Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

28.01.2011

17:56 Uhr

Report aus Kairo

„Hau ab, Mubarak“

VonMartin Gehlen

In den Straßenschluchten der Ägyptischen Hauptstadt strömen die Demonstranten. Die Lage könnte jederzeit eskalieren. Ein Report aus Kairo.

Demonstrant in Kairo. dpa

Demonstrant in Kairo.

KAIRO. Über den Lautsprecher der Mustafa Mahmoud Moschee erschallte noch ein letztes Allah Akbar, dann erfasst ein Sturm die Menge. Mit einem Satz sind alle auf den Beinen. „Weg mit dem Regime“ und „Hau ab, Mubarak“, skandierten sie in den Straßenschluchten des Kairoer Mittelklasseviertel Mohandessin. Eben noch hatten Jung und Alt, Männer und Frauen zusammengekauert und im Gebet versunken auf Rasen, Randsteinen und Straßen rund um das große Gotteshaus mit der beigen Kuppel gesessen. Minuten später schon setzte sich ein unübersehbarer Menschenzug in Bewegung – friedlich, fröhlich und unaufhaltsam.

Der schwarze Kordon der Sonderpolizei, der die Frommen eine Stunde lang mit martialischer Pose umstellt hatten, weicht sofort zurück. Hupende Autos, die Fahrer grüßen mit „Victory“ und die Menge antwortet mit „Freiheit, Freiheit“. Schlagartig hat sich die Anspannung des Morgens entladen, keine Schüsse, keine Prügel. Erleichterung steht in den Gesichtern, als der Marschzug an der nächsten Ecke in die vierspurige Ahmed Abd Al-Aziz Straße in Richtung Nil einbiegt.

„Wut ist etwas Menschliches, aber wir müssen darauf achten, dass kein Schaden entsteht“, hatte zuvor der Scheich der in und vor dem Gotteshaus lagernden Menge ins Gewissen geredet. Auf Ägypten kämen außergewöhnliche Zeiten zu, sagt er und nennt die Meinungsfreiheit den wichtigsten Baustein einer Demokratie „Wir müssen uns aber auch eingestehen, dass alles Neue Geduld braucht“, mahnt er unter dem Beifall der Beter und ruft sie auf, friedlich zu bleiben und „auf die Unfriedlichen einzuwirken, damit unser Land positiv dasteht und das gute Bild der friedlichen Demonstrationen nicht beschmutzt wird“.

Der Tag in Kairo hatte in gespenstischer Ruhe begonnen. Kaum Verkehr auf den Straßen der 20-Millionen-Metropole, vereinzelt kreisten Hubschrauber über der Stadt. Im neuen Terminal von Egypt Air am Flughafen herrschte schon am Morgen ungewöhnlich drangvolle Enge, wie eine Augenzeugin berichtete. Viele besser gestellte Ägypter scheinen die Koffer zu packen und das Land zu verlassen, während sich in Kairo hartnäckig das Gerücht hält, Mubarak-Sohn Gamal habe sich mit seiner Frau nach London abgesetzt. Dort hat er früher studiert und jahrelang als Investment-Banker gearbeitet. Mehr als zwanzig Privatjets sollen auf dem Vorfeld geparkt stehen, offenbar bereit, sofort mit betuchten Passagieren in Richtung Europa zu starten.

Auch das Internet im ganzen Land ist abgeschaltet, Facebook und Twitter verstummt, SMS und Handys funktionieren nicht mehr. Wer die virtuellen Versammlungen zerstört, kann vielleicht auch die reale Versammlungen unterdrücken, so das Kalkül des bedrängten Regimes. „Diese Totalabschaltung in Ägypten ist in der Geschichte des Internets ohne Beispiel“, kommentierte die amerikanische Firma Renesys, die weltweit den Internetverkehr registriert. Einen solchen Schritt hätten noch nicht einmal Tunesien vor seiner „Jasmin-Revolution“ oder der Iran während der Unruhen nach den gefälschten Präsidentschaftswahlen 2009 gemacht.

Und trotzdem hoffte die Facebook-Opposition, dass der Freitag ihr großer Tag des Triumphes wird. „Ägyptens Muslime und Christen werden auf die Straße gehen und kämpfen gegen Korruption, Arbeitslosigkeit, Unterdrückung und Mangel an Freiheit“, hieß es in dem letzten Aufruf, bevor Ägypten digital das Licht ausschaltete. Beigefügt war eine Liste mit 30 großen Moscheen und Kirchen, in denen sich die Protestierer zum Freitagsgebet treffen, um sich dann nach einem Sternmarsch auf den Tahrir-Platz im Zentrum der Hauptstadt zu treffen. Und erstmals seit dem Aufstand des ägyptischen Volkes mobilisierte auch die Muslimbruderschaft ihre gut organisierten Anhänger. „Wir wollen die Proteste nicht anführen, aber wir wollen dabei sein“, erklärte Mohammed Mursi, einer der Führungsfiguren der islamistischen Bewegung.

„Kommt mit, kommt mit“, skandierte derweil der Menschenzug und winkte zu den Balkonen mit den vielen Schaulustigen hoch. Von Minute zu Minute schwoll die Menge an – Väter mit ihren Kindern, Mütter mit Babys, Omas, Opas und viele, viele junge Frauen und Männer. Manche haben noch die Gebetsteppiche über der Schulter, andere tragen schon vorsorglich einen Mundschutz gegen Tränengas. „Warum machst Du nicht mit bei uns?“, neckt ein Demonstrant einen weißhaarigen, rundlichen Polizeioffizier, der mit Walkietalkie und Zigarette in der Hand neben dem Zug herschlendet. Doch der winkt väterlich ab. Bevor der schlaksige junge Mann wieder in der Menge verschwindet, drückt er dem Verdutzten noch rasch einen Kuss auf die Stirn.

Derweil wurde es Gewissheit. Hunderttausende waren in Kairo und Alexandria auf den Straßen, zehntausende in den Städten im Delta und Oberägypten – ein Aufstand des Volkes, wie es ihn noch nie in der Geschichte des Landes gegeben hat. Vereinzelt brennen Büros von Mubaraks National-Demokratischer Partei. Der alte Präsident und seine Spitzenfunktionäre scheinen wie gelähmt. Auch am Freitag blieb der der 82-Jährige stumm und ließ sich nicht blicken, während offenbar in seinem Palast eine Krisensitzung die andere jagt. Stattdessen schickte er am Donnerstagabend seinen Vertrauten und NDP-Generalsekretär Safwat el-Sherif als Boten vor die Presse, einen Hardliner der alten Garde mit dicker Brille und gefärbten Haaren. Mit Hohngelächter quittierten die ägyptischen Journalisten seine Ankündigung, die Partei werde jetzt den Dialog mit der Jugend suchen und ihre Anliegen „mit Priorität“ bearbeiten. Denn – so El-Sherif – „eine Partei ohne Jugend ist eine Partei ohne Zukunft“.

Denn so schnell gibt sich das Regime nicht geschlagen. Drei Tage lang schon setzt die Sonderpolizei Gummigeschosse, Knüppel, Wasserwerfer und Tränengas ein, um die sich ausbreitende Unruhen unter Kontrolle zu bekommen. Über 1200 Menschen sitzen inzwischen hinter Gittern. Auch in Kairo ist das Ringen zwischen dem Regime und seinem Volk am Freitagabend nicht entschieden. Als der Protestzug die historische Löwenbrücke erreicht, ist sie durch vier Armeelastwagen blockiert. Immer wieder rennt die Menge gegen die dicht gestaffelten Hundertschaften an. Eine Tränengasgranate setzt sechs Etagen des Sheraton-Hotels am Nil in Brand, die Bronzefigur auf dem Gala-Platz verschwindet zeitweise ganz in dem weißen, beißenden Rauch. In den Seitenstraßen ringen Menschen mit geröteten Augen nach Luft.

„Das Regime erstickt uns, wir können nicht mehr“, sagt einer von ihnen, während CNN meldet, Friedensnobelpreisträger Mohammad el-Baradei sei sofort nach dem Freitagsgebet in einer Moschee verhaftet worden. Bis in die Abenddämmerung wogt der Kampf um den Zugang zum Tahrir, dem berühmten Platz der Befreiung im Zentrum der ägyptischen Hauptstadt. Und immer abwechselnd schallen Angstschreie und Jubelschreie über den Nil.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×