Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.05.2014

14:16 Uhr

Rente mit 70 in Down under

Australier arbeiten bis zum Umfallen

VonUrs Wälterlin

Deutschland streitet über die Rente mit 63 – Australien macht die Rente mit 70. Die konservative Regierung will, dass in Down under länger gearbeitet wird. Dieser Schritt gehört zu einem Paket radikaler Sparvorschläge.

Arbeiten bis nichts mehr geht? Australien will die Rente reformieren. Und das Eintrittsalter erhöhen. Getty Images

Arbeiten bis nichts mehr geht? Australien will die Rente reformieren. Und das Eintrittsalter erhöhen.

Sydney, an einem Frühlingstag im Jahr 2036. Kellner Carl serviert – mit zittriger Hand – den Touristen Cappuccino. Fließbandarbeit im Kaffeehaus, Maloche seit sechs Uhr früh. Doch Opa Carl hat keine andere Wahl. Im Alter von 69,5 Jahren muss er noch sechs Monate warten, bis er endlich seine staatliche Rente beziehen kann. Sie ist nicht hoch, ein paar hundert Euro im Monat, wirklich leben kann man davon nicht im Hochpreisland Australien.

Wenn er nicht noch seine Pensionskasse hätte – erst 1992 war sie für Arbeitgeber und -nehmer Pflicht geworden – sähe es schlecht aus. Doch Carl ist einer der Glücklichen. Im Gegensatz zu anderen Betagten sind er und seine Frau berechtigt, eine staatliche Altersrente zu beziehen. Ihr Haus ist weniger wert als 750.000 Dollar. Einen Cent mehr, und das Paar hätte wohl das Heim verkaufen müssen, um sich einen Lebensabend überhaut noch leisten zu können.
Dieses Szenario dürfte für Millionen von Australierinnen und Australier Realität werden. In Deutschland will die Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) das Renteneintrittsalter senken. Ihre Reform sieht eine abschlagfreie Rente mit 63 nach 45 Beitragsjahren vor. Arbeitgeber und die meisten Experten kritisieren, Nahles' Konzept sei weder gerecht noch lösungsorientiert. Sie befürchten eine Frühverrentungswelle.

Die Pläne zur abschlagfreien Rente mit 63

45 Jahre eingezahlt

Wer 45 Jahre lang Beiträge zur Rentenversicherung gezahlt hat, kann mit 63 Jahren ohne Abschläge in den Ruhestand gehen. Für jeden Monat, den die Rente vor dem gesetzlichen Renteneintrittsalter beginnt (2014: 65 Jahre und drei Monate), wird das Altersgeld eigentlich um 0,3 Prozent gekürzt. Dieser lebenslange Abschlag entfällt bei der Rente mit 63.

Altersrente für besonders langjährig Versicherte

Aus der Rente mit 63 wird bis 2029 die Rente mit 65: Die Schwelle soll schrittweise steigen. Die neue „Altersrente für besonders langjährig Versicherte“ gilt ab 63 Jahren nur für Versicherte, die vor dem 1. Januar 1953 geboren sind und deren Rente nach dem 1. Juli 2014 beginnt. Für ab 1953 Geborene steigt die Altersgrenze mit jedem Jahrgang um zwei Monate. Für ab 1964 Geborene liegt sie somit bei 65 Jahren.

Anspruchsvoraussetzungen sinken

Bisher gab es nur eine „Rente für besonders langjährig Versicherte“ ab 65 Jahren. Die neue Rente mit 63 weitet diese Regel aus und senkt zudem die Anspruchsvoraussetzungen. Zeiten der Arbeitslosigkeit werden als Beitragsjahre mitgezählt, wenn Anspruch auf das reguläre Arbeitslosengeld I bestand. Hartz-IV-Empfänger bleiben außen vor.

Was das kostet

Die Kosten wachsen langsam von 900 Millionen Euro 2014 auf 1,9 Milliarden Euro 2015 bis auf 3,1 Milliarden jährlich im Jahr 2030.

Ganz anders verläuft die Debatte in Australien: Eine von der konservativen Regierung in Auftrag gegebene „Überprüfung der Bücher der Nation“ kommt zum Schluss, dass Australier künftig bis zur Erreichung des 70. Altersjahr arbeiten sollen. Nur so könne eine „drohende Haushaltskrise“ abgewendet werden, ein „Notzustand“ in der Staatskasse. Schatzkanzler Joe Hockey findet die Idee brillant: „Das Zeitalter des Anspruchsdenkens sei vorbei“. Wer nach 1965 geboren sei, solle bis 70 arbeiten, sagt Hockey, Jahrgang 1965.

Zweifel am Realitätssinn der Architekten der Vorschläge

Etwa 80 Prozent der Australier beziehen eine staatliche Altersrente, selbst wenn sie Vermögen im Wert von über einer Million Dollar haben – das selbstbewohnte Eigenheim ausgenommen. Die sozialdemokratische Vorgängerregierung hatte schon 2009 entschieden, dem Beispiel anderer Industriestaaten zu folgen und ab 2023 das Rentenalter für Männer und Frauen von 65 auf 67 zu erhöhen. Damit sollen die Folgen einer zunehmenden Überalterung der Bevölkerung begegnet werden: das Durchschnittsalter eines Australiers steht inzwischen bei knapp 82 Jahren. Experten begrüßten den Schritt.

Die nun vorgesehene Aufstockung auf 70 Jahre allerdings, und die Verlinkung der Berechtigung zur Rente zum Wert des Eigenheims – bisher tabu in einem Land mit einem überdurchschnittlich hohen Grad an Eigenheimbesitz – schüren die Emotionen. Zweifel am Realitätssinn der Architekten der Vorschläge werden immer lauter. Die Forderung nach Erhöhung des Rentenalters negiere die Tatsache, dass ältere Leute geringere Chancen haben, eine Stelle zu finden, meint Rafal Chomik, Altersforscher an der University of New South Wales. Zudem sei es „unfair“ von alten Menschen harte körperliche Arbeit zu verlangen.

Kommentare (17)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

06.05.2014, 14:32 Uhr

Richtig So!
Man kann sich die Renten nunmal nicht aus den Rippen schneiden, außer man druckt Geld ohne Ende...
Was das zur Folge hat, könen wir wunderbar in EU & USA beobachten!

Account gelöscht!

06.05.2014, 14:33 Uhr

Mit welchen Themen jämmerlich noch versucht wird um die Rente mit 63 nach 45 Beitragsjahren zu stoppen. Bei diesem Fall aus Australien spielen noch ganz andrer Faktoren eine Rolle. Ich habe selbst dort über 30 Jahre gelebt und habe noch einige Verwandtschaft dort, es geht allen glänzend.
Bin gespannt welche Geschichten noch aus dem Ärmel gezogen werden, vielleicht gibt es ein Land wo die Menschen bis 110 arbeiten und keinerlei Ansprüche haben ? Findet besser Themen wo wirklich viel Geld verschwendet wird.

Account gelöscht!

06.05.2014, 14:51 Uhr

Wenn sonst Nichts wirkt versuchen die Medien mit Polemik zu punkten. Die Rente mit 63 könnten wir uns hier locker gönnen, wenn alle bis mind. 60 arbeiten würden und nicht Großindustrie, Banken und all die am Tropf Hängenden auf Steuerzahlerkosten durchgefüttert würden. Im Übrigen hat Australien ein mit Deutschland in keiner Weise vergleichbares Sozialsystem.
Als Selbständiger sehe ich monatlich, welche Abgaben das Monster Staat für sich monatlich vereinnahmt

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×