Einzig die Polizei und das Militär suchen derzeit Personal. dpa

Ukrainische Polizei

Jobs sind in der Ukraine rar. Einzig die Polizei und das Militär suchen derzeit Personal.

KiewMichail ist seit Anfang des Jahres ohne Job. Er hat fast zehn Jahre in einem Restaurant in der Kiewer Innenstadt als Kellner gearbeitet. „Ohne das Gehalt meiner Frau und die Rente der Eltern säßen wir auf dem Trockenen“, sagt der 34-Jährige. Derzeit überlegt er, ob er sich beim ukrainischen Staat bewerben soll. „Die suchen Polizisten und Soldaten“, berichtet Michail.

Von der staatlichen Fürsorge kann er nicht viel erwarten, eine Arbeitslosenversicherung wie in Deutschland gibt es in der Ukraine nicht. Als er seinen Job verlor, hat er sich gar nicht erst registrieren lassen. Fälle wie der Michails verfälschen die Arbeitslosenstatistik der Ukraine. Anfang April präsentierte das Statistikamt eine Quote von 9,7 Prozent, demnach sind 1,9 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter ohne Einkommen.

Die ukrainischen Parteien und ihre Köpfe

Petro-Poroschenko-Block

Die Parlamentswahl soll der krisengeschüttelten Ukraine an diesem Sonntag eine stabile Regierung bringen. Wegen der Gefechte im Osten werden aber vorerst nur 424 der 450 Sitze in der Obersten Rada in Kiew vergeben, es gilt die Fünfprozenthürde. Um 225 Sitze bewerben sich 29 Parteien mit mehr als 3000 Kandidaten, die restlichen 199 Mandate werden per Direktwahl bestimmt. Stimmberechtigt sind gut 36 Millionen Bürger. Die aussichtsreichsten Parteien im Überblick.

PETRO-POROSCHENKO-BLOCK: „Zeit für Einigkeit“ ist der Slogan der neu gebildeten Partei von Präsident und Namensgeber Petro Poroschenko. Sie liegt in Umfragen weit vorne. Spitzenkandidat ist der Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko, der einen Wechsel vom Rathaus ins Parlament bisher kategorisch ausschließt. Vizeregierungschef Wladimir Groisman auf Listenplatz Vier gilt als Vertrauter von Poroschenko und wird als dessen Favorit für das Ministerpräsidentenamt gehandelt.

Oppositionsblock Silnaja Ukraina

Vertreter der bis zum Machtwechsel im Februar regierenden Partei der Regionen treten getrennt an. Ex-Vizeministerpräsident Juri Boiko muss mit dem Oppositionsblock um den Einzug bangen. Sicher im Parlament dürfte dagegen der ehemalige Sozialminister und Vizeregierungschef Sergej Tigipko mit seiner wiederbelebten Kraft Silnaja Ukraine (Starke Ukraine) sein.

 

Swoboda

Den Rechtsradikalen um Parteiführer Oleg Tjagnibok werden in Umfragen nur geringe Chancen für einen Wiedereinzug gegeben.

Vaterlandspartei

Die Partei von Ex-Ministerpräsidentin Julia Timoschenko hat sich nach dem Weggang „altgedienter Kader“ verjüngt. Listenplatz Eins trat Timoschenko demonstrativ an die Militärpilotin Nadeschda Sawtschenko ab, die in Russland wegen Mordverdachts im Gefängnis sitzt. Kiew wirft Moskau politische Motive in dem Fall vor.

Radikale Partei

Frontmann ist der Abgeordnete Oleg Ljaschko. Sein Markenzeichen ist eine Heugabel, mit der er Kiew „ausmisten“ will.

Narodny Front

Ganz auf Regierungschef Arseni Jazenjuk zugeschnitten ist der Wahlkampf der neugegründeten Volksfront. Auf ihrer Liste stehen viele Kabinettsmitglieder, etwa Innenminister Arsen Awakow. Auch Parlamentspräsident Alexander Turtschinow und der frühere Sicherheitsratschef Andrej Parubij sowie Journalisten und Frontkämpfer stehen Jazenjuk zur Seite. Viele Spitzenkandidaten arbeiteten früher in der Vaterlandspartei von Julia Timoschenko.


Michail kann sich nur schwer mit seiner neuen Situation abfinden. Er stammt aus der Westukraine, aus der Region Ternopil, direkt an der polnischen Grenze. „Als junger Kerl bin ich extra nach Kiew gezogen, weil ich dachte, hier finde ich immer ein Auskommen“, sagt der Familienvater.

Doch selbst in Kiew schließen immer mehr Geschäfte, reduzieren Restaurants und Cafés ihre Mitarbeiterzahlen. Michail war einer von acht Kellnern. „Die teuersten Vier hat der Chef entlassen“, berichtet der schlanke Mann. Ihm sei gesagt worden, er solle sich in einem der zahlreichen Fünf-Sterne-Hotels bewerben. Doch das wollte er nicht.

„Meine Frau hat mir geraten, ins Ausland zu gehen“, erzählt Michail. Vor allem in der Schweiz und in Süddeutschland würden in der Gastronomie Leute händeringend gesucht. Doch da ist die Sprachbarriere, Michail spricht außer Russisch und Ukrainisch nur ein wenig Englisch. Sein Traum wäre es, nach Polen zu gehen. Jetzt hat er sich aber erst einmal bei der Polizei gemeldet.

„Das Bewerberverfahren startet demnächst, die Auswahl ist streng“, sagt Michail. Obwohl die ukrainische Regierung in diesem Jahr mehr als 20.000 Stellen im öffentlichen Dienst streichen will, stehen Polizei und Armee vor einem Neuaufbau.

Alexander Ochrimenko, Präsident des „Analyse Zentrums“, beschreibt in der Tageszeitung „Komsomolskaya Prawda“ den Sicherheitsapparat der Ukraine als „den einzigen Jobmotor, der zurzeit vorhanden ist“. Wer derzeit auf Jobsuche sei, sollte sich dorthin orientieren, weil die Regierung ein auf Jahre hinaus angelegtes, mit großzügigen Mitteln ausgestattetes Aufbauprogramm für diesen Bereich bereithalte.

Kommentare (10)

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Herr Vittorio Queri

17.04.2015, 19:02 Uhr

>> Nur drei von vier Ukrainern haben noch Arbeit – ein Rekord. Und diejenigen in Lohn und Brot kämpfen mit Lohnrückständen und Gehaltskürzungen. >>

Und diese drei, die noch Arbeit haben, gehen meistens in USA,Westeuropa, Kanada den Senioren die Ärsche putzen und den Dreck wegräumen !

Im Lande selbst, bei Gehältern unter 100 $, Renten unter 30 $, Preisen im Vergleich zu Europa um Faktor 2 bis 3 teurer, kann keiner mehr ohne RAUB KLAUEREI mehr überleben.

Alles der EUtopia sei Dank !

Die EUtopia hat den Ukrainern Wohlstand und Mercedese versprochen.....Armut, Krieg, Kriminalität und Unterversorgung gebracht !

>> Die Sehnsucht nach einem ukrainischen Tsipras >>

Den gibt es bereits in der Ukraine ! In Donetsk.

Und der heißt Sachartschenko.

Herr Peter Spiegel

17.04.2015, 19:07 Uhr

All dieses Unheil wegen der EU und Murksel und ihren Auftraggebern in den USA.

Herr Christoph Weise

17.04.2015, 19:39 Uhr

Berlin und Brüssel leisteten und leisten wichtige Beiträge, um die Ukraine vom ihrem mit Abstand wichtigsten Wirtschaftspartner Russland abzuschneiden. Die akute Krise in der Ukraine wurde daher maßgeblich von der deutschen Politik verursacht. Es bleibt ein Rätsel, wie die Experten in Berlin und Brüssel den Wegfall der ukrainischen Exporte nach Russland ausgleichen wollen. Für die meisten dieser Waren gibt es keine Abnehmer in der EU. Die Einkommen der etwa 1 Mio. Pendler, welche in Russland arbeite(te)n, werden spätestens nach dem Bau der neuen Grenzanlagen und der Einführung der Visumpflicht ebenfalls wegfallen. Zudem muss das Land den Wegfall von etwa 15% seines Territoriums und etwa 25% seiner Bevölkerung verkraften. Man addiere die zusätzlichen Kosten im Energiesektor und die erheblichen Mehraufwendungen für die Kriegsführung mit der Ostukraine und man hat daher perfekte Rezept für ein Mega-Desaster. Wieso dieses wahnwitzige Vorgehen von Berlin die Billigung der Bevölkerung findet ist mir schleierhaft. Man sollte sich nichts vormachen: Deutschland und wir Deutschen sind für die Kriegstoten und das Elend in der Ukraine mit verantwortlich und bürden uns hier neben Griechenland, dass wir zu eigenem Nutzen bis zum Rand mit Krediten vollgesteckt haben, eine weitere Schuld auf.

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