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23.03.2006

20:30 Uhr

Reportage

Der Boxer und das Biest

VonMathias Brüggmann

Ex-Schwergewichts-weltmeister Vitali Klitschko fordert bei den Wahlen in der Ukraine am Sonntag die politische Elite des Landes heraus. Es ist wird sein bisher schwerster Kampf.

KIEW. Es ist Dienstagmorgen und immer noch sehr kalt in Kiew. Der Frühling lässt auch hier im Norden der Millionenstadt auf sich warten. Auf einer kleinen Bühne steht der hagere Ex-Abgeordnete Gennadij Nikolajewitsch und ruft in sein Mikrofon: „Ich kümmere mich um eure tropfenden Rohre, Vitali um das Globale.“

Wahlkampfhelfer Nikolajewitsch hat soeben die Klagen der Bürger über marode Wasserleitungen, verdreckte Treppenhäuser und vergammelte Hauswände entgegengenommen, da springt ein drahtiger Hüne mit einem Satz auf die Bühne: Ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko.

Der Mann, der bekannt dafür war, in den schillernden Casinos von Las Vegas um Millionenprämien zu kämpfen, steht nun auf der offenen Ladefläche eines schäbigen Lastwagens. Seine Gegner tragen nicht Shorts und Boxhandschuhe, sondern Pelzmütze und Filzstiefel. „Ich gehe in die Politik, um dieses Land und diese Stadt zu ändern“, will der frühere Champion 200 frierende Zuhörer von sich überzeugen.

Klitschko, der bis vor einigen Wochen in einer Villa in Los Angeles oder einer Doppelhaushälfte in Hamburg-Marienthal wohnte und erst seit kurzem in Kiew lebt, ist Spitzenkandidat der „Pora“-Partei bei der ersten freien Parlamentswahl der Ukraine am Sonntag. Er will einen Sitz in der Werchowna Rada, dem obersten Rat, und gleichzeitig Bürgermeister der Hauptstadt Kiew werden. Es ist sein schwerster Kampf. „Was soll so einer schon machen allein gegen Mafia und Monopole?“ fragt eine grauhaarige Babuschka, während der Zwei-Meter-Mann im edlen grauen Mantel seinen Zuhörern zuruft: „Es geht mir nicht um Posten, ich will etwas ändern. Und ich will in der Politik auch kein Geld machen wie meine Gegner, ich bin schon ein wohlhabender Mann.“

Es sind dies die schlichten Botschaften eines Hoffnungsträgers, von denen es in der Ukraine nicht mehr viele gibt. Die einstigen orangenen Revolutionäre Viktor Juschtschenko, der amtierende Staatspräsident, und Julija Timoschenko, die frühere Ministerpräsidentin, haben das Vertrauen des Volks nach der gemeinsam betriebenen Absetzung von Viktor Janukowitsch in Rekordzeit verspielt.

Politisches Gezänk, Korruptionsaffären und der Gas-Streit mit Russland haben das einst siegreiche Duo entzweit. So weit, dass dem alten Machthaber Janukowitsch am Wochenende die Mehrheit der Wähler zulaufen könnte.

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