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20.03.2006

17:00 Uhr

Reportage

Auf gespenstisch schmalem Pfad

VonRüdiger Scheidges

Die einen hassten, die anderen liebten ihn: Milosevic ließ keinen gleichgültig. Zu seiner Beerdigung wird klar, dass die Serben die Vergangenheit noch nicht aufgearbeitet haben.

Trotz seiner Vergangenheit in Serbien immer noch allgegenwärtig: Slobodan Milosevic. Quelle: dpa

Trotz seiner Vergangenheit in Serbien immer noch allgegenwärtig: Slobodan Milosevic.

BELGRAD. Und dann noch dieser kalte gottverdammte Regen. Kaum biegt der silbergraue Mercedes gegen 17.30 Uhr mit der deutschen Beschriftung am Heck „Bestattungen“ auf die letzte große Gerade vor der Villa der Despotenfamilie ein, „schon weint auch der Himmel“, klagt eine Rentnerin. Ein Hutzelwesen aus einem Nest in Bosnien, mit ihrem Ehemann ist sie nach Pozarevac, in die Heimatstadt von Slobodan Milosevic, gekommen. Dreieinhalb Stunden hat der herzkranke Mann seinen abgewrackten „Yugo“ über die Autobahn gequält. Und jetzt, zur letzten Ehrerbietung an „Slobo“, nimmt das Rentnerpaar auch noch den himmlischen Kampfgenossen in Beschlag. Der dankt es ihnen und kippt seinen „Segen“ kübelweise auf den Sarg des toten Tyrannen, der ein strenger Atheist war. Eiskalte Tränen.

Tausende auf dem kärglichen Korso der 50 000-Seelen-Stadt, 60 Kilometer südöstlich der Hauptstadt, suchen in der Heimat des „Schlächters vom Balkan“ nach einem symbolischen Gegengewicht zu den „Verleumdungen“, „falschen Anklagen“ und „Beleidigungen“ des Kriegsverbrechertribunals. Denn Milosevic, das sind sie.

Seitdem der einstige, letzte Machthaber Jugoslawiens in der Den Haager Zelle tot aufgefunden worden war, wollen sie aus dem Kriegsverbrecher einen Märtyrer basteln. Legendenbildung durch Tod ist das Beste, was Milosevic kurz vor der erwarteten Verurteilung wegen Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit passieren konnte. Noch mehr aber nützt das Herzversagen seinen Anhängern. Sie standen akut vor der Entmythisierung ihres Helden. Jetzt ist ihnen das Gegenteil geschenkt worden: eine Todesurkunde als Beleg für den Frevel des Westens an ihrem Mann.

Mit verhärmten Gesichtszügen stehen sich die zumeist alten Anhänger stundenlang die Füße in den Bauch. In Belgrad und in Pozarevac. Sie haben ihre Zukunft offenkundig hinter sich, sind die Verlierer der Demokratie seit dem 7. Oktober 2000, als Milosevic gestürzt und die Demokratie instabil wie ein knarzender Ochsenkarren ins Land gezogen wurde. 40 000 Gespenster einer untergegangenen Ära, in der Serbien Großserbien werden wollte, säumen den letzten Weg, werfen Rosen vor den Mercedes und lobpreisen „den letzten großen Serben“.

„Ich bin erschrocken, wie viele sich hier im Geist Milosevics getroffen haben. Und ich bin erschrocken vor allem über die aggressive Stimmung unter den Leuten. Das verheißt nichts Gutes für Serbien.“ Dusan Velickovic kennt seine Landsleute. Er dreht politische Dokumentarfilme und ist Publizist. „Diese Stärke der Demo haben wir alle nicht erwartet.“

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