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04.11.2015

20:21 Uhr

Religiös, konservativ, militaristisch

Putins Novemberrevolution

VonAndré Ballin

Die Riesenaufmärsche zum Jahrestag der Oktoberrevolution sind Geschichte, jetzt feiert Russland am 4. November den „Tag der Einheit des Volkes“. Der neue Festtag vereint die drei wichtigsten Motive von Putins Politik.

Fototermin: Russlands Präsident Wladimir Putin lässt sich in Moskau mit jungen Kadetten fotografieren. dpa

Auf dem Roten Platz

Fototermin: Russlands Präsident Wladimir Putin lässt sich in Moskau mit jungen Kadetten fotografieren.

MoskauIn strenger Ordnung marschieren die Kolonnen über die Twerskaja uliza, Moskaus Luxus-Einkaufsmeile, hinweg. Einem Block mit hunderten blauen Fahnen und der Aufschrift „Offiziere Russlands“ folgt eine Abteilung mit orange-schwarzen Flaggen des patriotischen St. Georgs-Bands, das zum Symbol der prorussischen Separatistenkämpfer im Donbass-Gebiet wurde. In anderen Einheiten herrscht das weiß-blau-rot der russischen Trikolore vor, die Demonstranten dann auch in Übergröße auf dem Platz vor dem Bolschoi Theater in Sichtweite von Duma und Kreml aufspannen.

85.000 Menschen seien zur Veranstaltung gekommen, heißt es im russischen Staatsfernsehen, das von ähnlichen Kundgebungen in anderen Großstädten berichtet. Die Bilder erinnern an die Riesenaufmärsche zu den Jahrestagen der „Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“, die nach der von den Bolschwiki vorgenommenen Kalenderreform stets am 7. November gefeiert wurde.

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Mit den Luftangriffen nahe Homs hat sich Wladimir Putin in den Syrien-Konflikt manövriert. Ein zweites Afghanistan ist tabu. Was Putin mit dem Einsatz bezweckt. Und wie der Rückhalt der Bevölkerung schwinden könnte.

Die Parallelen sind erstaunlich, wurde der 4. November als Tag der nationalen Einheit doch vor zehn Jahren von Putin eingeführt, um den inzwischen als unpassend empfundenen Revolutionsfeiertag abzulösen. Der neue Festtag vereint dabei drei der wichtigsten Motive Putin’scher Politik: Religiös, konservativ und militaristisch. Bis zur Revolution wurde er nämlich als „Tag der Gottesmutter von Kasan-Ikone“ gefeiert. Unter diesem Heiligenbild hatte 1612 ein russisches Volksheer die polnischen Okkupanten aus dem Kreml vertrieben und damit die „Zeit der Wirren“ beendet.

Das Bild einer äußeren Gefahr, die es gemeinsam abzuwehren gilt, beschwört der Kreml heute gern wieder herauf. Die Betonung militärischer Erfolge entfacht erfahrungsgemäß mehr patriotische Begeisterung als der Hinweis, dass der Befreiung 1612 noch 250 Jahre Leibeigenschaft für die Bauern folgten.

Deutschlands Handel mit Russland

Deutschland und Russland...

...sind wirtschaftlich eng verwoben. Daimler ist am russischen Lkw-Hersteller Kamaz beteiligt, die BASF-Tochter Wintershall arbeitet eng mit Gazprom zusammen, Siemens unterhält eine Partnerschaft mit der Russischen Staatsbahn RZD.

76,5 Milliarden Euro

2013 tauschten beide Länder Güter im Wert von rund 76,5 Milliarden Euro aus. Dabei überstiegen die Importe aus Russland die Exporte.

Erdöl und Erdgas...

...machten drei Viertel der Importe aus Russland aus, die sich insgesamt auf 40,4 Milliarden Euro beliefen.

Im Gegenzug...

...lieferte Deutschland dem Statistischen Bundesamt zufolge Waren im Wert von 36,1 Milliarden Euro nach Russland.

Autos, Maschinen und Chemie

An der Spitze standen die Maschinenbauer (8,1 Milliarden Euro), die Autoindustrie (7,6 Milliarden Euro) und die Chemiebranche (3,2 Milliarden Euro).

Deutschland...

...liegt hinter China auf Rang zwei der Lieferländer Russlands.

Russland hingegen...

...ist der elftwichtigste Absatzmarkt für die deutsche Exportwirtschaft.

Die Geschichtsklitterung hat Erfolg: Eine Mehrheit der Russen begrüßt den anfangs skeptisch aufgenommen und bevorzugt von rassistischen Nationalisten begangenen Feiertag inzwischen. Umfragen nach sind inzwischen 54 Prozent von der Einheit des Volkes überzeugt, als zusammenschweißende Faktoren gelten den Russen die schwierige weltpolitische Lage, die eigene Kollektivmentalität und natürlich die große Unterstützung für den „nationalen Führer“ Putin.

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